Er darf nicht in Vergessenheit geraten: der Skandal, über den bundesdeutsche Medien Ende August aus Weimar berichteten. Was war geschehen?

Da hatte doch der stellvertretende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, ein gewisser Professor Hermann Schäfer, bei einem Gedenkkonzert für die Opfer des Konzentrationslagers Buchenwald und im Angesicht ehemaliger Buchenwaldhäftlinge vor allem über Flucht und Vertreibung der Deutschen gesprochen – die deutschen Vertriebenen seien Opfer gewesen, dies könne 60 Jahre später „offen und ohne Scheu“ ausgesprochen werden. Mit keinem Wort ging der Historiker und vormalige Direktor des Bonner Hauses der Geschichte auf die der Vertreibung vorausgegangenen NS-Verbrechen und deren Opfer ein. Herr Schäfer bekam dafür die verdiente Antwort: Die Empörung im Publikum wurde derart lautstark vorgetragen, dass er seine Rede abbrechen musste. Die nachgeschobene, peinliche Entschuldigung des Redners indiziert eine zusätzliche Steigerung des Skandals: Er habe, so Herr Schäfer, ja keinen Auftrag gehabt, sich auf Buchenwald „einzustellen“ und außerdem sei Buchenwald nicht sein Spezialgebiet! Außerdem hätte er anders geredet, wenn er gewusst hätte, dass Überlebende des Konzentrationslagers im Saal sind. Eine Aussage, die befürchten lässt, wie sich die erinnerungskulturelle Landschaft verändern könnte, wenn die letzten Opfer des NS-Terrors verstorben sind.

Ins Bild passt auch, dass Schäfer – unter dem die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration, Heimat“ für das Bonner Haus der Geschichte konzipiert wurde und der Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ ist – zu den Befürwortern der gegenwärtigen Arno-Breker-Ausstellung in Schwerin gehört, mit der Hitlers Lieblingsbildhauer (wieder) in unseren Kunstkanon aufgenommen werden soll.

In einer Erklärung der „Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora“, unterzeichnet von Günter Pappenheim, einem Überlebenden des KZ Buchenwald, wird daran erinnert, was die befreiten Häftlinge am 19. April 1945 auf dem Ettersberg geschworen haben: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“ Die Erklärung der Lagergemeinschaft stellt bitter fest: „Nachdem der Vertreter des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für das Kulturfest Weimar eine nicht misszuverstehende Rede hielt, müssen wir feststellen, dass wir von der Erfüllung des Schwures von Buchenwald weiter entfernt sind denn je.“ Und weiter: „Mit dem gebotenen Nachdruck protestieren wir gegen diese maßlose Provokation … Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass offiziell Opfer und Überlebende beleidigt werden. Wir empfinden das verwerfliche Auftreten als vorsätzlich, weil es sich in eine Vielzahl ähnlicher Erscheinungen einordnet.“ Die Erklärung konstatiert schließlich: „Nach klaren Aussagen der Bundesregierung anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald im April 2005 stellen wir besorgt fest, dass sich die Position der Bundesregierung gegenüber der Erinnerung an die Opfer des deutschen Faschismus offenbar verändert hat.“

Ein neues, revidiertes Geschichtsbild entsteht, das die deutschen Kriegs- und NS-Verbrechen relativiert bzw. das als Ausgangspunkt für eine neue Außenpolitik dient. Der Weg hierzu wird dabei von WissenschaftlerInnen, PublizistInnen und PolitikerInnen auf vielfältige Art und Weise bereitet: Hermann Schäfers Buchenwald-Rede, Arnulf Barings Rede vor der hessischen CDU oder die Arbeit von Erika Steinbach sind nur einige solcher Wegmarken.

Vorgänge wie diese zeigen einmal mehr, wie wichtig die Arbeit antifaschistischer Institutionen und Organisationen und wie wichtig die wissenschaftliche Arbeit des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945 bleibt. Denn offiziöse Reden, staatlich geförderte Projekte und Ausstellungen, „Vorgänge“ dieser Art sind keine „Ausrutscher“, sondern signalisieren einen geschichtspolitischen Rechtstrend.

Dieser Trend wird sich ohne Zweifel auch auf die Darstellung des Nationalsozialismus und des Widerstandes auswirken. Vor diesem Hintergrund gewinnt unser Vorhaben an Gewicht, am 17./18. März 2007 zu einer wissenschaftlichen Tagung in Frankfurt/Main einzuladen, die sich den Fragen der Vermittlung des Widerstandes gegen den deutschen Faschismus in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit widmen wird. Anlass ist das vierzigjährige Bestehen des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, der 1967 aus einer wissenschaftlichen Tagung über die Darstellung des Widerstandes in westdeutschen Schulbüchern entstanden ist. Auf Seite 32 des vorliegendes Heftes finden sie nähere Informationen hierzu. Die detaillierte Einladung wird auf geeignete Weise publiziert werden und auf der Homepage des Studienkreises nachzulesen sein. Unsere Mitglieder und Freunde sind herzlich dazu eingeladen, sich aktiv in der Vorbereitung und Durchführung der Konferenz zu engagieren.

Christoph Jetter, Dirk Krüger

PS. Nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass sich der oben erwähnte Kulturbeauftragte Schäfer in einem persönlichen Gespräch mit dem Präsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora für seine Weimarer Rede entschuldigt und deren Wertung als Indiz eines „erinnungskulturellen Paradigmenwechsels“ widersprochen hat. Eine persönliche Entschuldigung gegenüber den Überlebenden war gewiss überfällig geworden. An der – nicht nur von uns – vertretenen Einordnung des Weimarer Skandals gibt es allerdings nichts abzumildern. C.J./D.K.