„Bei der Neugestaltung soll der Anteil von Kinderzeichnungen und Gedichten erweitert werden, sie sollen tatsächlich im Mittelpunkt stehen. Die Kinder und auch einige der Lehrkräfte sollen mit ihren Namen und biografischen Daten genannt werden.

Bei der Auswahl der Biografien soll darauf geachtet werden, dass auch aus Deutschland deportierte Kinder repräsentiert sind

– Anknüpfungspunkte für heutige Jugendliche. Des weiteren sollen Texte von Überlebenden die Lebenssituation der Kinder im KZ Theresienstadt und die konkreten Entstehungsbedingungen der Zeichnungen veranschaulichen. Damit kann die Ausstellung auch Aussagen zum Widerstehen/Widerstand und Überleben unter KZ-Bedingungen treffen.“

Als sich im Herbst 2000 erstmals eine Arbeitsgruppe im Studienkreis traf, um über die Erstellung der neuen Ausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt. Bilder, Gedichte, Texte“ nachzudenken, war allen vier Beteiligten der hohe Anspruch gewärtig, der in der oben zitierten Konzeptions-Beschreibung zum Ausdruck kommt.

Mehr noch: Zur Ausgangssituation gehörten – fester Bestandteil bislang eigentlich jedes Vorhabens im Studienkreis – die Knappheit der zur Verfügung stehenden Mittel (11.000 DM als definitive finanzielle Obergrenze für Recherche und Texterstellung, Ausstellungssystem, Gestaltung, Ausdruck und Werbematerialien) und ein eindeutiger zeitlicher Rahmen:

Die Fertigstellung zum 29. Evangelischen Kirchentag im Juni 2001 in Frankfurt/Main war Pflicht.

Nicht klar – am ehesten wahrscheinlich noch der als einziger im Team historisch geschulten Ursula Krause-Schmitt, alle übrigen (Andrea Mohr, Hartmut Mohr, Gottfried Schmidt) waren als interessierte Laien, aufgrund ihrer Tätigkeiten als Grafiker/in bzw. wegen ihrer Erfahrungen in Fragen der visuellen Realisation dabei – war allerdings den Beteiligten, auf welches nicht zuletzt emotionale Abenteuer sie sich eingelassen hatten.

Die folgenden Überlegungen sollten nicht verstanden werden als museums- oder ausstellungspädagogische Begründung der Ausstellung, an deren Erstellung die Beteiligten noch arbeiteten, als diese Zeilen geschrieben wurden: Dazu fehlen dem Autor die Voraussetzungen. Eine Reihe von Artikeln in diesen „informationen“ gibt Sach- und Geschichtswissen weiter, dessen Kenntnis viel beim Verständnis der Ausstellung leistet, bei einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema unerlässlich ist. Hier sollen der Prozess, der in der Arbeitsgruppe ablief, und seine Ergebnisse wiedergegeben werden – mit dem Ziel zu verdeutlichen, warum sich diese Ausstellung so und nicht anders präsentiert, und mit der hoffnungsvollen Vermutung, dass Ähnliches Vielen geschieht, die sich der Ausstellung als Besucher/innen nähern.

Die Dynamik dieser Beschäftigung lässt sich u.a. an zwei Fragestellungen verdeutlichen:

Wer steht im Mittelpunkt?

In der erstmalig 1988 vom Studienkreis gestalteten Ausstellung wurde die Formulierung „Kinderzeichnungen“ gewählt. Für uns stellte sich jedoch die Frage, ob beispielsweise 12- bis 14-Jährige, zu deren Lebenserfahrung Verhaftung, Verschleppung, KZ, Krankheit und Tod gehören, ohne weiteres noch als Kinder zu bezeichnen sind. Die Einsicht in die Diskrepanz zwischen biologischem Alter und erlittenem Schicksal führte nur deswegen nicht zu einer Neuformulierung des Titels (z.B. „Kinder und Jugendliche“), weil bei der detaillierten Durchsicht der Bilder deutlich wurde, dass es sich bei diesen in der großen Mehrzahl um Schöpfungen von 10- bis 12/13-Jährigen handelte.

Bedeutung der Zeugnisse

Ein zweiter Aspekt führte dann in der Tat zu einer Änderung des Titels der Ausstellung zu einem ganz späten Zeitpunkt: Waren ursprünglich vor allem die Bilder und Zeichnungen im Focus, ergänzt durch die Gedichte, so zeigte es sich im Verlauf der Arbeit, dass es möglich war, alles, was in der Ausstellung zu sagen ist, durch die Personen selbst sagen zu lassen – durch Texte, die von den Betroffenen selbst stammen.

Konsequenz dieser Einsicht ist nicht nur der veränderte Titel, den durch den Begriff „Texte“ zu erweitern uns notwendig erschien; wichtiger noch ist, dass abgesehen von einer knappen historischen Hinführung zu Theresienstadt die ganze Ausstellung frei ist von Erläuterungen, Erklärungen oder Kommentaren.

Was ursprünglich aus der intensiven Beschäftigung mit den Bildern und Zeichnungen erwuchs, was sich naheliegend bezüglich der Lyrik fortsetzte – nicht einzugreifen, nicht zu interpretieren –, das fand seine schlüssige Konsequenz in dieser Zurückhaltung des Ausstellungsteams. Die Beschäftigung mit der Thematik des „Zeugnis geben“, die im zweiten Teil dieser „informationen“ und auch im folgenden Heft eine große Rolle spielt, hat viel dazu beigetragen, sich in dieser Weise auch den Kinderzeichnungen zu nähern: Sie nämlich zu verstehen als Zeugnisse, die aus sich selbst heraus sprechen können. Zugespitzt formuliert folgt daraus: Um Zeitzeugnissen dieser Art gerecht zu werden, darf der Zweck einer Ausstellung nicht länger die Belehrung sein; vielmehr ist Aufgabe derjenigen, die hier vermitteln wollen, diese Dokumente in ihrer Besonderheit zur Entfaltung zu bringen, zu versuchen, ihre individuelle und soziale Einbettung offen zu legen. Nicht mehr.

Eine sehr zeitaufwendige und intensive Beschäftigung mit den – immerhin etwa 4.000 – Bildern und Zeichnungen, die im Jüdischen Museum in Prag erhalten geblieben sind, war somit Kernstück der Arbeit der Ausstellungsgruppe: im günstigsten Fall, dass die Verhältnisse, unter denen sie gestaltet wurden – theologisch gesprochen, ihr „Sitz im Leben“ – verstehbar und wahrnehmbar wurden. Dass die Gruppe gezwungen war, aus einem solch großen Bestand nur so wenige (gerade einmal 33) Bilder zur Wiedergabe auswählen zu müssen, wurde übereinstimmend als gleichzeitig schmerzhaft und als Ansporn empfunden, möglichst viel über die jeweiligen Situationen zu erfahren, aus denen diese Bilder stammten. Letzteres muss aber äußerst relativ gesehen werden, da die Quellen nicht oft mehr als den oder die Schöpferin eines Bildes, evtl. die Daten der Deportation nach Theresienstadt und den Abtransport nach Auschwitz, hin und wieder noch nicht einmal den Namen beinhalten.

Auswahlkriterien benennbar

Es zeigte sich, dass zumindest fünf Kriterien benennbar sind, nach denen sich der Bildbestand strukturieren lässt:

– Unterrichtsübungen: der nur scheinbar formale Aspekt, Zeichnen und Malen zu lernen
– Stimmungen wiedergeben, in denen sich die Kinder befanden
– Situationen im KZ beschreiben: die Lebensverhältnisse werden malerisch festgehalten
– Sich Erinnern an Ereignisse „vor der Zeit im KZ“
– Die Wiedergabe von (Alp-)Träumen

Dass diese Kriterien sich nicht in jedem Fall eindeutig und ausschließlich feststellen lassen, liegt auf der Hand: So scheint beispielsweise im Malunterricht neben dem Üben von Farbwirkungen und Formen eine Aufgabe gewesen zu sein, Märchen wiederzugeben; dass unter den gegebenen Verhältnissen dabei besonders bedrückende Situationen eingefangen wurden, ist einleuchtend.

Einigkeit bestand in der Gruppe, diese Situationen, soweit sie feststellbar waren, bei der Ein- und Zuordnung der Bilder zum Tragen zu bringen: sei es durch die geeignete Zuordnung von Texten überlebender Kinder, sei es durch kurze historische Bildunterzeilen, sei es durch Heranziehen von Gedichten. Eine persönliche Bemerkung sei erlaubt: Im Vergleich zu den Bildern und Zeichnungen wurden die Gedichte, ihre Bedeutung und Zuordnung relativ wenig reflektiert; vielleicht drückt sich darin eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit Lyrik bei der Erforschung und Vermittlung der Zeit der Lager aus.

Wie sehr das grundsätzliche Herangehen, die Bilder und Zeichnungen möglichst selbst sprechen zu lassen, seine Wirkung auch auf die formale Gestaltung der Ausstellung hatte, zeigte sich in der Phase der Umsetzung auf die Ausstellungstafeln: Es bestand schnell Einigkeit im Ausstellungsteam, dass – anders noch als bei der vorherigen Ausstellung – keine Ausschnitte von den Bildern verwendet wurden und auch die Proportionen der einzelnen Abbildungen untereinander eingehalten werden sollten. Ebenso wurde viel Wert darauf gelegt, dass bei der Reproduktion die von den Kindern verwendeten Materialien wieder erkennbar blieben.

Ergebnis sind nun fünfzehn Tafeln, auf denen 33 Bilder und Zeichnungen, neun Gedichte und eine Fülle von Texten Überlebender miteinander kombiniert – eher noch komponiert wurden. Klammert man dabei die Tafeln aus, denen eine einleitende bzw. erläuternde Funktion zukommt – Eröffnungstafel, Totenliste aller aus Deutschland nach Theresienstadt deportierten und umgekommenen Kinder, die beiden Tafeln über Theresienstadt und Auschwitz –; so bleiben elf Tafeln, deren jeweilige Kernaussagen in ihrer Reihenfolge wiedergegeben werden:

– Mein zuhause, mein Zimmer, alles fort ...
– Ich hab die Angst erkannt ...
– durften Familien nicht zusammenleben
– Allgemein war der Schulunterricht verboten
– Durch das Verbot gewann das Lernen an Reiz
– Zeichne, was du siehst
– Der Tod ist überall zu Haus
– Transport ins Unbekannte
– Schmetterlinge leben hier nicht
– ... wir woll‘n doch leben ...
– Wir müssen fort in unbekannte Häfen

Auch diese jeweiligen „Leitgedanken“ der Tafeln wurden den Gedichten bzw. den Texten entnommen; sie sind auf den Tafeln selbst als „Überschriften“ gestaltet.
 
aus: informationen Nr. 53, Mai 2001