aus: informationen" Nr. 51, März 2000

Geschichte ist für uns das, was wir wissen - was wir wissen, ist was wir erfahren können. Was wir erfahren können, hierüber muss es Spuren geben... Fragen müssen wir uns auch, warum es über so vieles noch nicht einmal Spuren gibt.

Der Ausgangspunkt für diesen Beitrag war das Interesse, etwas über Frauen zu erfahren, die Frauen lieben, von deren Lebensbedingungen und eventueller Verfolgung im Nationalsozialismus wir bislang kaum Kenntnisse hatten. Ihre Geschichte, die in der Bearbeitung des Nationalsozialismus, dem Widerstand und Widerstehen dagegen, offensichtlich keinen Platz bekommen hat, wurde bis vor einigen Jahren in keiner wissenschaftlichen Untersuchung thematisiert. Forscherinnen wie Ilse Kokula und Claudia Schoppmann, die sich auf die Forschung über lesbische Frauen spezialisiert haben, sind da Ausnahmen. In der Literatur zu Verfolgung im Nationalsozialismus sind lesbische Frauen auch heute kaum thematisiert - mögliche Gründe hierfür sollen im folgenden benannt werden.

Dieses Thema ist Teil der Geschichte von Frauen, ist Teil unserer Frauengeschichte. Eine Geschichte, die nicht fortwährend thematisiert und bearbeitet wurde, sondern nur mit den Rissen und Brüchen, die am einschneidensten der Nationalsozialismus darstellte.

Erst mit dem Aufkommen der neuen Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre gibt es wieder eine offenere Auseinandersetzung, und es wurde einfacher, sich öffentlich als lesbische Frau erkennen zu geben. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung konnte dann auch Zwangsheterosexuallität thematisiert werden, die homosexuelle Menschen ausgrenzt.

Wir wollten mehr über Frauen erfahren, die u.a. aufgrund ihrer Liebe zu Frauen in die Konzentrationslager kamen und die dort nicht selten von ihren Mitgefangenen ausgegrenzt und verachtet wurden. Nach ‘45 wurde dies teilweise in den Schilderungen von Überlebenden schriftlich fixiert - dieses stigmatisierende Bild wird jedoch bis heute öffentlich so gut wie nie hinterfragt.

Auch in der antifaschistischen Literatur wird das Widerstehen und der Widerstand lesbischer Frauen gegen den Nationalsozialismus nicht erwähnt. Das bedeutet nicht, dass es dies nicht gegeben hat, sondern allenfalls, dass dieser weibliche Lebensentwurf nicht akzeptiert und aus diesem Grund nicht benannt wurde. Ein Verschweigen, in dem sich die Bandbreite des antifaschistischen Widerstands mit der herrschenden Geschichtsschreibung zu treffen scheint. Uns interessierte, was sich hinter diesem Unsichtbarmachen verbirgt. Mit der Thematisierung von frauenliebenden Frauen wollen wir auch das überbetonte "normale" Familienleben, was uns oft in biografischen Skizzen präsentiert wird, hinterfragen.

Schwierigkeiten mit der Definition

   Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde in der damaligen rechtlichen Definition von Homosexualität diese auf sexuelle Akte reduziert bei gleichzeitiger Asexualisierung von Frauen. "Lesbisch" ist als Selbstdefinition erst in den 70er Jahren in den westlichen Metropolen offensiv benutzt worden. Ältere Frauen bezeichnen sich kaum so und in früheren Texten taucht der Begriff selten auf. So fanden sich in den 20er Jahren im Untertitel von Lesbenzeitschriften Umschreibungen: "Junggesellin", "ideale Frauenfreundschaft". Viele der Frauen, die wir heute als lesbisch bezeichnen, weil sie mit anderen Frauen zärtlich waren, ihren Lebensalltag umfassend zusammen organisierten, hätten diesen Begriff für sich nicht gewählt. Für die Beschreibung ihrer Beziehungen hatten sie oft kein Wort. Und wenn doch Begriffe benutzt wurden, waren diese in der damaligen Zeit ungleich stärker zu heute stigmatisierend. Die Diskussion in der Lesbenbewegung um Begriffsdefinitionen und Selbstverständnis ist zu komplex, als dass es im Rahmen dieses Beitrags möglich wäre, umfassend und angemessen in notwendiger Kürze etwas zu den zahlreichen Facetten des lesbischen Selbstverständnisses zu schreiben. In unserer Definition von "lesbisch" sind folgende Aspekte enthalten: Die Selbstdefinition sowie die vorhandene oder gewünschte Liebesbeziehung zu einer Partnerin. Das muss nicht immer eine – nach außen formulierte - sexuelle oder erotische Komponente haben.

Ausgangsbedingungen in der NS-Zeit

   Im Unterschied zu männlichen Homosexuellen, die durch den § 175 StGB kriminalisiert und verfolgt waren, fand dieser Paragraf auf lesbische Frauen keine Anwendung (mit Ausnahme des annektierten Österreichs, wo ein entsprechender Paragraf seit 1804 existierte). Im Zusammenhang mit Verschärfungen des §175 gab es 1935 starke Tendenzen, ihn auf Lesben anzuwenden. Die "amtliche Strafrechtskommission" kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass "ein wichtiger Grund für die Strafbarkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs die Verfälschung des öffentlichen Lebens" ist, dies "kommt aber bei Frauen, bei der verhältnismäßig geringen Rolle der Frau im öffentlichen Leben, kaum in Betracht". Zu ähnlichen Schlüssen gelangt Dr. Schäfer, Reichsminister der Justiz, in einem Schreiben von 1942. Unter dem Betreff "Widernatürliche Unzucht zwischen Frauen" schreibt er: "Die gleichgeschlechtliche Betätigung zwischen Frauen ist - abgesehen von Dirnenkreisen - nicht so verbreitet wie bei Männern und entzieht sich angesichts der innigeren Umgangsformen des gesellschaftlichen Verkehrs zwischen Frauen mehr der Beobachtung der Öffentlichkeit. ... Der wichtige Grund für die Strafbarkeit der Unzucht zwischen Männern, der in der Verfälschung des öffentlichen Lebens durch die Schaffung von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen liegt, trifft bei Frauen wegen ihrer weniger maßgebenden Stellung in staatlichen und öffentlichen Ämtern nicht zu. Endlich sind auch Frauen, die sich einem widernatürlichen Verkehr hingeben, nicht in dem Maße wie homosexuelle Männer für immer als Zeugungsfaktoren verloren. Da sie sich erfahrungsgemäß oft später wieder einem normalen Verkehr zuwenden."

Hier werden die verschiedenen Dimensionen der Bewertung weiblicher Sexualität durch die nationalsozialistischen Machtträger (aber keineswegs nur durch diese) deutlich: Weibliche Homosexualität wurde als Lebensentwurf nicht ernst genommen, tabuisiert und damit unsichtbar gemacht - ohne dies in der öffentlichen Auseinandersetzung zu einem Politikum werden zu lassen. Dies geht mit dem marginalen Status von Frauen und der vorhandenen Geschlechterhierarchie einher, die dem Nationalsozialismus implizit waren. Die eindimensionale Rollenzuweisung im Nationalsozialismus war: "Die arische Frau heiratet und schenkt dem Führer viele Kinder".

NS-Frauenpolitik

Unser Beitrag fußt auf der grundlegenden Überzeugung von Claudia Schoppmann, die sie in ihrer Arbeit "Nationalsozialistische Sexualpolitik" darlegt. Sie weist in ihrer Dissertation nach, dass die Situation lesbischer Frauen stärker durch die NS-Frauenpolitik als durch die Homosexuellenpolitik geprägt war. dass der § 175 Frauen in weit geringerem Maße kriminalisierte, ist nur ein bereits erwähnter Aspekt. Bedeutsamer war, dass Lesben der Bestimmung der "arischen" und "erbgesunden" Frau zu Mutterschaft und Ehe nicht gerecht werden konnten. Sie waren von der Propaganda gegen ledige und kinderlose Frauen besonders stark betroffen.

Rassenhygieniker und die SS sprachen von Homosexuellen als dem "Prototyp" der "Asozialen". Lesbische Frauen wurden daher oft als Prostituierte diffamiert.

Quellenfrage

Die Randstellung weiblicher Homosexualität führte zur geringen Thematisierung im Nationalsozialismus. Es gab im KZ keine spezielle Kennzeichnung, im Unterschied zum rosa Winkel für schwule Männer. In vorliegenden Untersuchungen nimmt man an, dass zwischen 10 000 und 15 000 homosexuelle Männer in den Konzentrationslagern den Tod fanden. Zahlenmaterial zu Lesben ist nicht vorhanden.

In den letzten Jahren konnten zwar Hinweise auf Verfolgung von Lesben dokumentiert werden; Es handelt sich hierbei um Informationen aus den Akten der Verfolger, aus Gestapounterlagen und Häftlingsakten, die mit kritischer Vorsicht zu betrachten sind.

Vorhanden sind ferner Textstellen in der Erinnerungsliteratur ehemaliger Häftlinge, in denen Mitgefangene als lesbisch beschrieben werden. Alle sind Fremdschilderungen und Zuweisungen. Es scheint keine eigenen Berichte von Frauen, die lesbisch waren, zu geben. dass dies auch mit der Stigmatisierung in der Nachkriegszeit zusammenhängt, ist anzunehmen.

Wir beschäftigen uns schwerpunktmäßig mit frauenliebenden Frauen, die im Faschismus verfolgt wurden bzw. gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben. Lesben gab und gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen, in allen politischen Kreisen. Sie waren sowohl Opfer/Verfolgte wie auch Täterinnen. Frauenliebende Frauen haben sich während dieser Zeit nicht anders als der größte Teil der deutschen Bevölkerung verhalten: Wenn sie nicht Teil der nationalsozialistischen Massenmobilisierung waren, haben sie sich zurückgezogen, sich unauffällig verhalten.

Spurensuche

In den 20er Jahren der Weimarer Republik gab es in vielen Städten - hauptsächlich in den Großstädten Berlin, Hamburg, Frankfurt - Schwulen- und Lesbentreffpunkte. Das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" unter maßgeblicher Beteiligung von Magnus Hirschfeld forderte die Abschaffung des § 175. 1920 wurde die Homosexuellenorganisation "Deutscher Freundschaftverband" gegründet, 1923 kam es zu einer Abspaltung und Bildung des "Bundes für Menschenrechte", der als größte Organisation von Homosexuellen zeitweilig 48.000 Mitglieder hatte. Beide Organisationen hatten die gesellschaftliche und juristische Gleichstellung der Homosexuellen mit den Heterosexuellen zum Ziel. In beiden Verbänden gab es "Damenabteilungen", die ihre eigenen Zeitschriften (die "Frauenliebe" mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren, und "Die Freundin) herausgaben. Auf dem Lande fanden sich wohl vereinzelt unter der Ladentheke Exemplare dieser Hefte. Lesben organisierten sich oft in kleineren Vereinen oder sog. Damenclubs. Die Organisierung war ein wichtiger Schritt, zunächst einmal um sich selbst zu akzeptieren, aber auch um sich gegen die herrschende Sexualmoral durchzusetzen und die eigene soziale Lage (ohne männlichen Ernährer) zu verbessern.

Die "Zeit der Maskierung"

Das aufgeweckte kulturelle und politische Lesbenleben, das in den 20er Jahren erblüht war, fand durch den Nationalsozialismus ein jähes Ende. Zeitschriften wie die "Freundin" wurden 1933 verboten, Lokale geschlossen. Sicherheit gewährleisteten einzig Unauffälligkeit und Verleugnung der eigenen Identität - Unsichtbarkeit als Überlebenstaktik.

Lesben sind beispielsweise Josefsehen - Freundschaftsehen oder Sandehen, wie sie auch genannt wurden - eingegangen. Dies waren mit Schwulen gebildete Schutzehen. Das Vorspielen gesellschaftlich akzeptierter Beziehungen war üblich, um sich der ausgefeilten Beobachtung durch Haus- und Blockwarte, die bis in die Intimssphären der Wohnungen reichten, entziehen zu können. Auf der anderen Seite schaffte der Krieg und die damit verbundene Abwesenheit vieler Männer, auch neue Freiräume; eine allein oder mit anderen Frauen lebende Frau fiel nicht mehr so auf, sie konnte immer ihren "Burschen", der im Feld stand, zur Erklärung heranziehen.

Eine Österreicherin aus dem Widerstand faßt ihre Zeit der Maskierung wie folgt zusammen: "Alle, die sozialistisch eingestellt waren, wußten, was Hitler bedeutete und dass allerhöchste Vorsicht am Platz war. Denn wir waren doppelt gefährdet: politisch und sexuell. Nur diesem Umstand kann ich es zuschreiben, dass in meinen Kreisen von Verfolgung wegen Homosexualität gar nichts bekannt ist. Wenn eine von unseren Jahrgängen gefaßt wurde, waren stets politische Gründe die Ursache; dass manche dieser Frauen in ihrem Privatleben anders empfanden, als es die damalige Diktatur vorschrieb, wurde natürlich verschwiegen."

Verfolgung von Lesben

Bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten standen Frauen, die so gar nicht dem kleinbürgerlichen Ideal eines "Heimchen am Herd" folgten, im Interesse und Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sie waren umstritten – aber es gab sie. Diese Öffentlichkeit erklärt möglicherweise, warum es quantitativ mehr Informationen über exponierte Künstlerinnen und Intellektuelle, die Frauen geliebt haben, gibt und sich deren Verfolgungsgeschichte anders nachvollziehen lässt.

Claudia Schoppmann und Ilse Kokula haben Biographien von lesbischen Künstlerinnen oder Intellektuellen recherchiert. Erwähnt sei hier die seinerzeit berühmte Sängerin Claire Waldoff (1884 - 1957), die sowohl unterhaltsame Chansons ("Hermann heeßt er") als auch kritische und provozierende Lieder ("alle Männer raus aus dem Reichstag") darbot. Ihre Lebensgemeinschaft mit einer Frau hatte sie nie verhehlt. Nach 1933 hatte sie u.a. wegen ihrer Auftritte bei Veranstaltungen der Roten Hilfe zunächst Auftrittsverbot. Nach Vorlage eines "Ariernachweises" und Eintritt in die Reichskulturkammer konnte sie später wieder auftreten, hauptsächlich in selbstorganisierten Tourneen.

Der bekannten jüdischen Malerin Gertrude Sandmann war die Emigration nicht mehr möglich, sie überlebte den Faschismus, indem sie jahrelang von ihrer Lebensgefährtin versteckt gehalten wurde, nachdem sie einen Selbstmord vorgetäuscht hatte. Gertrude Sandmann studierte beim "Verein Berliner Künstlerinnen", dem z.B. auch Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker usw. angehörten. Sie malte und zeichnete mit Vorliebe Frauen. 1934 erhielt sie wegen nicht-arischer Abstammung Berufsverbot. Als ihr 1941 eine Ausreise nicht mehr möglich war, versteckte ihre Freundin Hedwig Koslowski sie in verschiedenen Wohnungen in Berlin. Gesundheitlich schwer geschädigt, führte sie ihre künstlerische Arbeit nach 1945 fort.

Die Autorin des mit Romy Schneider verfilmten Internatsklassikers "Mädchen in Uniform", Christa Winsloe (1888 - 1944), Freundin von Erika und Klaus Mann, emigrierte 1938 nach Südfrankreich und unterstützte dort Flüchtlinge. Als sie 1944 gemeinsam mit ihrer Partnerin nach Deutschland zurückzukehren versuchte, fanden beide den Tod. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt.

Hilde Radusch, KPD-Stadtverordnete in Berlin, wurde 1933 wegen KPD-Zugehörigkeit inhaftiert; nach ihrer Entlassung einige Monate später arbeitete sie illegal für die Rote Hilfe. Sie konnte sich gemeinsam mit ihrer Freundin in der Nähe von Berlin verstecken, weil sie vor einer erneuten Inhaftierung gewarnt wurde.

Erwähnen wollen wir noch die Schriftstellerin Thea Sternheim, die nach 1933 in Frankreich für die Resistance arbeitete, im Dezember 1943 festgenommeb und nach Ravensbrück deportiert wurde, wo sie mehreren Frauen das Leben rettete, indem sie Essen und Kleidung von der SS stahl.

Diese Beispiele stehen für viele Frauen, deren Frauenzugewandtheit bekannt war, die jedoch in erster Linie wegen ihrer politischen oder ethnischen Zugehörigkeit verfolgt waren. Ilse Kokula kommt sogar zu dem Schluß, dass eine gezielte Bespitzelung nur einsetzte, wenn andere politisch mißliebige Verhaltensweisen kontrolliert werden sollten.

Lesben im Gefängnis oder Konzentrationslager

Über die Situation von Lesben im Gefängnis oder Konzentrationslager gibt es von der Verfolgerseite kaum Quellenmaterial: Unter anderem, wie schon erwähnt, da es keine spezielle Kennzeichnung von lesbischen Frauen gab. War kein weiteres Stigma vorhanden (z.B. rassistische Verfolgung oder die Zugehörigkeit zur KPD), wurden sie zumeist als "Asoziale" deklariert und mussten den schwarzen Winkel tragen. In Einzelfällen tauchte in den Zugangslisten im Konzentrationslager Ravensbrück neben dem Haftgrund (z.B. "asozial") die zusätzliche Bemerkung "lesbisch" auf.Unbekannt bleibt, welche zusätzlichen Schwierigkeiten Gefangene durch diese Zuschreibung bekamen. An einzelnen Beispielen läßt sich nachvollziehen, dass Nazischergen ihre sexistischen Gewaltphantasien an gefangenen lesbischen Frauen besonders brutal auslebten.

Um etwas über die Situation von lesbischen Frauen zu erfahren, haben wir in Erinnerungen überlebender verfolgter Frauen gesucht. In dieser Erinnerungsliteratur gibt es drei verschiedene Muster und Darstellungsformen von lesbischen Frauen: Diffamierung, Mitleid und Toleranz.

Diffamierung: Fania Fénelon stellt lesbische Liebe mit der nationalsozialistischen Kategorie "asozial" gleich und in direkten Zusammenhang mit Prostitution. Sie beschreibt ein Konzert vor "lesbischen Schwarzwinkeln". Ein lesbisches Kapo-Paar ist böse, rassistisch und antisemitisch, meist betrunken. Das Fest wird "bestialisch"; eine Frau zieht eine andere ins Bett, manchmal auch zu dritt; "ekelhafte Sexszenen, die Augen und Ohren anwidern".

Ein anderes Beispiel: Krystyna Zywulska in ihrem Buch "Tanz, Mädchen ..." : Eine Frau küßt eine andere auf den Mund. "Man kann sich kaum etwas Scheußlicheres vorstellen. ... Ich empfand furchtbaren Ekel."

Mitleid: Im autobiographischen Bericht "Reise durch den letzten Akt" von Isa Vermehren sind sprachliche Unterscheidungen erkennbar. Die mitleidsvolle Wahrnehmung der Sehnsucht unter dieser "zutiefst ungütigen Lageratmosphäre", "wie die Tiere auf der Weide zueinander drängen angesichts der drohenden, schwarzen Gewitterwand,... Gewiss, die Grenze zwischen geordneter und ungeordneter Liebe zwischen zwei Menschen ist schwer." Gleichzeitig findet sich auch bei ihr die aggressive, stigmatisierende Sicht auf Frauen zugewandte Liebe : "...war er (der Strafblock, d. Autorinnen) die Brutstätte jener wirklich lesbischen Liebe mit allen abstoßenden Erscheinungen ihrer verzerrenden Wirkung."

Beziehungen unter Frauen waren bei der französischen Jüdin Callimard, deren Erinnerungen von der Gedenkstätte Ravensbrück übersetzt wurden, nur vorstellbar "bei einigen wohlgenährten Häftlingen als sexuelle Kompensation für die Tatsache, dass sie keinen Mann zur Verfügung hatten."

Toleranz: Ohne Difffamierungen und ohne sich persönlich zu distanzieren, beschreibt Anja Lundholm lesbische Frauen im KZ: Sie berichtet über die "Unzertrennlichen" Claire und Cilly. Die Ältere versucht immer, der schwächlichen Cilly die schwere Arbeit abzunehmen. Eines Tages kann Cilly nicht mehr und wird - am Boden liegend - von zwei Hunden zerfetzt; sie ist tot. "Doch ihr Gesicht, nachdem Claire ihr die Augen geschlossen hat, ist lächelnder Friede". Nach dieser Nacht spricht Claire nicht mehr und geht eine Woche später in den Stacheldraht. "Unsere Clique ist nun keine Clique mehr, nachdem die Unzertrennlichen fort sind."

Auch heute ist es erst wenigen Überlebenden möglich, vorurteilsfrei über Lesben im Konzentrationslager zu erzählen. Barbara Reimann, politische Gefangene in Ravensbrück, berichtet von zwei Hamburger Genossinnen, die wegen Widerstandstätigkeit inhaftiert waren und auch im Lager zusammen lebten.

Oft hat jedoch die Verdrängung und wohl auch die Homophobie eine solche Dimension erreicht, dass Erinnerungen an lesbische Paare verschüttet sind. Erst wenn frau sich auf das Thema eingelassen hat, finden sich plötzlich doch Spuren.

Weitere Spuren, dem Buch von Claudia Schoppmann entnommen.

Lesbische Frauen wurden oft im Zusammenhang mit anderen Vorwürfen kriminalisiert. Eine Frau aus Hamburg wurde 1936 wegen Betrug verurteilt, weil sie einen homosexuellen Mann geheiratet hatte und dann ein Ehestandsdarlehen beantragt und auch erhalten hatte. Zwei Frauen hielten sich illegal in Hamburg auf, nachdem sie sich nach Entlassung aus einem "Arbeitserziehungslager" nicht bei ihrer Arbeitsstelle zurückgemeldet hatten; aus finanzieller Not begingen sie kleinere Diebstähle. Weil sie sich von einem Mann aushalten ließen, wurden sie wegen Prostitutionsvorwürfen festgenommen und wegen Diebstahl und Betrug verurteilt, von Prostitution war dann keine Rede mehr, jedoch wurden sie vom Gericht als "erheblich asozial und verwahrlost" bezeichnet.

Eine junge Frau, die in Potsdam als Kellnerin arbeitete, wurde wegen Homosexualität als "Asoziale" in Ravensbrück und dann in Flossenbürg inhaftiert. Dort steckte man sie in das Lagerbordell. Die Nazis meinten, "im Bordell würden die Lesben schon auf Vordermann gebracht werden". Diese Frau erinnerte ein Schwuler, der zwangsweise in das Bordell gebracht wurde und sich mit Else anfreundete. Für ihn war sie der einzige Mensch, mit dem er reden konnte.

Die "Halbjüdin" Elsa Conrad hatte in Berlin den Klub Monbijou des Westens - mit ungefähr 600 Mitgliedern eine relativ große Vereinigung lesbischer Frauen - geleitet. Aufgrund von Denunziation einer ehemaligen Partnerin wurde sie 1935 wegen "Beleidigung der Reichsregierung" vom Sondergericht Berlin zu 15 Monaten Haft verurteilt. Danach erfolgte die Einweisung in das KZ Moringen, weil sie sich öffentlich als "Arierin" ausgegeben und den Führer beleidigt habe. In ihrer Akte wird ausdrücklich auf ihre "lesbische Veranlagung" hingewiesen.

Es wird ja nicht drüber gesprochen - unauffällige weibliche Lebensentwürfe

   Mehrere Beispiele fanden wir für Frauen, bei denen wir ihre Frauenzugewandtheit aus einigen Schilderungen zwar schließen können, die dies aber selbst nie so gesagt haben. Trotzdem ist entweder aus ihren eigenen Schilderungen oder aus denen guter Freundinnen offensichtlich, dass die Beziehungen zu Frauen die wichtigsten in ihrem Leben waren.

Käthe Seifried stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. 1930 trat sie in die KPD ein und wurde 1932 bereits zur mehreren Monaten Haft verurteilt. Im Oktober 1933 wird sie verhaftet und im KZ Hohenstein inhaftiert und mißhandelt. Nach ihrer Entlassung 1934 schafft sie es, durch ständig wechselnde Wohnorte weiteren Verhaftungen zu entgehen. Sie ist auch nach 1945 wieder Mitglied der KPD in Freiburg. Nach dem Tod ihres Mannes 1947 lebt sie mit ihrer Freundin Sofie Gertmeier zusammen, die beiden kennen sich bereits seit 1934. Sie ziehen einige Jahre ein Kind groß, dessen Vater ein französischer Besatzungssoldat war. Später wird ihnen dieses Kind, das sie nicht adoptieren konnten, weggenommen und es wächst nun hauptsächlich in einem französischen Kinderheim auf. Käthe Seifried und Sofie Gertmeier lebten bis zum Tod von Käthe Seifried 1993 gemeinsam in Freiburg. Sofie Gertmeier ist heute in einem Altenheim.

Oder die beiden österreichischen kommunistischen Widerstandskämpferinnen Maria Berner (Festnahme 1939, 1943 nach Ravensbrück deportiert) und Anni Hand (Festnahme 1942, 1943 nach Ravensbrück gebracht). Beide marschieren 1945 gemeinsam nach Hause zurück. Mit ihren früheren "Verflossenen" können sie nichts mehr anfangen, sie wollen keine Männer mehr. Sie verbringen ihr weiteres Leben zusammen und ziehen eine Adoptivtochter groß.

Ingrid Strobl interviewte die spanische Kommunistin und Widerstandskämpferin "Fifi", die als 16jährige mit ihrem Gewehr in den Kampf zieht. Nach ihrer Festnahme im weiteren Verlauf des Bürgerkriegs baut sie im Madrider Gefängnis eine kommunistische Zelle auf. Da für ihre Genossen und Genossinnen Homosexualität tabu ist, wird sie aufgefordert, sich ja nicht zu oft mit derselben Frau zu zeigen. Von allen Seiten wird ihr ihre "Eigenartigkeit", genauer "Männlichkeit" vorgeworfen. Auch nach Ende der Franco-Diktatur wird sie in ihrem kleinen Dorf angegriffen und schwer verletzt. Fifi, die heldenhafte Kämpferin, mit ihr will niemand etwas zu tun haben.

Wir wissen zu wenig über diese Frauen, um sie als lesbisch bezeichnen zu können. Auf jeden Fall stehen diese Frauen für weibliche Lebensentwürfe, die als solche oft nicht wahrgenommen werden.

Lagerhomosexualität

Neben den vorher dargestellten lesbischen Frauen gab es Frauen, die im Konzentrationslager vorübergehende sexuelle Kontakte mit Frauen hatten. Dieser Aspekt wird in der vorhandenen Literatur als "Lagerhomosexualität" bezeichnet.

Sie stand unter Strafe wie jedes andere, noch so geringe Vergehen auch. In Ravensbrück war 1941 bereits "Hände geben" als "lesbisch" verboten. Es gab Prügelstrafen bis hin zur Einweisung in den Strafblock. In jedem Fall sollten Paare getrennt werden. Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, schrieb 1947, dass auch im Frauenlager "die Seuche der lesbischen Liebe grassierte," der durch die stärksten Strafen kein Einhalt geboten werden konnte.

Von der sexuellen Ausnutzung durch Aufseherinnen soll hier nicht die Rede sein. dass solche Mißbrauchsverhältnisse in besonderem Maße für gefangene Frauen erniedrigend waren, ist offensichtlich. Derartige Beziehungen waren wie andere Formen der sexuellen Gewalt entwürdigend und verletzend.

In den eigenen Vorstellungen der Frauen war diese Art der Liebesbeziehung nicht selten begleitet von Doppelmoral: ein Leben in zwei Welten, die ganz unvermittelt nebeneinander stehen: Diese Frauen teilen die gängigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen, sie lehnen aufs heftigste lesbische Beziehungen ab und verachten die Mitgefangenen, die tatsächlich lesbisch sind, die Frauen auch außerhalb des Konzentrationslagers lieben. Gleichzeitig haben sie sexuelle Verhältnisse mit anderen Gefangenen, die sie als Ersatz für Männerbeziehungen begreifen. Margarete Buber-Neumann schreibt, dass es unter den Politischen ebenso "leidenschaftliche Beziehungen" gegeben hat. Sie unterschieden sich zu den "Asozialen" und "Kriminellen" insofern, dass "die einen platonisch blieben, während die anderen ganz offenen lesbischen Charakter hatten."

Aber auch ein anderer Umgang mit der Liebesbeziehung im KZ war möglich: Margarete Glas-Larson, eine österreichische Jüdin, die sowohl vor ihrer Gefangennahme als auch nach der Befreiung mit ihrem Mann Georg zusammengelebt hat, beschreibt in ihrer rückblickenden Erinnerung sehr schön, wie wichtig Beziehungen zu anderen Frauen in solchen Extremsituationen waren. Sie ist eine der wenigen, die solche Verbindungen - wenn sie auch nur vorübergehender Natur waren - positiv schildert, z.B. ihre eigene Beziehung zur Lagerältesten des Krankenbaus Auschwitz-Birkenau, der deutschen Kommunistin Aurelia Reichert-Wald. "Und die Orli war meine große Liebe und ich genier mich nicht, gar nicht... Eines Nachts bat ich Orli, bei ihr bleiben zu dürfen. Und ich legte mich zu ihr(...) Ich war in dieser Nacht schrecklich glücklich, weil ich bei Orli sein durfte. Ich sagte auch zu ihr immer wieder: 'Du bist das Wesen, das ich am meisten liebe, egal ob du ein Mann oder eine Frau bist.'' Aus mehreren Beschreibungen geht hervor, dass Orli Reichert bei ihren Mitgefangenen hoch angesehen war.

Lagerhomosexualität taucht nur in wenigen Berichten von Überlebenden auf. Ist das nicht eher Ausdruck eines Verdrängungsprozeßes als dass es diese Art von Beziehungen nicht gegeben hätte?

Nach 1945

   Wie haben Lesben die Zeit nach 1945 empfunden? Ilse Kokula schreibt zusammenfassend: "Jetzt waren sie nicht mehr 'entartet', dafür aber wurden sie als psychische oder sexuelle Monsterwesen betrachtet. Die wahre Frau der fünfziger und sechziger Jahre war dem Mann zugeneigt. Sie vermied Berufstätigkeit und widmete sich Mann und Kindern.... Nach den Theorien vielgelesener Autoren (die ihre Machwerke oft schon in der NS-Zeit geschrieben hatten) gingen nur noch Mannweiber außerhäuslicher Erwerbsarbeit nach.(...) Kürzlich sagte eine 80jährige Frau zu mir: 'Der Krieg begann für uns lesbische Frauen schon 33'. Vielleicht läßt sich hinzufügen, dass der Krieg bis etwa 1970 dauerte und erst endete, als Frauen und Homosexuelle begannen, für ihre Rechte einzutreten."

Die Hoffnung auf einen grundlegenden Bruch mit der NS-Vergangenheit auch in Hinblick auf die gesellschaftspolitische Einstellung zur Homosexualität und die Lebensbedingungen Schwuler und Lesben erfüllte sich nicht. Schon die weitere Existenz des § 175, der erst 1994 vom deutschen Bundestag aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, zeugt von der Nichtakzeptanz von Lebensentwürfen abseits der (zwangs-)heterosexuellen Gesellschaft.

Diskriminierung und Gewalt gingen aber nicht nur von staatlicher Seite oder reaktionären Kräften aus. Die bereits erwähnte Hilde Radusch z.B. war 1945 in politische Konflikte mit der KPD geraten und trat schließlich aus. Drei Kommunisten denunzierten sie beim Bezirksamt - ihrer Arbeitsstelle - als "lesbisch". In dieser Akte, die ihrem Vorgesetzten vorliegt, sieht sie erstmals dieses Wort geschrieben. Sie wird im Februar 1946 entlassen. Diese Art der Diffamierung durch ehemalige Genossen belastet sie sehr. Unterkriegen ließ sie sich jedoch nicht. Noch als 90jährige sagt sie: "Ich hab mich nie als Opfer betrachtet sondern immer als Kämpferin." Sie beteiligte sich an der Gründung der L74, einer Berliner Gruppe älterer lesbischer Frauen.

Trotz der positiven - erkämpften - Entwicklung ist Gewalt gegen Lesben (und Schwule) immer noch Thema, nicht nur in anderen Ländern. Das Interdisziplinäre Frauenforschungszentrum der Universität Bielefeld hat gerade eine neue Studie hierzu vorgelegt. Fast alle befragten Lesben erleben verbale Abwertungen und Ausgrenzungen, ein Viertel war bereits mit körperlichen Attacken etc. konfrontiert und 10 % mussten sogar massive sexuelle Übergriffe erleiden.

Resümee

Wir konnten das Ergebnis von Ilse Kokula und Claudia Schoppmann nachvollziehen, dass es keine systematische Verfolgung von lesbischen Frauen - vergleichbar der von Schwulen - im Nationalsozialismus gegeben hat. Bei der Beschäftigung mit diesem Thema stießen wir aber auf immer mehr Hinweise, wie Lesben diskriminiert und verfolgt wurden. Zu Anfang schien es, es gäbe fast kein Material, und dann lohnte es sich doch, in bereits einmal gelesenen Büchern nachzuschauen oder Bekannte etc. zu fragen. Solange niemand etwas wissen will, gibt es dieses Wissen auch nicht.

Das Anliegen dieses Artikels ist es, bei allen die Sensibilität zu schärfen. Homophobie macht auch vor fortschrittlichen Menschen aller Denkrichtungen keinen Halt. Ausgrenzung und Verschweigen hat die Situation lesbischer Frauen im Faschismus, aber auch viele Jahre danach geprägt. Es ist Forscherinnen wie Claudia Schoppmann und Ilse Kokula zu verdanken, dass es inzwischen sowohl biografische Skizzen als auch wissenschaftliche Untersuchungen über die Stellung und Verfolgung von Lesben gibt.