Die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit steht berechtigterweise im Zentrum des Gedenkens. Literatur, wie z.B. das Tagebuch der Anne Frank, Denkmäler und Gedenkstätten oder auch die „Stolpersteine“ versuchen einen Raum für das Gedenken an (individuelle) NS-Opfer zu schaffen. Die Seite der Täter bleibt hingegen oft anonym und verschwommen. Erinnert wird an die „Opfer von Krieg und Gewalt“, es wird auf Deportations- orte hingewiesen, ohne an die näheren Umstände zu erinnern. Die Täter werden in den seltensten Fällen genannt. Denunziert, verurteilt, hingerichtet oder ermordet haben aber immer konkrete Menschen, meist ganz „normale“ Deutsche.

Nach 1945 breitete sich schnell ein Mantel des Schweigens über die Täter aus. Die meisten fanden den Weg zurück in ein normales Leben, nicht selten genug in ähnlichen Positionen wie in Medizin, Justiz und Verwaltung. Eine juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen vor deutschen Gerichten begann erst 1958 mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozess. Die Bevölkerung reagierte reserviert, oft ablehnend. Ähnlich verhielt es sich beim Auschwitz-Prozess.

In dieser Zeit erschien auch das 1965 in der damaligen DDR erschienene „Braunbuch – Kriegs- und Nazi- verbrecher in der Bundesrepublik“. Das Interesse war enorm, die ersten Auflagen rasch vergriffen. In der Bundesrepublik galt das Buch weithin als „Propaganda-Machwerk“ im Kalten Krieg und löste eine Welle der Empörung aus. Tatsächlich waren aber fast alle Angaben über die rund 1.800 NS- und SS-Täter zutreffend; weniger als ein Prozent der Daten erwiesen sich als falsche Beschuldigungen.
Die bundesdeutschen Aufgeregtheiten um die Nennung der Täter sollten sich fortsetzen. Ingo Müllers Buch „Furchtbare Juristen“, die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“, Daniel Jonah Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ oder auch die Angriffe auf eine junge Journalistin/Historikerin, die die Verstrickungen Passauer Bürger mit dem NS-Regime aufdeckte, ließen sich in diesem Zusammenhang exemplarisch nennen. In allen Fällen kam es zu heftigen (Abwehr-)Reaktionen.

Zur Zeit sieht es so aus, als wolle die Justiz Versäumtes nachholen. Eine ganze Reihe von nahezu 90-Jährigen muss sich im Moment verantworten. In München steht John Demjanjuk wegen Mordes vor Gericht, und eine Verurteilung scheint nicht ausgeschlossen. Dasselbe Gericht verhängte im August 2009 über den ehemaligen Gebirgsjäger-Offizier Josef Scheungraber eine lebenslange Freiheitsstrafe und am 23. März dieses Jahres verurteilte das Landgericht Aachen den 88jährigen Heinrich Boere wegen etlicher Morde in den Niederlanden
ebenfalls zu Lebenslänglich. Aber allein aus Altersgründen wird die Strafverfolgung bald ein Ende finden.

Die Beiträge dieser Ausgabe der „informationen“ blättern nun ein breites Spektrum der Gruppe der NS-Verbrecher und des teilweise skandalösen Umgangs mit ihnen nach 1945 auf. Angelika Benz befasst sich mit den Veränderungen des Täterbildes in der Bundesrepublik. Dass am Volksgerichtshof auch Laienrichter aktiv waren ist nahezu unbekannt. Der Beitrag von Wolfgang Form widmet sich dieser Tätergruppe. Carina Baganz beleuchtet die bislang oft wenig beachteten Täter aus frühen KZs. Auf die November-Pogrome und ihre Vollstrecker in Siegen blickt Kurt Schilde in seinem Beitrag. Uwe Bader schildert das Beispiel Georg Hempens, der das Sonderlager Feste Goeben in Metz leitete. Eine ungewöhnliche Tätergruppe stellt Elisabeth Kohlhaas vor: weibliche Mitarbeiter der Gestapo. Wie die Aufarbeitung von Täterschaften aussehen kann und welche Reaktionen diese auslösen können, schildert schließlich ein Interview zum Buchprojekt „Stuttgarter NS-Täter“.

Dass NS-Tätern der Prozess gemacht wurde, haben wir oft dem couragierten Wirken von Einzelnen zu ver- danken. Genannt seien hier beispielsweise Beate und Serge Klarsfeld, Simon Wiesenthal, Fritz Bauer oder Thomas Harlan. Mut und Kraft haben wiesen aber auch jene Überlebende bewiesen, die in direkter Konfrontation mit den Tätern und oft genug bei diffamierenden Fragen der Verteidigung, in den NS-Prozessen ausgesagt haben. Exemplarisch stellen wir einige ihrer Biografien vor.

Auf die augenfälligste Neuerung des Heftes sei hier zuletzt hingewiesen: Mit den „Materialen zur historisch-politischen Bildung“ haben wir eine neue Rubrik eingeführt. Die „informationen“ erscheinen darüber hinaus im neuen Layout.Moderner, aber nicht modisch, lesefreundlich und übersichtlich soll es sein. Beide Veränderungen resultieren aus Impulsen eines Workshops des Vorstandes mit unserer früheren Mitarbeiterin Karin Scherer (Roter Faden-PR; www.roterfaden-pr.de). Auf die Reaktionen unserer Leserinnen und Leser sind wir gespannt.

Der Vorstand