"Deutsche Menschen, wisst ihr, was durch eure Schuld und Mitschuld geschehen ist in den Jahren des Heils 1933 bis 45? Wisst ihr, dass es Deutsche waren, die Millionen und Millionen friedfertiger, harmloser Europäer mit Methoden umgebracht haben, die den Teufel selbst schamrot machen würden? Kennt ihr die Bratöfen und Gaskammern von Maidanek, den Jauchenberg verwesender Mordopfer in Buchenwald, Bergen-Belsen und hundert anderen Höllenlagern selbst?"     
Franz Werfel, 1945

Nach dem Aufdecken rechtsterroristischer Kreise in München im September schrieb der Kommentator der Frankfurter Rundschau: Der Rechtsextremismus "kommt von innen, mitten aus Deutschland. Die Ideologie der Ungleichheit, der Hass auf das Fremde und nicht zuletzt der Antisemitismus lassen sich in jeder zweiten Kneipe hören. Dies ist die Gefahr, die das demokratische Deutschland bekämpfen muss."

Orientierung wird nicht nur gebraucht, sie wird auch gesucht. Zur Orientierung gehört, die Geschichte des Nationalsozialismus zu verstehen, ihre Abläufe zu durchschauen, zu erkennen, wie unterschiedlich Menschen sich in ihr verhalten und sie damit beeinflusst haben. Der Zugang zur Geschichte erschließt sich am intensivsten über Personen, über Biografien, über Menschen, die mit ihrer ganz individuellen Geschichte einen Blick frei geben auf die Opfer, die Täter, die Widerständigen. Die Gründung des Studienkreises war davon geprägt, dass ihre Gründer der Verleugnung und Verdrängung der NS-Geschichte und der Reduzierung des Widerstandes auf die Männer des 20. Juli 1944 endlich ihre Geschichte entgegenstellen wollten. Sie taten dies, indem sie in die Schulen gingen, indem sie ihre Erfahrungen, ihre ganz persönliche Geschichte in unzähligen Gesprächen an Schüler weitergaben. Inzwischen sind viele von ihnen gestorben. Allein in diesem Jahr verlor der Studienkreis mit Heinz Brüdigam, Alfred Hausser und Willy Schmidt drei große Persönlichkeiten, die mit ihrem unermüdlichen Wirken, solange es ihre Kräfte zuließen, bestrebt waren, jungen Generationen die Geschichte des Nationalsozialismus und über ihre Persönlichkeit eine Kultur des Widerstehens auch gegen gegenwärtige Tendenzen und Entwicklungen des Rechtsradikalismus und Neofaschismus zu vermitteln.

Die Ansätze der Vermittlungsarbeit sind einem beschleunigten Veränderungsprozess unterworfen. Biografien lassen sich fast nicht mehr durch das persönliche Gespräch erschließen. Es müssen neue Formen der Vermittlung entwickelt werden, um widerständige Biografien begreifbar zu machen. Dieser Aufgabe werden wir uns in Zukunft verstärkt widmen in den "informationen", bei der Mitarbeit an dem Internetportal "Topografie der NS-Zeit" der Stadt Frankfurt am Main zum Thema Widerstand und in der Entwicklung von neuen Vermittlungs-konzepten in der Arbeit mit Schülern und jungen Menschen.

Dass Persönlichkeiten, Namen, Biografien immer auch politisch und ideologisch benutzbar sind und benutzt werden, muss immer wieder thematisiert werden. Es brauchte Jahrzehnte, um das mutige und weitsichtige Handeln des Hitlerattentäters Georg Elser durch die Herausgabe einer Sonderbriefmarke erstmals öffentlich zu ehren. Im Gegensatz zum in der deutschen Nachkriegsgeschichte als Symbol des moralisch-integren, bürgerlich-militärischen Widerstandes hochstilisierten Attentats vom 20. Juli, das am Vorabend einer unausweichlichen militärischen Katastrophe und des sich abzeichnenden Zusammenbruchs des Naziregimes erfolgte, setzte der Handwerker Georg Elser 1938 in einer Zeit, als die meisten Deutschen und vor allem die Wehrmacht dem Naziregime uneingeschränkt zujubelten, sein Leben aufs Spiel, um den Krieg zu verhindern.

Bei der Entsorgung der DDR-Geschichte wurde im Zuge der Umbenennung von Straßen und Plätzen in den neuen Bundesländern so mancher Widerstandsname ohne Diskussion und Bedenken getilgt und somit dem gesellschaftlichen Gedächtnis entzogen. Widerstandsbiografien, die den Widerstand der Sinti und Roma nach-zeichnen, sind noch immer weitgehend unbekannt. Gleichzeitig wird das Erinnern an die Täter häufig mit dem Argument der Wahrung der Persönlichkeitsrechte verhindert. Der Journalist und Publizist Ernst Klee hat sich wie kein anderer über Jahrzehnte hinweg mit großer Energie den Biografien der Täter und ihrem Werdegang nach 1945 gewidmet. Mit seinem gerade erschienen "Personenlexikon zum Dritten Reich" hat er ein Standardwerk geschaffen, das mit 4300 stichwortartigen Einträgen einen eindrucksvollen Überblick über die Täter und ihre Karrieren nach 1945 gibt.

Wie wichtig und unverzichtbar die Auseinandersetzung mit dem politischen Umgang mit Biografien ist, zeigt die schamlose Vereinnahmung des jüdischen Dichters Franz Werfel durch den Bund der Vertriebenen und seine Stiftung "Zentrum gegen Vertreibung". Mit der erstmaligen Verleihung des "Franz-Werfel-Menschenrechtspreises" 2003 will die "Stiftung gegen Vertreibung" das von ihr propagierte Zentrum gegen Vertreibung in Berlin ideologisch untermauern und, wie Erich Später es ausdrückt, "die deutsche Tätergesellschaft in ein nationales Kollektiv von Opfern umwidmen". Dabei dient der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach der Dichter des Romans "Die vierzig Tage des Musa Dagh", in dem Werfel 1932/33 die Verfolgung der Armenier durch den türkischen Staat während des ersten Weltkriegs anprangerte, als Feigenblatt für ihre Interessen. Die Proteste der jüdischen Gemeinde Prags gegen die Benennung des Vertriebenenpreises nach Franz Werfel wurden arrogant abgewiesen. Franz Werfel konnte vor den Nazis in die USA fliehen. Die kleine Fabrik seiner Eltern wurde 1939 enteignet und "arisiert". Der Großteil seiner Familie wurde in Auschwitz, in Treblinka und in Mauthausen ermordet. Die Antwort auf seine Vereinnahmung durch den Bund der Vertriebenen hat Franz Werfel wenige Monate vor seinem Tod im August 1945 aus Anlass der deutschen Kapitulation im Mai 1945 selbst gegeben: "Deutsche Menschen, wisst ihr, was durch eure Schuld und Mitschuld geschehen ist in den Jahren des Heils 1933 bis 45? Wisst ihr, dass es Deutsche waren, die Millionen und Millionen friedfertiger, harmloser Europäer mit Methoden umgebracht haben, die den Teufel selbst schamrot machen würden? Kennt ihr die Bratöfen und Gaskammern von Maidanek, den Jauchenberg verwesender Mordopfer in Buchenwald, Bergen-Belsen und hundert anderen Höllenlagern selbst?"

Heiko Lüßmann