„Probleme des Widerstandes und der Verfolgung im Dritten Reich im Spiegel der Schulbücher und des Unterrichts” – unter diesem Konferenztitel trafen sich vom 17. bis 19. Februar 1967 in Frankfurt Wissenschaftler und ehemalige Widerstandskämpfer mit Publizisten, Verlegern und Schulbuchautoren. Einberufen wurde die Konferenz von einem 19-köpfigen Kreis, zu dem u.a. Prof. Abendroth, Prof. Heydorn, Martin Niemöller, Joseph C. Roissant, Oskar Müller, Dr. Arno Klönne und Günther Weisenborn gehörten. Im Mittelpunkt stand die Analyse der aktuellen Forschung und Darstellung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Darüber hinaus war es ein Anliegen der Konferenzteilnehmer den Widerstand zu würdigen und zu rehabilitieren.1

Joseph C. Rossaint, der im Berliner Katholikenprozess 1937 zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt und im Mai 1945 aus der Haft befreit wurde, referierte über den „Sinn und Wert der Vermittlung der Geschichte des Widerstandes”. Die Vorgeschichte und das Herrschaftssystem des Dritten Reiches standen in den Vorträgen von Imanuel Geiss und Iring Fetscher im Mittelpunkt. Vier weitere Beiträge beleuchteten verschiedene Bereiche des Widerstandes. So referierte Wolfgang Abendroth über den Widerstand der Arbeiterbewegung. Hans Mommsen ging in seinem Vortrag den „Formen des Widerstandes gegen das NS-Regime unter besonderer Berücksichtigung des 20. Juli 1944” nach. Der „Widerstand der Kirchen” stand im Mittelpunkt des Vortrages von Ernst Wolf. Von Herbert Steiner, dem ersten Direktor des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstand (DÖW), wurde der europäische Widerstand gegen den Nationalsozialismus vorgestellt.

Zwei weitere Vorträge – gehalten von Heinrich Stiehler und Edgar Weick – widmeten sich der pädagogischen Aufarbeitung des NS-Regimes und des Widerstandes. Während Stiehler allgemein über den Stellenwert des 3. Reiches in den Schulbüchern referierte, fokussierte Edgar Weick seinen Vortrag auf die Darstellung des Widerstandes in den Schulbüchern – mit einem ernüchternden Fazit: „Der Nationalsozialismus trägt in seiner historischen Darstellung noch einmal den Sieg über den Widerstand gegen ihn davon. Die Geschichte des Siegers über den Widerstand, die Geschichte der Herrschenden vor allem wird geschrieben. Die Darstellung
des Widerstandes bleibt eine Episode.” (Weick 1967a, S. 134) Zwar wurde der Widerstand in allen untersuchten Schulbüchern behandelt, trotzdem konnten zahlreiche Schwachstellen herausgearbeitet werden: Im Zentrum standen die Widerstandsgruppe der Weißen Rose um die Geschwister Scholl, der 20. Juli 1944 und der Widerstand aus Kreisen der Kirche. Letzterer wurde derart dargestellt, so Weick, als ob der Widerstand Einzelner aus der Kirche ein Widerstand der Kirche als Ganzes gewesen sei. Manche Bücher beschränkten sich sogar nur auf die Ereignisse des 20. Juli 1944. „Der von den Anhängern und Mitgliedern der beiden Arbeiterparteien, der SPD und der KPD, von der ersten Stunde an geleistete Widerstand wird nur in wenigen Büchern erwähnt [...]” (ebd., S. 129). Unterbeleuchtet bzw. unberücksichtigt blieben seinerzeit darüber hinaus in allen untersuchten Publikationen der Beitrag der Emigration zum Widerstandskampf gegen Hitler und der Widerstand in den Konzentrationslagern und Haftanstalten (ebd., 131f).

Weicks Befund verwundert wenig angesichts des damaligen Mainstreams der westdeutschen Widerstandsforschung. Auch hier dominierte bis mindestens Mitte der 1960er Jahre ein einseitiger Blick auf den Widerstand.

Die Gründung des „Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933–1945“ ist neben dem zitierten Tagungsband ein Resultat dieser Konferenz. Zehn Jahre später wurde das bereits in der Konferenz geplante „Dokumentationsarchiv des deutschen Widerstandes“ eröffnet. Ziel des Studienkreises ist seitdem die Erforschung des Widerstandes in seiner gesamten politischen und sozialen Breite und Vielfalt und vor allem, wenig beachtete oder ausgeklammerte Aspekte des Widerstandes bekannt zu machen2. Damit entsprang der Studienkreis der gemeinsamen Initiative ehemaliger Widerstandskämpfer, KZ-Häftlinge sowie Wissenschaftler. Mit dem Dokumentationsarchiv, Ausstellungen, Publikationen, wie z.B. den „Heimatgeschichtlichen Wegweisern“ und der seit 1976 erscheinenden Zeitschrift „informationen“ u.v.m. geht der Studienkreis seither diesen Aufgaben nach.

Selbstverständlich haben sich seit jener Schulbuchkonferenz die sozialen und politischen Rahmenbedingungen, in denen sich die historisch-politische Bildung im Allgemeinen und die Widerstandsforschung im Besonderen bewegen, geändert. So hat beispielsweise der Wegfall des Systemgegensatzes und die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten deutliche Spuren in der Widerstandsforschung und der Erinnerungskultur hinterlassen. Hierzu gehören, um nur ein paar Stichworte zu nennen: die Öffnung bislang verschlossener Quellen zur Erforschung des Widerstandes; die Erweiterung des Widerstandsbegriffes auf lange Zeit nahezu unbeachtete und vernachlässigte Widerstandsgruppen; die geschichtsrelativierende Diskussion um „die beiden deutschen Diktaturen“ und ihre Opfer, die Diskussion um die Funktionshäftlinge als „rotlackierte Nazis“ etc. Offen ist noch, inwiefern sich neue Tabus entwickeln.

Auch die europäische Einigung und Integration fordert die Widerstandsforschung und historisch-politische Bildung heraus, da nun unterschiedliche nationale Erinnerungskulturen aufeinandertreffen. Die deutsch-polnische Debatte um das so genannte „Zentrum gegen Vertreibungen“ ist nur ein Beleg für mögliche erinnerungskulturelle Konflikte in Europa.3 In der sicherlich konflikthaften Suche nach gemeinsamen Elementen der Erinnerungskultur stecken aber auch interessante Perspektiven. „Erinnerung heißt nicht nur Gedenken. Sie heißt Aktualität und geschichtsbezogene Lehre. Wenn der Begriff der ‚europäischen citoyenneté‘ mehr als nur eine Worthülse ist, so sind die transnationalen Engagements durchaus die Grundlage dieser ‚citoyenneté‘, verstanden nicht als ‚Staatsbürgerschaft‘, sondern als ‚Bürgergesellschaft‘. Europa braucht einen ‚patriotisme de la mémoire‘. Dieser [...] ist im deutsch-französischen Bereich zunächst die Aufarbeitung des Kapitels ,Deutsche Widerstandskämpfer in Frankreich‘. [...] Die Zukunft der deutschfranzösischen Beziehungen liegt in dieser ‚mémoire‘ der europäischen Résistance“ (Cullin 2002, S. 65). Durch die Einbeziehung grenzüberschreitender Widerstandsaktionen und die Beachtung der Internationalität des Widerstandes ergeben sich sicherlich auch neue Impulse für die Widerstandsforschung. Bereits Steiner (1967) bemängelt das Fehlen einer Gesamtdarstellung des europäischen Widerstandes. Ein solches Projekt bzw. die Beantwortung der von ihm gestellten Frage, ob es einen ‚europäischen Widerstand‘ oder lediglich ein ‚Widerstand in Europa‘ gegeben habe, sowie die Auseinandersetzung über unterschiedliche Widerstandsdefinitionen und -vorstellungen sind ebenso lohnend wie eine stärkere Betonung transnationaler/internationaler Elemente in der historisch- politischen Bildung.

Auch die Adressaten dieser historisch-politischen Bildung haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt: Nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung hat den Nationalsozialismus persönlich erlebt, ein Teil hiervon im Kindesalter. Viele Jugendliche haben heutzutage keinen persönlichen Bezug mehr zum Nationalsozialismus.  Die Gründe hiervon sind vielfältig: manchem Jugendlichen fehlt beispielsweise die Großelterngeneration, die die Zeit vor 1945 miterlebt hat, andere haben aufgrund eines Migrationshintergrunds keinen direkten Bezugs- bzw. Identifikationspunkt zum Thema. „Die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus läuft daher auch immer Gefahr, zu einem Akt der Ausschließung von Schülern mit nichtdeutscher Herkunft zu werden, da [diese, T.A.] zu einem exklusiven Gegenstand der deutschen ‚Abstammungsgemeinschaft‘ gemacht werden könnte. Zugleich stellt sich andersherum die Frage, ob die NS-Geschichte für junge Migranten einen relevanten zugehörigkeitsstiftenden Bezugspunkt darstellt oder ob sie vielleicht wieder zum Gegenstand der Abgrenzung wird. Provokant formuliert: Wer möchte schon freiwillig zum Kollektiv der Nachfahren von Tätern, Mitläufern und Zuschauern gehören?“ (Meseth 2002, S. 131).

Dieser natürliche Prozess der Generationenentwicklung betrifft auch die Zeitzeugen selbst, die den Nationalsozialismus als Verfolgte bzw. Widerstandskämpfer er- und überlebt haben. Nicht umsonst gilt der Einsatz von Zeitzeugen im Bildungsbereich als eine gute Möglichkeit, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen. Auch in der Forschung sind Erinnerungsberichte eine wichtige Quelle. Diese Quellen werden in naher Zukunft versiegen. Eine Reihe von Fragen ließe sich für Forschung und Pädagogik hieran anschließen, etwa: Welche Forschungslücken bestehen, die durch Hilfe von Zeitzeugen behoben werden können? Wie schafft man es möglichst viele Erfahrungen und Kenntnisse der Zeitzeugen zu dokumentieren und zu sichern? Welche neuen Zugänge zu Schülern müssen gesucht werden, wenn Zeitzeugengespräche nicht mehr stattfinden können?

Verändert hat sich auch – um eine weitere Entwicklung der vergangenen Jahre zu skizzieren – die Präsenz des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum: Keine Woche vergeht, ohne dass der Nationalsozialismus in Wort bzw. Bild in Film, Rundfunk und Fernsehen oder auch Theater und Zeitung vorkommt. Filme wie „Die letzten Tage der Sophie Scholl”, „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“, aber auch „Der Untergang“ liefen erfolgreich in den deutschen Kinos.

Dokumentarfilme wie z.B. die Beiträge von Guido Knopp schafften es zur besten Sendezeit bis ins Abendprogramm. Dabei ist Knopps innovative und stilprägende Geschichtsdokumentation unter Historikern nicht unumstritten. Durch die spezifische und schnell geschnittene Kombination von Filmsequenzen aus den 1930er und 1940er Jahren, Originalfotos, nachgestellten historischen Ereignissen sowie kurzen Zeitzeugeneinblendungen, so kritisiert beispielsweise Kansteiner (2003) die Arbeiten Knopps, wird der Zuschauer aufgefordert, sich in die historischen Akteure und Augenzeugen zu versetzen: in die Frauen, die den Führer anhimmeln, in Hitlers Generäle, die den russischen Feind bekämpfen etc. (vgl. Kansteiner 2003, S. 645). Fehlt Jugendlichen ein selbstkritischer Umgang mit der Vergangenheit, so fehlen Informationen, die ein Gegengewicht gegen Knopps ‚ambivalente Verherrlichung der NS-Gewalt‘ herstellen. Jugendlichen fällt es nach Kansteiner (2003, S. 647f) tendenziell schwer, die vorübergehende Identifizierung und Empathie mit der Perspektive der einfachen Soldaten und der politischen Elite wieder gegen eine kritischere Sicht der Dinge auszutauschen.

Die hier skizzierten Entwicklungen und möglichen Fragen fordern eine erneute Bestandsaufnahme der Widerstandsforschung und der historisch-politischen Bildung heraus. Einen Raum für die Diskussionen öffnet der Studienkreis anlässlich seines vierzigsten Geburtstag mit seiner Tagung am 17. und 18. März 2007 im Frankfurter Haus der Jugend. Themen dieser zweitägigen Konferenz werden der Widerstand in den Schulbüchern und die schulische Bildungsarbeit, mögliche pädagogische Konzepte für eine Vermittlung ohne Zeitzeugen, der aktuelle Forschungsstand der Widerstandsforschung und der Blick in verschiedene Widerstandsbereiche sein. Selbstverständlich werden auch Zeitzeugen des Widerstandes und der Verfolgung zu Wort kommen und die Debatte mit ihren Beiträgen bereichern.

Anmerkungen:

1 Vgl. auch Weick 1967, der die Beiträge der Konferenz im Auftrag des Studienkreises herausgegeben hat.

2 Angesichts des zitierten Mainstreams der Widerstandsforschung stand lange der Widerstand aus der Arbeiterbewegung im Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Andere Widerstandsbereiche, wie z.B. der jüdische Widerstand rückten erst in den 1990er Jahren stärker in den Fokus.

3 Selbstverständlich spielen parallel hierzu weiterhin auch nationale Erinnerungsdiskurse eine wichtige Rolle. So z.B. aktuell der Vertriebenendiskurs (der sowohl innerdeutsch als auch europäisch angelegt ist), Täterdebatten, wie jüngst die SS-Mitgliedschaft von Günter Grass, der Dresden-Diskurs um Opfer alliierter Luftangriffe etc. Nicht minder brisant angelegt sind sicherlich die Koordinaten erinnerungspolitischer Debatten in Osteuropa, in denen die Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen und der staatssozialistischen Regime auf die Aufabreitung der nationalsozialistischen Besatzung und Kollaboration ebenso trifft wie auf Debatten im Kontext Flucht und Vertreibung der deutschen Minderheit.

Literatur:

Michel Cullin (2002): Das Unbegreifliche begreifen und vermitteln. Zur Erinnerungsarbeit im Deutsch- Französischen Jugendwerk, in: Lenz/Schmidt/Wrochem: Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NSVergangenheit, Münster: Unrast, 2002, S. 61-66.

Wulf Kansteiner (2003): Die Radikalisierung des deutschen Gedächtnisses im Zeitalter seiner kommerziellen Reproduktion: Hitler und das “Dritte Reich” in den Fernsehdokumentationen von Guido Knopp, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jg., 7/2003, Berlin.

Wolfgang Meseth (2002): „Auschwitz“ als Bildungsinhalt in der deutschen Einwanderungsgesellschaft, in: Lenz/Schmidt/Wrochem: Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Münster: Unrast, 2002, S. 125-134.

Herbert Steiner (1967): Der europäische Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in: Weick (Hg.): Deutscher Widerstand 1933-1945. Aspekte der Forschung und Darstellung im Schulbuch, Heidelberg: Verlag Lambert Schneider, S. 116-122.

Edgar Weick (1967): Deutscher Widerstand 1933-1945. Aspekte der Forschung und Darstellung im Schulbuch, Heidelberg: Verlag Lambert Schneider.

Edgar Weick (1967a): Die Widerspiegelung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in den Schulbüchern, in: ders. (Hg.): Deutscher Widerstand 1933-1945. Aspekte der Forschung und Darstellung im Schulbuch, Heidelberg:Verlag Lambert Schneider, S. 123-136.

Edgar Weick (1998): „Blauäugig – für eine gute Sache. Persönliche Erinnerungen an die Anfänge des Studienkreises Deutscher Widerstand”, in: informationen Nr. 47, 1989, Frankfurt: Studienkreis Deutscher Widerstand.

aus: informationen Nr. 64, November 2006