"Wir wollen zeigen und anschaulich machen: es sind nicht einzelne Personen, die aus irgendwelchen Gründen (aus Deutschland) vertrieben wurden. Opfer des Nazi-Fanatismus ist vielmehr die komplexe Kultur - die wahre deutsche Kultur, die immer ein schöpferischer Teil der europäischen Kultur und der Welt-Kultur war."    

So schreiben es Erika und Klaus Mann im Vorwort zu ihrer Darstellung deutscher Kultur im Exil, die bereits 1939 unter dem Titel "Escape to Life" in den USA erschien. Dieses Buch, das einen einzig artigen, außerordentlich umfassenden und einfühlsamen Überblick über die bis Ende 1938 ins Exil getriebenen deutschsprachigen Künstler aus allen Kulturbereichen, Maler, Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler ermöglichte, erschien im Übrigen erstmals 1996 in deutscher Sprache.

Die deutsche Nachkriegsgesellschaft vor allem in Westdeutschland tat sich schwer mit der Wiederaufnahme der exilierten Künstler, besonders dann, wenn sie auch nach 1945 klar und deutlich auf die Verstrickung großer Teile der Bevölkerung und eines Teiles ihrer Kolleginnen und Kollegen in die Verbrechen der nationalsozialistischen Barbarei aufmerksam machten. Erinnert sei an Marlene Dietrich, die als "Vaterlandsverräterin" beschimpft wurde und um deren Ehrung durch ihre Geburtsstadt Berlin noch bis vor kurzem gekämpft werden musste. Ähnliches widerfuhr bis heute noch dem Kabarettisten und Chansonnier Georg Kreissler in Österreich.

Und so lässt sich wohl auch das so späte Erscheinen des Buches von Erika und Klaus Mann in Deutschland erklären, galt doch gerade Klaus Mann lange Zeit als "Nestbeschmutzer", der mit seinem bereits im Exil entstandenen Roman "Mephisto" den karrieristischen Opportunismus deutscher Künstler in der Person des Hendrik Höfgen so treffend zeichnete, dass die Nachfahren von Gustav Gründgens sich genötigt fühlten, das Erscheinen des Romans in Deutschland durch Gerichtsbeschluss jahrzehntelang zu verhindern, weil sie um den "guten Ruf" des sich dem nationalsozialistischen Kulturbetrieb andienenden Schauspielers und Theaterintendanten fürchteten.

Was Erika und Klaus Mann nicht beschrieben, weil sie sie im Exil nicht wahrnehmen und weil sie erst nach dem Ende der Verfolgung und des Naziregimes an die Öffentlichkeit gelangen konnten, waren all die kulturellen Zeugnisse, die in der Situation der Verfolgung, der Entrechtung, der Angst und des Schreckens als Ausdruck einer sich bewahrenden Individualität, einer Form der Selbstbehauptung, des Widerstandes gegen die von den Nazis erbarmungslos betriebene Zerstörung des Individuums bis zum industriell betriebenen Massenmord entstanden. Eine Vielzahl von Zeichnungen, Gedichten, Texten, aber auch Musik, Lieder, Theaterstücke gehören zur kulturellen Überlieferung.

Standen in der bisherigen Auseinandersetzung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, des Holocaust und des Widerstandes neben den Orten der Verfolgung und des Widerstandes vor allem die Menschen, die sie erlebten, erlitten und gegen sie kämpften, die authentischen Zeitzeugen, im Mittelpunkt der Vermittlungsarbeit, so müssen in Zukunft neue Vermittlungszugänge konzipiert
werden. Dabei wächst den kulturellen Zeugnissen eine immer größere Bedeutung zu. Inhaltlich eingebettet in den Kontext, in dem sie entstanden, ermöglichen sie einen ähnlich individuellen, persönlich erfahrbaren und damit authentischen Zugang. Ein solcher Vermittlungsprozess ist jedoch nur dann erfolgreich, wenn er als aktiver Prozess verstanden wird, der es den interessierten Menschen ermöglicht, sich mit genügend begleitenden Informationen den Zugang selbst zu erarbeiten.

Geschichte begreifbar zu machen und als Lernfeld für zukünftige Generationen zu erschließen setzt voraus, dass ein emotionaler Zugang geschaffen wird, der begleitet wird durch notwendige Hintergrund informationen und den Verweis auf zusätzliche Materialquellen. Der Studienkreis hat mit der Ausstellung "Kinder im KZ Theresienstadt - Zeichnungen, Gedichte, Texte" einen grundlegenden Anstoß in diese Richtung gegeben. Im Sommer wird der Katalog zur Ausstellung erscheinen. Ausstellung und Katalog ermöglichen einen für Jugendliche gut erfassbaren Zugang zur Thematik der Verfolgung, der antisemitischen Ausgrenzung von Menschen, des Schreckens und Terrors im Konzentrationslager und zu den Möglichkeiten und Formen des Widerstehens und Überlebens von Kindern und Jugendlichen. Zusätzlich können wir Lehrerinnen und Lehrern weitere Hilfen bei der Vermittlung von Zeitzeugengesprächen, Stadtrund gängen, der Organisation von begleitenden Veranstaltungen und dem entdeckenden Lernen in unserem Archiv und unserer Bibliothek anbieten. Wir wünschen uns sehr, dass dieses Angebot von vielen Schulen wahrgenommen wird und erhoffen uns dabei die Unterstützung der entsprechenden kommunalen und staatlichen Institutionen.

Eine weitere Form des kulturellen Zugangs zur Thematik der Verfolgung und des Widerstandes wurde bei einer Veranstaltung der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer am 27. Januar 2003 in Frankfurt/Main vorgestellt. Neben der sehr persönlich gehaltenen Vorstellung einzelner Biografien von Überlebenden stand eine von zwei Schauspielern gehaltene Lesung aus Entschädigungsakten im Mittelpunkt der Veranstaltung, die musikalisch von Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters der Roma und Sinti begleitet wurde. Diese szenische Bearbeitung von zunächst einmal sehr trockenen Dokumenten aus Entschädigungsverfahren hinterließ einen tiefen Eindruck bei den Besuchern.

All diese wichtigen Formen eines kulturellen Zugangs zur Geschichte lassen sich jedoch nur verwirklichen, wenn dafür auch weiterhin öffentliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden und die Möglichkeiten einer aktiven und somit immer wieder neuen Erschließung des geschichtlichen Lernfeldes nicht einem abschließenden musealen Gedenkkonzept geopfert werden.

Heiko Lüßmann