Kunst, im engeren Sinn Bildende Kunst in der NS-Zeit war bisher selten ein Thema für die „informationen“. Als die Redaktion begann, sich über die vorliegende Ausgabe Gedanken zu machen, wusste sie noch nicht, wie aktuell sie mit diesen Fragen sein würde. So widmete sich etwa das Frankfurter Städel-Museum erst in diesem Frühjahr in einer Tagung seiner Geschichte in der NS-Zeit. Die Jahre von 1933 bis 1945 war für Museumsleiter und Kunsthändler eine Zeit des großen Einkaufens: Bilder, die jüdische Besitzer veräußern mussten, kamen zu Spottpreisen auf den Markt. Von rund 400 Werken, die allein das Städel damals erwarb, wurden bislang sechs ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben. Das ergaben die aktuellen Nachforschungen.

Der Kunstraub der Nationalsozialisten ist noch lange nicht gänzlich aufgeklärt, und noch längst haben nicht alle Kunstwerke den Weg zurück zu den Eigentümern oder ihren Nachfahren gefunden. Das Ausmaß des Stehlens – und Vernichtens – von Kunstgegenständen aller Art war so groß, dass man auch heute noch nur von Schätzungen sprechen kann. Rund 600.000 Kunstwerke wurden zwischen 1933 und 1945 von Deutschen geraubt: 200.000 innerhalb von Deutschland und Österreich, 100.000 in Westeuropa und 300.000 in Osteuropa. Das Washingtoner Abkommen von 1998 soll dazu beitragen, dass den Bestohlenen Ausgleich und Gerechtigkeit widerfährt. Der Weg ist noch weit.

Die „informationen“ versuchen mit dieser Ausgabe, einige Aspekte dieses Raubzugs zu beleuchten. Was waren die Ziele? Wer waren die Akteure? Die Nationalsozialisten – und Hitler zumal, der sich als Maler versucht hatte – begriffen die Kunst von Anfang an als Feld, auf dem sie ihre Ideologie verankern wollten: weg mit den Werken der Moderne mit ihren vielfältigen internationalen Bezügen, zurück zu der vermeintlich „deutschen“ Kunst. Unliebsame Museumsleute wurden 1933 vor die Tür gesetzt, Künstlern wurden die Arbeitsmöglichkeiten systematisch entzogen. Ihre Werke galten als „entartet“. Christoph Zuschlag schildert, wie die Deutschen in großen Ausstellungen mit der vom Regime erwünschten und ebenso mit der verfemten Kunst konfrontiert wurden. Die Schau „Entartete Kunst“ wurde von Hunderttausenden Besuchern betrachtet. Ihre Wirkung verfehlte sie – bis heute – nicht, stellt Zuschlag fest. Gegenwartskunst trifft auch jetzt häufig auf Ablehnung – mit ähnlichem Vokabular wie seinerzeit: „Psychopathenkunst“ oder „Verschwendung von Steuergeldern“. Auch Andreas Hüneke befasst sich mit dem Umgang mit Kunst und Künstlern in der NS-Zeit. Ein exemplarischer Maler ist für ihn Emil Nolde, dessen Werke teils von den Nazis geschätzt wurden, teils in der Propaganda-Schau über „entartete“ Kunst zu sehen waren. Kathrin Iselt schildert am Beispiel des Kunsthistorikers Hermann Voss, der Bilder für Hitlers geplantes Museum in Linz sammelte, wie Kunsthandel
und -wissenschaft zu Handlangern des Regimes wurden. Ein ganz anderes Kapitel künstlerischen Wirkens in der Zeit zwischen 1933 und 1945 zeigt Agnieszka Sieradzka: Sie schildert das Leben und die Kunst von Mieczysław Koscielniak, der als Häftling das Leiden seiner Mitgefangenen in Auschwitz malte.
Diese Ausgabe der „informationen“ durchziehen biografische Notizen von Bauhaus-Künstlern. Viele von ihnen mussten nach dem Verbot des Bauhauses Deutschland verlassen, manche dienten sich den neuen Machthabern an, andere gingen in eine „innere Emigration“. Die Kästen sind nach Prinzipien des Bauhauses gestaltet: Typografie, Layout und Form sind an dieses große Projekt der deutschen Moderne angelehnt.

Zu anderen Themen dieses Heftes: Jörg Wollenberg berichtet über eine 1936 im Pariser Exil entstandene Deutschlandkarte, die alle Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse verzeichnet. Sie war für die ausländischen Teilnehmer der Olympischen Spiele gedacht und gelangte so auch an deutsche Sportler. Jochen August schildert neue Erkenntnisse über „Szlamek“, einen der ersten Zeugen der Massenvernichtungen in deutschen Lagern. In der Sparte „Filme und Neue Medien“ werden unter anderem die Filme „Der Junker und der Kommunist“ und „Stolperstein“ beleuchtet. Wie immer findet sich ein umfangreicher Rezensionsteil im Heft.
Eine Korrektur haben die „informationen“ nachzutragen: Im Beitrag von Dietmar Sedlaczek in der letzten Ausgabe wurde eine unkorrekte Literaturangabe gemacht. Richtig heißt es: Fings, Karola; Sparing Franz, „Tunlichst als erziehungsunfähig hinzustellen.“ Zigeunerkinder und -Jugendliche: Aus der Fürsorge in die Vernichtung. In: Dachauer Hefte 9, 1993, H. 9, S. 159–180.

Die Redaktion