Der deutsche antifaschistische Widerstand war, das ist heute unumstritten, Teil des international geführten Kampfes gegen den Faschismus und muss in dieser Wechselbeziehung begriffen und definiert werden. Gleichzeitig hat sich der Blick auf die Hintergründe und Formen des Widerstandes geweitet.
      
Im November 2000 eröffnete der Vorstand in den „informationen" eine Diskussion um den Namen des Studienkreises. Dabei ging es uns aber nicht nur um den Namen. Wir wollten einen Anstoß geben, um ganz grundsätzlich darüber nachzudenken und zu diskutieren, ob der Begriff „deutscher Widerstand" inhaltlich tatsächlich das bezeichnet, was der Studienkreis in den Jahren seit seiner Gründung 1967 geleistet hat bzw. was er in Zukunft leisten soll, leisten muss.

Zugespitzt ging und geht es um das Wort „deutscher Widerstand". Diese Bezeichnung führte und führt immer wieder zu Fragen. Ist sie nicht irreführend? Entspricht sie den historischen Tatsachen? Verengt und reduziert sie den Widerstand nicht in einer nicht vertretbaren Weise?

Dabei geht es in der Diskussion nicht um die grundsätzliche Frage nach Existenzberechtigung des Studienkreises. Im Gegenteil! Alle an der Diskussion Beteiligten bewegt die Frage danach, wie Name und Tätigkeit des Studienkreises in Übereinstimmung gebracht werden können. Dabei wird deutlich, dass alle Diskutanten darauf verweisen, dass dieses Beziehungspaar nicht unhistorisch betrachtet werden kann und darf, dass sich die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen seil 1967 gründlich gewandelt haben und diesem Umstand in zukünftigen Überlegungen Rechnung getragen werden muss.

Die Widerstandsforschung und -vermittlung des Studienkreises und auch anderer Forschungseinrichtungen hat tatsächlich die engen deutschen Grenzen bereits überschritten und sich auf Europa ausgedehnt. Man kann den deutschen antifaschistischen Widerstand nicht ohne die Résistance in Frankreich oder ohne die Beteiligung an Partisaneneinsätzen in der Sowjetunion und Polen, in Griechenland und Italien denken, und umgekehrt natürlich auch. Schon seit langem werden die Widerstandsaktionen ausländischer Zwangsarbeiter in Deutschland in die Forschungsarbeit miteinbezogen. Die Beschäftigung mit dem Anteil deutscher AntifaschistInnen im Spanischen Bürgerkrieg, im Saarkampf oder im Kampf gegen die Henleinfaschisten in der Tschechoslowakei ist nicht mehr wegzudenkender Teil der Arbeit des Studienkreises.

Der deutsche antifaschistische Widerstand war, das ist heute unumstritten, Teil des international geführten Kampfes gegen den Faschismus und muss in dieser Wechselbeziehung begriffen und definiert werden. Gleichzeitig hat sich der Blick auf die Hintergründe und Formen des Widerstandes geweitet. In der heutigen Forschungsarbeit des Studienkreises findet auch der Widerstand seinen Platz, der nicht nur politisch motiviert war. Seit vielen Jahren dokumentiert der Studienkreis in Zusammenarbeit mit den bisher in der Forschung weitgehend ausgegrenzten Opfergruppen, wie den Homosexuellen, Sinti und Roma, den Zeugen Jehovas und den „Euthanasie“-Geschädigten, deren Anteil am antifaschistischen Widerstand.

Der Begriff "deutschcher Widerstand" kann heute zu falschen Vorstellungen führen. Der Begriff "antifaschistischer Widerstand" ist eindeutig und kann nicht missverstanden werden. Er lässt auch die sehr weitgehenden Erwartungen nach tätiger Selbstkritik und eine Annäherung an die Wirklichkeit zu - zwei Erwartungen, die der Studienkreis im übrigen seit seiner Gründung erfüllt hat. Sie können und sollen aber noch vertieft werden.

Die Entscheidung zur Namensänderung muss eine vom überwiegenden Teil der Mitglieder getragene Entscheidung sein! Die geringe Beteiligung an der Diskussion hat jedoch nicht den Schluss zugelassen, dass die Mitglieder des Studienkreises derzeit auf der Grundlage einer ausführlichen Abwägung des Für und Wider zu einer Entscheidung bereit sind.

Dennoch ist für den Vorstand damit die Diskussion nicht beendet. Wir werden weiterhin für eine Anpassung des Namens an die heutigen Aufgaben und Ziele des Studienkreises werben.

Die Überlegung, den Namen zu ädern, ist sicherlich einem Generationswechsel und der historischen Entwicklung zu schulden. Klar ist: die Arbeit des Studienkreis soll nach wie vor einem (weiteren) Erstarken faschistoider Kräfte und Bewegungen entgegenwirken. Dies möchten wir in enger Verbundenheit mit den Idealen der Begründerlnnen des Studienkreises leisten.

Cora Mohr, Dirk Krüger