aus: informationen Nr. 49, Mai 1999

Als im Juli 1936 die unter Franco vereinigten antidemokratischen und faschistischen Kräfte gegen das republikanische Spanien putschten und schon bald massive militärische Unterstützung durch das faschistische Deutschland und Italien erhielten, erhob sich bekanntlich in den noch freien westlichen Ländern, insbesondere auf seiten deutscher Emigranten, eine breite Welle der Sympathie für die republikanische Seite. Tausende deutscher Freiwilliger, Arbeiter wie Intellektuelle, reisten nach Spanien, um dort u.a. im Rahmen der Internationalen Brigaden den Republikanern im Kampf gegen Franco und seine Verbündeten militärisch beizustehen, andere, vor allem Journalisten und Schriftsteller, besuchten das Land, um mit ihrem Besuch ein Zeichen zu setzen bzw. um authentisch über diesen Krieg zu berichten und sich auf diesem Wege mit dem spanischen Volk zu solidarisieren.

Zu den damaligen Spanien-Reisenden gehörten auch eine Reihe renommierter Frauen, unter ihnen Anna Seghers , Erika Mann und Anna Siemsen. Letztere hat unmittelbar nach ihrer Rückkehr im Frühjahr 1937 ihre Reiseeindrücke und -reflexionen unter dem Titel "Spanisches Bilderbuch" publiziert. Obwohl der - in der ersten Auflage mit wertvollen dokumentarischen Fotos ausgestattete - Band nach dem Krieg auch in Deutschland noch einmal erschienen ist , hat er selbst bei der kleinen Gruppe von Forschern und Forscherinnen, die sich überhaupt mit Anna Siemsen beschäftigt haben , bislang nur wenig Beachtung gefunden. Zu Unrecht, wie ich meine. Ihr Bericht gibt einen anschaulichen Eindruck von den Verhältnissen im Frühjahr 1937, ist somit von hohem dokumentarischem, zugleich jedoch auch von großem analytischem Wert. Zudem macht er mit einer Pädagogin bekannt, die sich mit ihrer sozialwissenschaftlichen, am Ideal einer gerechteren Gesellschaft orientierten Wahrnehmung von Erziehungsfragen sowie ihrem daraus resultierenden politischen Engagement für antifaschistische Solidarität wohltuend von der überwiegenden Mehrheit der rein geisteswissenschaftlich und politisch national-konservativ ausgerichteten deutschen Pädagogenschaft unterschieden hat , gerade deshalb aber von den Nazis 1933 ins Exil vertrieben wurde. Wer war diese Frau?

Anna Siemsen - Werdegang einer sozialistischen Pädagogin

Anna Siemsen, 1882 als zweite Tochter eines evangelischen Pfarrers im westfälischen Mark in der Nähe von Hamm geboren, wuchs dort mit der älteren Schwester und drei jüngeren Brüdern auf, von denen zwei, August und Hans Siemsen , ebenfalls bekannte Sozialisten und Antifaschisten wurden. Ausschlaggebend für ihr sozialistisches und antifaschistisches Engagement dürfte zunächst die ethische, auf "Gerechtigkeitssinn, Empörung gegen das Unrecht und tätiges Mitleid" hin ausgerichtete religiöse Orientierung der Eltern gewesen sein (Aug. Siemsen 1951, S. 19), später kamen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit, insbesondere die Einsicht in "die Schamlosigkeit des Kriegsgewinnlertums, dem die furchtbare Verelendung des arbeitenden Volkes gegenüberstand" (ebd., S. 32), aber auch "das nationalistisch-militaristische Verhalten der Kirche" im Krieg hinzu (ebd., S. 19).

Bereits während des Krieges engagierte sich Anna Siemsen im Bund Neues Vaterland, der späteren Deutschen Liga für Menschenrechte. 1918 wurde sie Mitglied der USPD, nach deren Auflösung der SPD, zwischen 1931 und 1933 der SAP; zwischen 1928 und 1930 war sie - übrigens gleichzeitig mit ihrem Bruder August - Reichstagsabgeordnete (vgl. ebd., S. 66). Darüber hinaus gehörte sie zahlreichen pazifistischen und sozialistischen Organisationen und Verbänden wie der Deutschen Friedensgesellschaft, der Frauenliga für Frieden und Freiheit und dem Bund Entschiedener Schulreformer an.

Ungewöhnlich wie ihr politischer war ihr beruflicher Werdegang. Nach Volksschule, Höherer Töchterschule und Lehrerinnenseminar legte sie 1905 mit 23 Jahren noch das Abitur als Externe am Gymnasium in Hameln ab, studierte Germanistik, Philosophie und Alte Sprachen in München, Münster und Bonn und schloß ihre Studien 1910 mit Staatsexamen und Promotion ab. Nach Tätigkeiten als Lehrerin in Detmold, Bremen und Düsseldorf wurde sie nach dem Kriege aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation und ihres politischen Engagements mit Leitungsfunktionen in Schulverwaltungen SPD-regierter Länder wie Kommunen betraut: als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, als Besoldete Beigeordnete für das Fach- und Berufsschulwesen in Düsseldorf sowie als Oberschulrätin beim Magistrat der Stadt Berlin.

Im Herbst 1923 erreichte sie der Ruf der aus SPD und USPD zusammengesetzten rein sozialistischen Thüringischen Landesregierung in Weimar, die mit Hilfe bekannter Reformer und Reformerinnen eine konsequente Schulreform in Richtung auf die weltliche Einheitsschule hin realisieren wollte. Neben einer Leitungsstelle in der Schulverwaltung erhielt sie eine Honorarprofessur in Jena. Doch schon wenige Wochen später wurde die thüringische Regierung - angeblich wegen kommunistischer Beteiligung - mit Hilfe von Reichswehrtruppen gewaltsam amtsenthoben. Bei den im Februar 1924 folgenden Neuwahlen eroberte der national-konservative Bürgerblock die Mehrheit, mit der Konsequenz, daß Anna Siemsen ihre Stellung in der Schulverwaltung verlor, nicht ihre Jenaer Professur. In den folgenden Jahren schrieb sie neben ihrer Hochschul- wie ihrer politischen Arbeit zahlreiche Bücher und Artikel zu gesellschaftspolitischen, kulturellen, pädagogischen und literarischen Fragen und Problemen, entfaltete eine breite Vortragstätigkeit, "die sie in Deutschland und Europa herumführte" (Aug. Siemsen 1951, S. 64), beteiligte sich aber auch mit Vorträgen und Kursangeboten an der thüringischen Erwachsenenbildungsarbeit, insbesondere an der von Adolf Reichwein geleiteten Jenaer Volkshochschule sowie der nach dem Kriege in einem thüringischen Schloß eingerichteten Heimvolkshochschule Tinz.

Mit der Regierungsbeteiligung der NSDAP in Thüringen ab 1930 wurde ihre Position in Deutschland - wie auch die ihrer Brüder August und Hans - immer prekärer. 1932 nahmen die Nazis ihre Unterschrift unter einer Protestresolution gegen die Entlassung des Heidelberger Statistik-Professors Emil-Julius Gumbel zum Anlaß, um ihr auch die Professur zu entziehen. Im März 1933 ging sie ins Schweizer Exil , wo sie mit dem - sehr viel jüngeren - Sekretär der Schweizer Arbeiterjugendbewegung, Walter Vollenweider, 1934 eine "politische" Ehe einging, um im Land bleiben und dem in der Schweiz bestehenden Arbeitsverbot für Emigranten entgehen zu können.

Zweifellos gehörte sie zu den Emigrantinnen, die - wie es Bertolt Brecht in seinem bekannten Svendborger Gedicht formuliert hat - "möglichst nahe der Grenzen" auf den Tag ihrer Rückkehr warteten. Dementsprechend waren ihre schriftstellerischen wie Vortrags-Aktivitäten auf eine europaweite Bekämpfung von Nazismus und Faschismus gerichtet, die sie wie nahezu die gesamte europäische Linke als internationale Bedrohung erkannte. Dabei appellierte sie an die Schweiz wie vor allem an England und Frankreich, ihrer Verpflichtung für die vom Faschismus bedrohten Länder nachzukommen, nachdem internationale Organisationen wie der Völkerbund vor den "Erpressungsmanövern" der faschistischen Staaten versagt hatten.

In diesem Kontext ist auch das Engagement Anna Siemsens für das republikanische Spanien zu sehen. Spanien stellte für sie den eklatantesten Fall der Bedrohung eines demokratischen Staates durch nationale wie internationale faschistische Kräfte einerseits, des Versagens der westlichen Demokratien gegenüber der faschistischen Gefahr andererseits dar (vgl. Aug. Siemsen 1951, S. 84).

Das "Spanische Bilderbuch" - "mit ... Herzblut geschrieben"

Anna Siemsen hat die politische Entwicklung in Spanien bereits vor Beginn des Krieges mit wachen Augen verfolgt, wie ihre - 1946 nahezu unverändert publizierten - Monatsübersichten zeigen, die sie zwischen Januar 1935 und Mai 1945 für die Schweizerische Monatsschrift "Die Frau in Leben und Arbeit" verfaßt hat, mit der Absicht, "das Bewußtsein der Gefahr" für die "Angriffsabsichten der despotischen Eroberermächte: Deutschland, Italien und Japan" zu wecken. So würdigte sie die im Februar 1936 von Linksrepublikanern und Sozialisten gewonnenen Wahlen als "großen Sieg über die Rechtsparteien, welche im Herbst 1934 die Arbeiter niedergeworfen hatten", und verwies erwartungsvoll auf die vom neuen Ministerpräsidenten sogleich erlassene "allgemeine politische Amnestie" und die "Wiederaufnahme der abgebrochenen Reformen" (Agrarreform, Kirchengesetzgebung, aber auch Schulreform) (S. 20 u. 21). Schon im April 1936 war von beunruhigenden "politischen Zusammenstößen" (S. 22) die Rede, im Juli von "offenbar" drohenden "Putschen von rechts" (S. 23), im August schließlich von dem im Juli begonnenen "Militärputsch, der ganz Spanien mit unvorstellbaren Schrecken erfüllt" und der, wie "sich immer deutlicher" zeigt, "unter dem Einfluß der faschistischen Großmächte, Deutschland und Italien", zustande gekommen sei "und von ihnen wirksam unterstützt" werde. Schon zu diesem Zeitpunkt fand aber auch die "heldenhafte Einmütigkeit der Werktätigen" ihre Bewunderung, umgekehrt die "fast selbstmörderische Gleichgültigkeit" der demokratischen Länder ihre scharfe Kritik (S. 25).

Wann ihr Plan entstanden ist, selbst nach Spanien zu fahren, um sich vor Ort ein Bild von den Verhältnissen zu machen, ist nicht bekannt, wohl, daß sie im Mai 1937 zusammen mit Regina Kägi-Fuchsmann (1889-1972) vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk und einigen anderen Schweizern dort war, um die sozialistische Frauenorganisation von Madrid zu besuchen und ihr "vier Lastwagen mit Lebensmitteln im Werte von 40.000 sfrs" zu überbringen, worüber die spanische Gewerkschaftszeitung Claridad am 15.5.1937 berichtet hat. Ziel der Reise war zugleich, sich ein Bild von der Lage, insbesondere der von der republikanischen Regierung geleisteten Aufbauarbeit zu machen.

Anna Siemsens Besuch fiel in den Zeitraum, in dem die Republikaner sich noch in Zentralspanien bis nach Madrid behaupten konnten, die Franco-Truppen weiter nach Norden in die baskischen Gebiete auf Bilbao vordrangen, wobei sie von deutschen Flugzeugen der Legion Condor unterstützt wurden, die mit flächendeckenden Bombardements auf Städte ohne militärische Funktion und Sicherung die spanische Zivilbevölkerung terrorisierten. Kurz vor ihrem Besuch am 26.4.1937 wurde die baskische Stadt Guernica, die bis heute trauriges Sinnbild dieser Bombardements ist, "in einen gewaltigen Feuerofen" verwandelt und total zerstört .

Noch die Biographie August Siemsens über seine Schwester aus dem Jahre 1951 läßt erkennen, welch tiefen Eindruck die Erfahrungen in Spanien auf sie gemacht haben. "Keines ihrer Bücher hat (sie) ... so sehr mit ihrem Herzblut geschrieben wie das 'Spanische Bilderbuch'", heißt es dort (Aug. Siemsen 1951, S. 152). Offensichtlich ist es unmittelbar nach Rückkehr von der Reise in wenigen Wochen abgeschlossen worden, so daß es im Herbst 1937 in dem kleinen, vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) erst am 7. April 1937 ins Handelsregister von Paris eingetragenen Verlag Editions Nouvelles Internationales verlegt werden konnte, mit 88 Seiten Text und 26 Bildern, deren Herkunft unbekannt ist.

Im selben Jahr erschienen bereits zwei Besprechungen, die eine im Neuen Vorwärts, dem Organ der Exil-SPD, der SOPADE, verfaßt von Robert Groetsch. Das Buch wird zustimmend zur Kenntnis genommen, Anna Siemsen das Prädikat einer "scharfen Beobachterin" zuerkannt und ihre "scharfe Kritik ... an der egoistischen Vogel-Strauß-Politik der entscheidenden demokratischen Staaten" im Grundsatz geteilt, auch wenn der Rezensent ganz offensichtlich nicht mit allen ihren "politischen Formulierungen" übereingestimmt hat.

Das "Spanische Bilderbuch" - ein politischer Reisebericht?

August Siemsen behandelt das "Spanische Bilderbuch" im Zusammenhang der politischen Bücher seiner Schwester; es ließe sich jedoch ebenso ihren Reiseberichten zuordnen, also den noch in Deutschland Ende der 20er und zu Beginn der 30er Jahre erschienenen Bänden "Daheim in Europa" (1928) und "Deutschland zwischen Gestern und Morgen" (1932). Diese versuchen feuilletonartig und in lockerer Anordnung Impressionen persönlich erlebter Landschaften, von Klein- und Großstädten, Verkehrswegen und -mitteln, Denkmälern und Kunstwerken, aber auch von Wohnverhältnissen, z.B. Unternehmern und Arbeitern, vorzustellen und in aufklärerischer Absicht mit geographischen, historischen, soziologischen Analysen zu verbinden, so daß sich Lesern und Leserinnen eine von Anteilnahme wie von sozialwissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Erkenntnis getragene Sichtweise auf Menschen, Regionen, Ethnien und Kulturen vermittelt.

Dies gilt in hohem Maße auch für das "Spanische Bilderbuch". Anna Siemsen berichtet, was sie auf ihrer Fahrt durch das Spanien des Krieges erlebt und gesehen hat, will jedoch gleichzeitig mit ihren Analysen humanitäres wie politisches Verständnis für ein scheinbar "unverständliches Volk" und für ein "unbekanntes Land" wecken und so "Ungläubigkeit, Hilflosigkeit und ... Abwehr" überwinden helfen (S. 7). Sie beschreibt im "Spanischen Bilderbuch" keine feste, auf der Karte identifizierbare Reiseroute, sondern reiht in thematischen Schwerpunkten wie "Die Grenze", "Das Land", "Die Menschen", "Die Frauen", aber auch "Zerstörung", "Flüchtlinge" oder "Hilfe" spezifische Erfahrungen vor Ort und verknüpft sie mit historischen, soziologischen und politischen Analysen.

Zusammengehalten werden die einzelnen Abschnitte vor allem durch übergreifende Perspektiven, die das gesamte Buch durchziehen. Dies sind vor allem die Schönheit des Landes und seine beeindruckenden Menschen, die Aufbruchstimmung und die tiefgreifenden Veränderungen als Folge der begonnenen gesellschaftlichen Reformen, die auch während des Krieges weitergeführt wurden, umgekehrt die entsetzlichen Leiden der spanischen Menschen als Folge der Kriegshandlungen, insbesondere deutscher Bombenangriffe, und nicht zuletzt das Versagen der westlichen Demokratien angesichts der Erfolge der mit Franco verbündeten faschistischen Mächte.

Die Schönheit des Landes vermitteln eindringliche Landschaftsbeschreibungen. Damit korrespondieren "Sanftmut, ... Freundlichkeit ... (und) wahrhafte Gentilezza" der spanischen Menschen, an denen Anna Siemsen das "Gefühl einer eroberten Freiheit und menschlichen Würde" wahrzunehmen glaubt (S. 18). Dies fällt ihr gerade bei einem Vergleich spanischer Bauern, Arbeiter und Milizen mit preußischen Landarbeitern und erst recht den "willigen Rekruten Adolf Hitlers" auf (S. 19), was sie allerdings nicht als einfach naturgegeben hinnimmt, sondern auf unterschiedliche natürliche und gesellschaftliche Lebens- und Entwicklungsbedingungen beider "Völker" zurückführt.

Überhaupt ist sie alles andere als eine Anhängerin falsch verstandener Romantik, der "die alten Schöpfbrunnen und Hakenpflüge ebenso malerisch (erscheinen, W.K.) wie die Steinhaufen und Lehmhütten der Dörfer" (S. 16). Vielmehr nennt sie die Armut der Menschen beim Namen und kennt auch ihre Ursachen, nämlich die überkommenen Feudalstrukturen, aufgrund derer 50.000 Großgrundbesitzern zwei Drittel des Landes gehören und 4,5 Millionen Bauern sich das letzte Drittel teilen (vgl. S. 15 f.), ebenso die Macht der Katholischen Kirche mit ihren unendlichen Reichtümern (vgl. S. 51) sowie nicht zuletzt den Analphabetismus, "die Unwissenheit", die dafür sorgt, daß "das Volk sich selber überlassen" bleibt und in Formen der "Andachtsübungen" verharrt, "die rein äußerlich" sind und "nur als Zauber begriffen" werden (S. 53). An allen drei Punkten setzten die Reformen der linksrepublikanischen Regierung an; der Putsch Francos und seiner Verbündeten, zu denen auch die Katholische Kirche gehörte, richtete sich genau dagegen.

Das "Spanische Bilderbuch" gibt eine Vorstellung, wie trotz Krieg die Reformen im noch freien Teil des Landes weitergegangen sind, vor allem im Bereich des Erziehungswesens. Allein die Zahl der Schulen vermehrte sich seit 1931, also in etwa sechs Jahren, um 60 %, von 37.599 beim Sturz der Monarchie im Jahre 1931 auf 60.137 zum Zeitpunkt von Anna Siemsens Besuch, davon um 7.578 im ersten Kriegsjahr. Im Haushaltsplan für 1937 sollten trotz erhöhter Kriegskosten 10 Millionen Peseten "der Beseitigung des Analphabetentums ... dienen", und zwar bis "in die Schützengräben und Lazarette" hinein (S. 74). Dabei besaßen Priorität die Aus- und Weiterbildung von Lehrern, der Bau neuer Schulhäuser, deren "bessere Ausstattung mit Lehr- und Arbeitsmitteln", die "Schaffung von Kindergärten, Berufsschulen, Reformschulen, der mannigfachsten Art", aber auch "Auswahl und Förderung der Begabten" (S. 74 f.). Wo nötig, beschlagnahmte man "Paläste und Landhäuser, Villen und Wohnungen" von geflohenen Franco-Anhängern, wie auch Kirchen und Klöster, um dort Kinderheime einzurichten, die aufgrund des großen Flüchtlingselends zunehmend notwendig wurden (S. 46, 49).

Besonders beeindruckend sind die Berichte über einzelne Reformprojekte, Schulen, Kinderheime und Einrichtungen der Jugendfürsorge. Darin kommt der starke syndikalistische Einfluß, der das republikanische Spanien zu dieser Zeit mit geprägt hat, zum Ausdruck, wie in dem Bericht über das Kinderheim "in einem kleinen Fischerdorf bei Valencia", das in leerstehenden Sommerwohnungen reicher Valencianer für geflüchtete Kinder aus Madrid und ihrer Lehrerinnen eingerichtet worden ist:
"'Wir haben uns in sechs Familien geteilt', sagte die Leiterin, eine zarte Blondine. 'Jede Familie hat ihren Haushalt für sich, ihre Mahlzeiten, ihre Arbeit, ihren Unterricht. Nur die Küche besorgt eine Angestellte. Alle anderen Arbeiten machen die Kinder. Jede Familie hat Kleine und Große, zwischen vier und vierzehn Jahren. Sie helfen sich untereinander. Sie erziehen sich gegenseitig.' - So ist's in der Tat. Wir finden jedes Haus gegen elf Uhr blitzblank, kühl an dem heißen Sommertag, all die sauberen kleinen Betten mit lustigen bunten Decken belegt. Wir finden jede Familie beim Unterricht. Sie sitzen um den großen Wohnzimmertisch, und der Unterricht erscheint so fröhlich wie ein Spiel. Halb erwachsene Mädchen, kleine Frauen bereits, spielen mit den Kleinsten. Die Größeren zeigen stolz ihre Hefte, so schöne Schrift, solch feine bunte Zeichnungen. Man könnte gleich eine Schulausstellung damit machen. Aber sie wollen gar nicht ausstellen. Es ist die selbständige Arbeit, die sie erfreut." (S. 76 f.)

Los Ninjos - die Kinder

Reformen dieser Art sind jedoch nur die eine Seite der von Anna Siemsen beschriebenen Erfahrungen, die andere der Krieg. Allein die "flüchtigen von den Invasionsheeren Vertriebenen im republikanischen Spanien" schätzt sie auf "ungefähr so viele Menschen, wie die Schweiz bewohnen" (damals ca. 4 Millionen) (S. 34); dies in einem Land, in dem Infrastruktur wie Verkehrswege über weite Gebiete hin zerstört waren und den Flüchtenden auf den Straßen der "Gegenstrom der Transporte, die an die Front gehen" (ebd.), entgegenkam. Kaum etwas könnte die Situation im damaligen Spanien besser veranschaulichen als die beiden für den Umschlag gewählten Bilder: oben eine Landstraße mit in Richtung Front fahrenden Militärfahrzeugen und aus der Gegenrichtung kommenden Flüchtlingen, unten ein friedlich pflügender Bauer auf seinem Feld.

Unter dem Krieg am meisten zu leiden hatten die Kinder - auf Spanisch: los ninjos, was ein Kosewort ist, in dem sich - wie Anna Siemsen erläutert - "das Gefühl aus(spricht), das die Spanier für ihre Kinder haben" (S. 32). Um so schlimmer, deren Leid mit ansehen zu müssen, wie es Anna Siemsen auf ihrer Fahrt in vielfältigen Formen begegnet ist. Nichts hat sie so sehr beeindruckt wie der "Brief eines Knaben, der erlebte, wie Guernica von deutschen Fliegern bombardiert wurde - Guernica, eine offene Stadt ohne jede militärische Bedeutung" (S. 38). Schrecklicher als die auf die Stadt abgeworfenen Bomben war, daß deutsche Piloten mit ihren Maschinen Menschen - Großmütter, Mütter und Kinder - jagten und regelrecht abschossen (vgl. S. 38 f.).

Anna Siemsen gibt sich jedoch nicht damit zufrieden, das Schicksal des republikanischen Spaniens zu beklagen, ganz im Gegenteil will sie mit ihrem Buch das noch freie Europa dafür gewinnen, ihm an die Seite zu treten. Dies die Botschaft, die sich durch nahezu alle Kapitel hindurchzieht, vom "Geleitwort" bis zum "Europäischen Epilog".

Was hinderte die zu diesem Zeitpunkt noch freien Demokratien daran, Spanien zu unterstützen? Es ist "die überall herrschende Macht der Lüge und des verlogenen Schlagwortes": die vermeintliche "bolschewistische Weltgefahr", die angebliche Friedensbereitschaft der faschistischen Staaten trotz eindeutiger Verletzungen internationaler Vereinbarungen und aggressiver Akte gegen Drittländer, aber auch die "Bequemlichkeit, Feigheit (und das) persönliche Interesse" der europäischen Regierungen, beispielsweise Englands, für das ein "im Bruderkampf verblutendes Europa als Sicherung seiner Vorherrschaft" wünschenswert zu sein schien (S. 85).

Inwieweit solche Überlegungen die Appeasement-Politik der damaligen europäischen Demokratien tatsächlich bestimmt haben, mag dahingestellt bleiben. Daß sie falsch und ausgesprochen kurzsichtig war, ist heute kaum zu bestreiten. Anna Siemsen wies schon damals darauf hin, daß "das, was Madrid und Guernica passiert, jeder Stadt geschehen kann, deren Staat Hitlers oder Mussolinis Mißfallen erregt, oder die als Eroberungsprojekt in deren Programm vorkommt" (S. 86). Wie recht sie hatte, zeigte sich zwei Jahre später, als Hitler mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselte und damit die "europäische Katastrophe" ihren Lauf nahm (vgl. S. 87).

Anna Siemsens "Spanisches Bilderbuch" und die deutsche Pädagogenschaft - ein Resümee

So anschaulich, materialreich, politisch weitsichtig und aufgrund seines antifaschistischen Engagements beeindruckend Anna Siemsens "Spanisches Bilderbuch" heute erscheint, läßt sich sein wirklicher Stellenwert ganz erst vor dem Hintergrund der Schriften und des Verhaltens der Mehrheit der damaligen deutscher Pädagogen beurteilen, die nämlich das nationalsozialistische Deutschland entweder unterstützt oder sich auf eine "unpolitische" Haltung zurückgezogen haben. Einige der bis heute bekanntesten von ihnen wie Eduard Spranger und vor allem Erich Weniger haben sogar die Aufrüstung der Wehrmacht und damit die Vorbereitung des Krieges voll mitgetragen, Erich Weniger beispielsweise mit seinem auf dem Höhepunkt des Spanischen Krieges erschienenen Buch "Wehrmachtserziehung und Kriegserfahrung". Dessen Absicht war es - in genauem Gegensatz zum "Spanischen Bilderbuch" Anna Siemsens - die Sinnhaftigkeit des Krieges wie auch soldatische Tugenden zu preisen, mittels derer junge Männer in "willige Rekruten Adolf Hitlers" verwandelt werden konnten. Selbst wenn Spranger oder Weniger von den Verbrechen deutscher Freiwilligenverbände der Wehrmacht gegen die spanische Zivilbevölkerung nichts gewußt haben sollten, haben sie gleichwohl mit ihrer Haltung und ihren Schriften das Eingreifen deutscher Truppen in den innerspanischen Konflikt indirekt legitimiert; sie verorteten sich damit in jedem Falle auf der anderen, der faschistischen Seite.

Wie viele Pädagogen und Pädagoginnen sich damals auf seiten des republikanischen Spanien engagiert haben, ist unbekannt. Viele dürften es nicht gewesen sein, so daß das entschiedene Engagement Anna Siemsens um so bemerkenswerter ist. Ihr "Spanisches Bilderbuch" ist kein politisches Manifest, gleichwohl die dahinterstehende Intention eine eindeutig politische. Indem Anna Siemsen über die Aufbauleistungen des republikanischen Spanien einerseits, das gegen die breite Mehrheit des Volkes gerichtete Zerstörungswerk Francos und seiner Verbündeten andererseits berichtet, weckt sie Anteilnahme für den Abwehrkampf des spanischen Volkes und rüttelt zur Solidarität mit ihm auf. Anna Siemsens Engagement kann auch aus dem historischen Abstand von über 60 Jahren voll bestehen und verdient unsere uneingeschränkte Anerkennung.

Um so bezeichnender ist ihre Behandlung in Deutschland nach Rückkehr aus dem Exil. Während ihr nämlich eine Professur versagt blieb, sie sich mit einem Lehrauftrag an der Hamburger Universität begnügen mußte und sie von der damals "dringend notwendigen Schulreform ... ferngehalten" wurde (Aug. Siemsen 1951, S. 89), konnten gleichzeitig Spranger, Weniger und viele andere angepaßte deutsche Pädagogen rasch wieder Karriere machen. Dies hat zu dem bekannten Dilemma geführt, daß letztere bis heute als Leitbilder fungieren, während Anna Siemsen so gut wie vergessen ist. Ihr Eintreten für das republikanische Spanien und ihr "Spanisches Bilderbuch" sind hierzulande so gut wie unbekannt, ihre Schriften nach ihrem Tode im Jahre 1951 nicht wieder aufgelegt worden. Dies gilt auch für die ehemalige DDR, wo sie als nicht-kommunistische Sozialistin ebenfalls höchstens am Rande vorkam. Inwieweit diese restaurative Art der Traditionspflege sich ändert, wird mit darüber entscheiden, ob sich in Deutschland ein an demokratischen Werten und Menschenrechten orientiertes Selbstbewußtsein festigen kann.