aus: informationen Nr. 49, Mai 1999

Vor nicht allzulanger Zeit fuhren wir kreuz und quer durch die Pyrenäen, um alte Kulturstätten zu besuchen und die Landschaft zwischen Atlantik und Mittelmeer und ihre Bewohner kennenzulernen. Aber wo wir auch hinkamen, wir stießen immer wieder auf Spuren unserer jüngeren Geschichte, erst zufällig, dann haben wir danach gesucht. Wir fanden Menschen, die den deutschen Faschismus überlebt haben sowie Orte des Gedenkens an jene Zeit. Ich hatte eine Karte aus einem alten DDR-Buch mit, wo die Internierungslager im Pyrenäenvorland eingezeichnet waren.

Wir suchten das Lager Gurs im Tal der Oloron, das wir trotz der genauen Straßenkarte nur nach mehrmaligem Nachfragen fanden. Der Friedhof und ein Stück Eisenbahnschiene, als Hinweis auf das ehemalige Lager, lagen abseits der Dorfstraße. In den Jahren 1939 – 1945 waren hier Tausende Menschen verschiedener Nationalitäten eingesperrt. Allein in diesem Internierungslager lebten über die Jahre neunzehntausend Spanienkämpfer unter unvorstellbar harten Bedingungen. Auf dem Friedhof entdeckten wir aber auch Gräber von Frauen und Kindern. Einige der Toten stammten aus der Gegend südlich von Darmstadt und aus der Pfalz. In dieser absoluten Stille der Landschaft fiel mir die Schilderung eines ehemaligen Spanienkämpfers ein, der mir die Lagerzustände in Gurs (Region Béarn) geschildert hatte und dessen (unveröffentlichte) Lebenserinnerungen ich kannte. Er und seine Kameraden überquerten wie Gefangene - zu Fuß - die Pyrenäen und kamen über verschiedene Zwischenlager an der Mittelmeerküste nach Gurs. Im ehemaligen Lager erinnerte fast nichts mehr an jene schlimme Zeit der Internierung. Die Landschaft war verträumt und still und am Horizont erhoben sich die Pyrenäen. Wir waren die einzigen, die sich hierher verirrt hatten und um uns herum war nur Ruhe und hügelige grüne Landschaft.

Auf unserer Weiterreise in die Berge fand ich in Saint-Jean-Pied-de-Port (Region Basse-Navarre) in einer Buchhandlung eine Studie über das Lager Gurs (von 1939 – 1945) mit etlichen Dokumenten aus der Zeit der Vichy-Regierung. Auf dem Rückweg dieser Tour, wir fuhren auf der Route de Fromage, machten wir einen Abstecher in ein kleines Bergdorf, nahe der spanischen Grenze, um köstlichen Pyrenäenkäse zu kaufen. Der Bauer merkte gleich, daß wir Deutsche waren und ehe wir unseren Wunsch richtig äußern konnten, rief er seinen alten Vater herbei und erklärte, daß dieser in Deutschland im KZ war. Ich konnte die Details nicht alle verstehen und bin vor Schreck gar nicht auf die Schilderung eingegangen. Seine Worte klangen nicht vorwurfsvoll, sie klangen fast stolz. Wir tätigten nur unseren Einkauf und fuhren fort mit dem Gefühl, daß uns die Nazi-Vergangenheit auch in den entlegensten Gegenden dieser Welt einholt.

Auf einer anderen Reise wohnten wir in Céret, nicht weit von Perpignan. In der Zeit, als wir dort waren, feierten die Franzosen den 8.Mai, den Tag der Befreiung vom Faschismus. Geschäfte und Banken waren geschlossen. Veteranenverbände, eine Schulklasse und Bürger der Stadt versammelten sich am Denkmal zur Erinnerung an die Kriegstoten, um die Rede eines Staatsdieners zu hören. Mitten unter ihnen stand ein ehemaliger KZ-Häftling in seiner Häftlingskleidung. Nach dem Gedenken zogen sie im Demonstrationszug ins Bürgerhaus zu einem Umtrunk.

In unser Hotel zurückgekehrt, zeigte ich dem Hotelier meine Karte mit den Lagern St. Cyprien, Argelès sur-Mer, Rivsaltes u.a. und fragte ihn, ob er sie kenne. Wir waren sehr blauäugig und glaubten, es seien Gedenkstätten, auf die wenigstens hingewiesen sei. Er erzählte, daß es keine Überreste gebe, da die meisten Internierungslager unter freiem Himmel gewesen seien, und es selten Baracken gegeben habe. Wir machten uns, mit meinem bewährten Atlas , in dem fast jeder Feldweg und jede Häusergruppe eingetragen ist, auf die mühsame Suche nach den historischen Stätten. Hinweise auf die Lager haben wir nicht gefunden. Auf Grund der Beschreibungen konnte man nur ahnen, wo die Spanienkämpfer nach ihrem langen Marsch über den Col du Perthus interniert waren. Nur in der Nähe von Rivsaltes fanden wir ein militärisch genutztes Gelände, mit einem verrosteten Tor, das in seiner Bauform dem ähnelte, wie wir es von Auschwitz kennen. Ich betrat, gegen die Bedenken meiner Freundin, das Militärgelände und wurde von einem Soldaten mit Hund “begrüßt”. Auf meine Frage, ob an dieser Stelle das ehemalige Lager von Rivsaltes gewesen sei, konnte oder wollte er nicht antworten und die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs schien ihm fremd. Wir waren enttäuscht und hatten nach dem “freundlichen” Empfang keinen Mut mehr, das Tor zu fotografieren und fuhren zurück ins Hotel.

Auf einem der Ausflüge von Céret aus kamen wir in ein entlegenes kleines Bergdorf, Coustages, wo außerhalb des Ortes in Richtung spanischer Grenze ein Gedenkstein an der Straße stand. Wir hielten und waren erstaunt, daß dort oben, kurz vor der spanischen Grenze der mehreren Tausend Interbrigadisten gedacht wurde, die hier über die Pyrenäen nach Frankreich zurückkehrten, wo man sie erwartete und in die Lager brachte.

Von diesem kleinen verträumten Dorf und seinem einsamen Gedenkstein aus ging es die Berge hinab nach Spanien über schmale Straßen und viele Kurven. Wir wollten über den Col du Perthus zurück nach Frankreich. Die dortige Überquerung der Pyrenäen ist heute die Hauptreiseroute in Richtung Süden. Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs war dies einer der Hauptwege der zurückkehrenden Interbrigadisten, da auf der französischen Seite die Lager St. Cyprien, Argelès-sur-Mer, Rivsaltes, Barcarès lagen. Dort internierte man die Ankommenden bis zur weiteren Verlegung in andere Lager.

Später, nach unserer Rückkehr aus Südfrankreich, habe ich mir von Fred, dem Spanienkämpfer, die Stelle auf meiner Karte zeigen lassen, wo er und seine Kameraden, nach ihrem Marsch über den Col du Perthus, zwischen zwei Flußmündungen eingesperrt wurden. Es war Argelès-sur-Mer, wo wir Spuren suchten und keine mehr fanden, wo heute wieder Strand ist und das Meer und im Hintergrund die Pyrenäen.