Die Suche nach dem "wirklichen Blau"
Bildbiographie zum 100. Geburtstag von Anna Seghers
Der Aufbau-Verlag hat eine Bildbiographie wieder aufgelegt, die 1994 erstmals erschienen ist. Zu den drei Herausgeberinnen gehört auch die Tochter von Anna Seghers, Ruth Radvanyi, ferner Frank Wagner, Professor für Literatur in Berlin, der bereits seit langem zu Anna Seghers arbeitet, und Ursula Emmerich, die frühere Lektorin von Anna Seghers.
Über die Schriftstellerin Anna Seghers gibt es viele Veröffentlichungen; dieses Buch ist aber schon wegen der vielen Fotos außerordentlich beeindruckend, da die Bilder einen erweiterten und außerordentlich lebendigen Eindruck von Anna Seghers' Leben und Arbeiten vermitteln.
Die Texte stammen aus den Büchem von Anna Seghers, aus ihren Artikeln und Briefen als auch aus Briefen und Berichten von Menschen, die mit ihr zu tun hatten, sich mit ihr auseinandersetzten. Der Bildband spiegelt das facettenreiche Leben der Netty Reiling wider, von der Kindheit in Mainz, der Studienzeit (Kunstgeschichte und Sinologie) in Heidelberg und Köln, der Heirat mit Laszlo Radvanyi und Geburt der Kinder. Bereits früh veröffentlicht sie Geschichten zunächst unter dem Namen Antje Seghers, später Anna Seghers, 1928 bekommt sie für zwei Erzählungen den Kleistpreis. 1930 ist sie als revolutionäre Schriftstellerin schon in vielen Ländern der Welt bekannt, anders als in Deutschland, wo sie erst nach 1947 bekannter wurde.
Die in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko über Santo Domingo und Haiti gemachten Erfahrungen prägen viele ihrer Bücher. Die Verfasserin des "Siebten Kreuzes" schrieb etliche Erzählungen und Romane, die z.B. vom Leben und von Mythen in mittel- und südamerikanischen Ländern beeinflußt waren. Es folgt die Darstellung der Jahre in Berlin nach der Rückkehr aus dem Exil, Reisen nach Mexiko, in die UdSSR, nach China etc.
In den Arbeiten von Anna Seghers ist ihre Internationalität immer spürbar. Diese Erfahrungen und Beziehungen spiegeln sich auch in den Bildern wider; Fotos zeigen sie mit Jorge Amado, Pablo Neruda, Halldor Laxness, Nazim Hikmet u.v.a.. Neben etlichen Fotos mit deutschsprachigen Schriftstellern sind auch Bilder mit z.B. mexikanischen Bauern, Bauarbeitern in Berlin oder die Schriftstellerin bei Lesungen zu betrachten. Das Buch vermittelt Stationen ihres politischen und schriftstellerischen Engagements in der Friedensbewegung und als Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR. Vieles wird zwangsläufig bei diesem ereignisreichen Lebensweg nicht erwähnt oder nur sehr kurz angesprochen. Manches läßt sich vielleicht mit erklärenden Worten auch nicht fassen; Christa Wolf schreibt im Vorwort, daß am wenigsten jene Ereignisse beredet werden konnten, die sie am tiefsten trafen, z.B. Deportation und Tod der Mutter.
Manchmal ist zur Einordnung der Textausschnitte Hintergrund-Wissen nötig (z.B. bei der Auseinandersetzung um Walter Janka 1956/1957). Auf jeden Fall weckt das Buch die Lust, mehr von und über Anna Seghers zu lesen. Und auch für die, die bereits vieles von ihr kennen, zeigen die Fotos und die Zusammenstellung der Textausschnitte ein greifbares, manchmal faszinierendes und geheimnisvolles Bild der Schriftstellerin, Frau, Mutter, Jüdin, Kommunistin, die immer engagiert auf der Suche war, wie eine bessere Welt zu schaffen sei.
Anna Seghers schreibt 1957: "Ich habe große Sehnsucht nach einer besonderen Art von Welt, in der man arbeiten und atmen und sich manchmal wie verrückt freuen kann. Das ist im Augenblick ziemlich selten."

Anna Seghers - Eine Biographie in Bildern. Mit einem Essay von Christa Wolf. Herausgegeben von Frank Wagner, Ursula Emmerich, Ruth Radvanyi. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, 2. Auflage 2000.

Doris Seekamp.


Exil in Mexico
Eines der wichtigsten Länder des deutschen Exils im Zweiten Weltkrieg war Mexico. Darüber gibt es umfangreiche Literatur, die im letzten Jahrzehnt wesentliche Bereicherung erfahren hat.
Das im Berliner Aufbauverlag erschienene Taschenbuch des Kurators im Jüdischen Museum Wien, Marcus G. Patka, ordnet sich dort ein. An einen breiten Leserkreis gewandt, wird vorrangig Auskunft über die Rolle deutscher und österreichischer Schriftsteller gegeben. Geboten werden Beiträge zu einzelnen Personen, Hintergrundwissen über die Lebensbedingungen ausländischer Antifaschisten, die Formen ihrer Zusammenschlüsse und Inhalte ihrer Tätigkeit.
Zentrale Aufmerksamkeit gilt der Zeitschrift "Freies Deutschland", dem Heinrich Heine Klub als wichtigstem Treffpunkt antinazistischer Intellektueller deutscher Sprache sowie der Gründung und Tätigkeit des Verlages EI Libro Libre unter der Leitung von Walter Janka.
Biographische Notizen sind über Theodor Balk, Heinrich Gutmann, Leo Katz, Otto Katz (Andre Simone), Egon Erwin Kisch, Paul Mayer, Gustav Regler, Ludwig Renn, Otto Rühle, Anna Seghers und Bodo Uhse enthalten. Im Zentrum steht nicht der Anteil der Schriftsteller an der Auseinandersetzung mit Hitlerfaschismus und Krieg, sondern ihr Auftreten in Mexico. Besonderes Gewicht erhalten die Beziehungen untereinander und die Stellung zu den verschiedenen politischen Gruppierungen. Näher eingegangen wird auf die Rolle der Juden im mexikanischen Exil.
Das tragische Schicksal vieler aus Mexico nach Deutschland und in andere Länder zurück kehrender Antifaschisten unter dem Einfluß des Kalten Krieges und der Vorherrschaft des Stalinismus in Osteuropa berührt auch das Leben der meisten im Buch Vorgestellten. Bedauerlicherweise ist manche Aussage über Ostdeutschland wenig differenziert und steht unter dem Stigma des "Unrechtsstaates DDR". Dadurch fallen z.B. Wertungen über das Werk von Ludwig Renn, Anna Seghers und Bodo Uhse einseitig aus.
Die Rolle von antifaschistischen Frauen im mexicanischen Exil ist unterrepräsentiert. Lediglich Anna Seghers wird näher vorgestellt. Dies geschieht nicht nur im Beitrag "Anna Seghers Blick auf Deutschland" (vgl. S. 168-178), sondem durchzieht das ganze Buch.
Eine Schlüsselstellung nimmt Anna Seghers' Tätigkeit als Präsidentin des Heinrich Mann Klubs ein. Groß war die Wirkung ihres im Januar 1943 im Verlag EI Libro Libre erschienenen Buches "Das siebte Kreuz" sowie die auszugsweise Publikation des Buches "Transit". Aufschlußreich sind Hinweise auf die engen Beziehungen zwischen Egon Erwin Kisch und Anna Seghers.
Insgesamt ist es ein interessantes, flüssig geschriebenes, reich mit Informationen gefülltes Buch, das zu weiteren Forschungen anregt.

Marcus G. Patka: Zu nahe der Sonne. Deutsche Schriftsteller im Exil in Mexico. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 1999.

Karl Heinz Jahnke


Zwangsarbeit in Hannover
Im Verlag für Regionalgeschichte sind in den vergangenen beiden Jahren eine Reihe von Veröffentlichungen zur regionalen nationalsozialistischen Geschichte erschienen, darunter auch Veröffentlichungen von Arbeiten zur Geschichte der Zwangsarbeit.
Ein erwähnenswerter Titel ist in diesem Zusammenhang das Buch von Janet Anschütz und Irmtraud Heike zur Zwangsarbeit in Hannover. Diese Publikation erwuchs dem Forschungsprojekt an der Universität Hannover unter der Leitung von Prof. Claus Füllberg-Stolberg und stellt erste Ergebnisse der
empirischen Untersuchung vor. Im Vordergrund stehen die Arbeits- und Lebenssituationen von Zwangsarbeiter/innen, von KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen. In der ehemalige "Gauhauptstadt" gab es 85 als kriegswichtig eingestufte Rüstungsbetriebe; damit stellte Hannover eine der Hochburgen der Zwangsarbeit in Deutschland dar, in der mehr als 60.000 Zwangsarbeiter/innen, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene einer Tätigkeit nachgehen mussten. Zu über 50% stammten die Verschleppten aus Polen und Russland. Die Betroffenen waren in ca. 500 größeren oder kleineren Lagern untergebracht, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt waren. Zusätzlich existierten in Hannover noch ein Arbeitserziehungslager sowie drei Außenlager des KZ-Neuengamme.
Als Quellen dienten den Autorinnen Unterlagen des Staatsarchiv Hannover, des Niedersächsischen Staatsarchivs, diverser regionaler Archive und vor allem die Firrnenarchive von Bahlsen und Pelikan. Ergänzt wird diese eher administrative Sicht der Akten durch eine Vielzahl von Zeitzeugenbefragungen. Das Forschungsprojekt kann sich mittlerweile auf ca. 1000 beantwortete Fragebögen stützen. Auf diesem Wege konnten die Autorinnen auch jene Bereiche des Alltagslebens der Zwangsarbeiter/innen analysieren, die nicht in den offiziellen Quellen stehen (können) wie Aussagen über das Verhältnis zur deutschen Bevölkerung, über Sozialbeziehungen untereinander sowie über Formen des Widerstands.
Die Autorinnen stellen 19 ausgewählte Lebensund Erfahrungsberichte ehemaliger Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangenen vor, die in unterschiedlichen Arbeits- (vom Großbetrieb bis hin zum privaten Haushalt) und Alltagssituationen leben mussten. In den Erinnerungen spiegeln sich häufig extreme körperliche und seelische Leidenssituationen wider. Diese Berichte wurden einzelnen Lagertypen
zugeordnet: Zwangsarbeiterlager (Kapitel 2), Kriegsgefangenenlager (Kapitel 3), private Haushalte (Kapitel 4), Arbeitserziehungslager (Kapitel 5), Konzentrationslager (Kapitel 6). Den einzelnen Zeitzeugenberichten wurden einführende Kapitel vorangestellt, die ein Einordnen der dargestellten Lebenserinnerungen in den historischen Kontext ermöglichen. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stammten aus Griechenland, Italien, den Niederlanden, Polen, der Ukraine und Russland. Die Gliederung der Zeitzeugenberichte orientiert sich ferner an der Chronologie der Geschichte des Ausländereinsatzes.
Der Text wird ergänzt durch eine Vielzahl von bisher unveröffentlichten Bildern und Dokumenten von hannoverschen Zwangsarbeiterlagern. Vervollständigt wird der fast 200 Seiten umfassende Hauptteil von einem informativen Dokumentenanhang. Es wäre wünschenswert, wenn die in dieser Publikation erwähnten Industriebetriebe die Forschungsergebnisse zum Anlass nehmen würden, sich ihrer historischen und moralischen Verantwortung zu stellen und ihren finanziellen Beitrag in den Entschädigungsfond für ehemalige Zwangsarbeiter/innen einzuzahlen.

Janet Anschütz, Irmtraud Heike: Feinde im eigenen Land. Zwangsarbeit in Hannover im Zweiten Weltkrieg. Bielefeld: Verlag für Regionaigeschichte, 2000.

Eike Stiller


Vernichtungskrieg an der Heimatfront
Der Titel dieser Veröffentlichung überrascht. Der Begriff "Vernichtungskrieg" hat sich als Bezeichnung des besonderen Charakters des Krieges gegen die Sowjetunion in den Jahren 1941-1945 in der bundesdeutschen Öffentlichkeit weitgehend etabliert. Ungewöhnlich ist jedoch, ihn in den Kontext mit der "Heimatfront" zu setzen.
Die gemeinsame Inblicknahme beider Phänomene soll offensichtlich Leserinnen und Leser für die Tatsache sensibilisieren, dass der weltanschauliche Vernichtungskrieg nicht nur Tausende Kilometer entfernt an und hinter der Front stattfand, sondem auch vor der eigenen Haustür, im vorliegenden Fall in den Kriegsgefangenenlagern, den sogenannten "Russenlagern", im Raum Hannover oder auch bei der Verfolgung von Deserteuren oder Kriegsdienstverweigerern. Auch auf der ideologischen Ebene wurde der Vernichtungskrieg an der "Heimatfront" inszeniert, etwa in den Schulen sowie in den Medien (Zeitungen, Rundfunk).
Die fünf Beiträge dieses Bandes sind im Rahmen eines Seminars zur Vorbereitung auf die "Wehrmachtsausstellung" im Sommersemester 1998 am Historischen Seminar der Universität Hannover entstanden.
Ziel dieses Seminars war es, auf die engen Verbindungen des Vernichtungskrieges im Osten mit den Strukturen in der eigenen Heimat hinzuweisen. Die Autoren/innen versprachen sich von ihren Bemühungen vor allem eine kritische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit sowie eine stärkere Rezeption dieser Diskussion in den Schulen. Auch wenn die Beiträgt nur begrenzt neue historische
Erkenntnisse liefern konnten, stellt dieser Sammelband dennoch eine kompakte Information dar. die insbesondere für den Oberstufen-Untenicht geeignet zu sein scheint.
Ingo Kitzel beschäftigt sich mit "Banditen", "Heckenschützen- und "Flintenweibern" in der Berichterstattung der hannoverschen Tagespresse 1941-1944. Er kommt zu dem Ergebnis, dass über etwaiges völkerrechtswidriges Verhalten der deutschen Wehrmacht in den Zeitungen nur am Rande berichtet wurde. Dies erfolgte fast ausschließlich in einem Zusammenhang, indem derartige Handlungsweisen als Reaktionen auf Völkerrechtsbrüche der Sowjetunion dargestellt wurden.
Über den "Ostkrieg in Feldpostbriefen deutscher Soldaten" berichten Begalke, Blanke, Menge, Petry und Quasten. Ihnen geht es in ihrem Beitrag vor allem darum, den Krieg gegen die Sowjetunion aus der Perspektive des Frontsoldaten und seiner "Berichterstattung" in der Feldpost zu betrachten.
Billip, Hagen, Maibaum, Sommer und Winterberg beschäftigen sich mit der Lebens- und Arbeitssituation von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitem in Hannover.
Mit den Deserteuren der Wehrmacht in und aus Hannover in den Jahren 1939-1945 beschäftigen sich die Autoren/innen Bergann, Falk, Kirchmeier und Schäfer. Ohne auf einzelne Fallbeispiele einzugehen, liefert der Aufsatz u.a. einen knappen Überblick über den juristischen Verfolgungsapparat.
Im letzten Beitrag untersucht Schiewek den Krieg in den Schulen Hannovers, der sich besonders durch eine ideologische Durchdringung der Institution deutlich gemacht habe. Alle Beiträge sind durch eigene Literaturhinweise und vor allem durch umfangreiche Dokumentenanhänge ergänzt.

Sonja Begalke u.a.: Vernichtungskrieg an der Heimatfront. Analysen und Dokumente aus Hannover. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 1998.

Eike Stiller


Adressat unbekannt
In Form eines Briefwechsel beschreibt das Buch das Ende einer Freundschaft - zwischen Max Eisenstein in San Francisco und Martin Schulse in München - in den Jahren 1932 bis 1934. Schulse ist nach Deutschland zurückgekehrt, hat seine Liebe zu Eisensteins Schwester Griselle beendet; Eisenstein führt die gemeinsam betriebene Kunstgalerie in San Francisco allein weiter.
Im Laufe weniger Monate ist Schulse in seinen Briefen nicht wiederzuerkennen: Er ist in die NSDAP eingetreten und verbittet sich jeden Kontakt mit einem jüdischen Freund. Eisenstein kann diesen Wandel nicht verstehen und wendet sich noch einmal voll Sorge an Schulse, als er einen an seine nun in Berlin lebende Schwester Griselle gerichteten Brief mit dem Vermerk "Adressat unbekannt" zurückerhält. Schulse schreibt nüchtern zurück, dass er der einst Geliebten den Schutz verweigert, ja sie förmlich der SA ausgeliefert habe.
Nun erhält Schulse regelmäßig Briefe von Eisenstein, die augenfällig für jeden Zensor auf Kunstschmuggel, illegale Geschäfte mit Juden und Geldtransfer hindeuten.
Anfang 1934 bittet Schulse plötzlich um Mitleid: diese Briefe brächten ihn in furchtbaren Verdacht, ihm drohe Haft und Parteiausschluss, seine Familie sei gefährdet. Eisenstein schreibt noch zwei weitere Briefe, den dritten erhält er mit dem Vermerk "Adressat unbekannt" zurück.
Die Briefnovelle wurde erstmals 1938 im New Yorker Story magazine veröffentlicht und fand große Beachtung.
Kressmann Taylor, die damals bei einer Werbeagentur arbeitete, nahm einige reale Briefe zum Ausgangspunkt und schuf eine Fiktion von beklemmender Hellsichtigkeit: die Fronten wechseln, wie schnell das geht!

Kressmann Taylor: Adressat unbekannt. Aus dem Amerikanischen von Dorothee Böhm.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2000.

Ursula Krause-Schmitt


Widerstand in Lemgo
Umstritten ist die Biographie des Antifaschisten Willy Langenberg. Lange Zeit galt er in seiner Heimatstadt Lemgo als "Unperson". Das auf Initiative des Gerhard von Donop-Archivs in Lippe (Archiv für die Geschichte des Arbeitersports) von Eike Stiller vorgelegte Buch gestattet nunmehr eine differenzierte Beurteilung seines Lebens und Einsatzes gegen den Hitlerfaschismus. Willy Langenberg ist am 17.12.19 10 in einer Arbeiterfamilie geboren worden. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er den Schneiderberuf. Über den Arbeitersport (Freie Turnerschaft Lemgo, später Rotsportverein Fichte Lemgo) fand er früh zum Kommunistischen Jugendverband. In seinen Reihen nahm er bereits vor 1933 am Widerstand gegen die Nazis teil. Zwischen 1933 und 1939 war er fünf Jahre in Gefängnissen und Zuchthäusern inhaftiert. Als im Juli 1941 eine erneute Festnahme bevorstand, ging der 30jährige in den Untergrund. Unterstützt von Freunden und Bekannten, konnte er in der Nähe seines Heimatortes 2 3/4 Jahre lang illegal zu leben. Er baute eine kleine Widerstandsgruppe auf, die eine umfangreiche Tätigkeit leistete. Zunächst stand die Verbreitung von Flugzetteln und Aufschriften gegen den Krieg im Vordergrund. Später kamen Brandanschläge und ein Versuch, den Eisenbahnverkehr zu stören, hinzu. Im Januar 1944 wurde ein Anschlag auf ein Waffendepot in Brake verübt. Im März 1944 kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Polizei, bei denen mehrere Personen umkamen.
In auswegloser Situation erschoß Willy Langenberg seine Verlobte, Anneliese Ilert, und später sich selbst.
Infolge dieses Geschehens wurde durch die Oberstaatsanwaltschaft Detmold Anklage gegen 22 Personen aus Lemgo erhoben.
Die biographischen Angaben über Willy Langenberg sind eng verknüpft mit einer detaillierten Darstellung der Bedingungen, der Möglichkeiten und Grenzen des Widerstands gegen das NSRegime im Raum Ostwestfalen-Lippe.
Mit großer Gründlichkeit werden die zugänglichen Quellen erfaßt und kritisch gewertet. In sechsjähriger intensiver Arbeit haben der Autor und andere Angehörige des Archivs für die Geschichte des Arbeitersports in Lippe einen bemerkenswerten Beitrag zur Erforschung der Geschichte des antifaschistischen Widerstands in dieser Region geleistet.

Eike Stiller: Willy Langenberg. Arbeitersportler im Widerstand in Lippe.
Bielefeld: Verlag für Regionaigeschichte, 2000.

Karl Heinz Jahnke


Die Hitler-Jugend und ihre Gegner
Zu den bekanntesten Forschem über die Geschichte der deutschen Jugend im Dritten Reich zählt der Paderborner Soziologieprofessor Arno Klönne. Seit 41/2 Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Geschichte der Hitlerjugend und dem Widerstand Jugendlicher gegen das NS-Regirne. 1955 promovierte er bei Prof. Dr. Wolfgang Abendroth in Marburg mit der Dissertation "Hitlerjugend. Die Jugend und ihre Organisation im Dritten Reich". Drei Jahre später erschien sein Buch "Gegen den Strom. Ein Bericht über die Jugendopposition im Dritten Reich". Eine Bilanz von mehr als 21/2 Jahrzehnten Forschung zur Thematik bot der 1982 beim Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf publizierte Band "Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner".
Zu begrüßen ist, daß nun der Kölner PapyRossa Verlag eine Neuausgabe dieses Standardwerks besorgte. Der Vergleich beider Bücher ergibt, daß durch den Autor nur wenige Veränderungen vorgenommen worden sind. Im Zentrum stehen die beiden Hauptteile "Die Hitler-Jugend" (S. 15-149) und "Die Gegner" (S. 150-297). Neu aufgenommen wurde das Kapitel Jüdische Jugendbünde unter der Herrschaft des Nationalsozialismus" (S. 298-301).
Im ersten Komplex wird u.a. auf die Entwicklung der HJ, ihre Organisationsstruktur, den Jugenddienst und die Sonderrolle des Deutschen Jungvolks eingegangen. Neu hinzu kam der Abschnitt "Der Bund Deutscher Mädel".
Durchgehend wird versucht darzustellen, wie die Jugend unter der Herrschaft des Hitlerfaschismus lebte, wie sich die Sozialisation Jugendlicher in der HJ vollzog. Bei der Jugendopposition stehen die konfessionellen Jugendverbände und die bündische Jugend im Mittelpunkt.
Ausführlich wird auf die Edelweißpiraten eingegangen. Beachtung findet der Widerstand aus der Arbeiteijugendbewegung vorrangig bis 1935. Aktionen der Gegner im Zweiten Weltkrieg werden am Beispiel der Weißen Rose München und Hamburg, der Berliner jüdischen Jugendgruppe um Herbert Baum und des Hamburger Kreis um Helmuth Hübener vorgestellt. Die Verbindungen zur deutschen Jugendopposition im Exil konzentrieren sich auf Belgien und Holland im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Theo Hespers und Hans Ebeling.
Der Anhang enthält eine Zeittafel und eine Auswahlbibliographie. Auffallend ist der Bruch in der Forschung durch die Veränderungen in den 90er Jahren. Nur noch vereinzelt werden Untersuchungen zu Widerstand und Opposition Jugendlicher zwischen 1933 und 1945 geleistet. Das vorliegende Buch ist auch eine Mahnung und Herausforderung, sich mit diesem Zustand nicht abzufinden.

Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner. Köln: PapyRossa Verlag, 1999.

Karl Heinz Jahnke


Erinnerungen an den Todesmarsch durch den Harz
Seit etwa einem Jahr liegt die deutsche Übersetzung der französischen Originalausgabe "Retour inespéré" vor. André Mouton hat seine teilweise schrecklichen und jegliches Fassungsvermögen übersteigenden Erinnerungen an Nazi-Deutschland in den '70er Jahren für seine Frau geschrieben und ein Vierteljahrhundert später noch einmal überarbeitet. Ex hat seinen Weg von der plötzlichen Verhaftung und Deportation über das KZ Buchenwald in das KZ Dora bei Nordhausen, vor allem aber den sogenannten Todesmarsch im April 1945 als Flucht vor den heranrückenden US-amerikanischen Truppen aufgezeichnet.
Ins Auge fällt dabei die Einfachheit und mit ihrer Unmittelbarkeit die Eindringlichkeit der Sprache, die aber, um nicht am Geschilderten zu zerbrechen, eine seltsam anmutende Distanz bewahrt.
Wichtig für das Erscheinen gerade in Goslar war das Zusammenwirken einiger Zufälligkeiten. In intensiven Forschungsarbeiten hat Dr. Joachim Neander die Reste dieses "Todesmarsches" freigelegt, bevor sie ganz verweht waren. Der Weg der Häftlinge über den Harz endete in Oker, heute ein Stadtteil von Goslar. In Oker ist Dr. Reinhard Rossdeutscher als Schulleiter tätig und unterzog sich mit seinem Geschichtskurs dem Fußmarsch von Osterode nach Clausthal-Zellerfeld, um den jungen Menschen eine Ahnung der Strapazen zu vermitteln. Ihm ist es zu verdanken, dass André Moutons Erinnerungen übersetzt wurden. Eingestreut in den Prosatext sind acht Gedichte in französisch und deutsch sowie etliche Bilder und Zeichnungen, die dem Lesenden als Orientierung dienen, aber auch zur Veranschaulichung.
Der deutsche Herausgeber nennt das Buch eine "Hommage an alle, die während der Deportation gestorben sind".
Und in der Übersetzung heißt es, als Mouton über das Schuften in dem "Unglücksloch unter dem BM- erzählt: .,Es war so grausam, dass nur diejenigen, die es erlebt haben, die abscheuliche Bedeutung ermessen können. Wenn man versucht. darüber zu berichten, so kommt man an die Wirklichkeit nicht heran."
Der Todesmarsch- war nur ein Teil des langen Leidensueees. den der damals junge Mouton zurück legen musste, der dann irgendwo westlich von Ravensbrück im Vergleich zu dem Vorangegegangenen ganz "undramatisch" endete.

André Monton: Unverhoffte Wiederkehr aus dem Harz. Aus dem Französischen übersetzt von Dagmar Mönnecke-Koroma. Gostar: Verlag Julius Brumby, 1999.

Wolfgang Janz


Ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Bredel-Forschung
Brigitte Nestlers über 700 Seiten umfassende Bredel-Bibliografie vorzustellen, die als Band 27 der renommierten "Hamburger Beiträge zur Germanistik" erschien, fällt mir nicht leicht, bin ich doch immer wieder versucht, in dem opulenten Werk herumzustöbern und dem Leser die eine oder andere Fundsache zu präsentieren, die mich besonders beeindruckt hat.
In seinem Geleitwort skizziert der Herausgeber Prof. Hans-Harald Müller kurz den schwierigen Weg bis zur Veröffentlichung dieses Buches: "Auch Bibliografien haben ihre Schicksale. Die vorliegende wäre um ein Haar ein Opfer der .Wende' geworden. Der für die Publikation vorgesehene DDR-Verlag wollte nach der Wende seinen Start in die freie Marktwirtschaft nicht mit einer Bibliografie über einen proletarischrevolutionären Schriftsteller aus der Weimarer Republik beginnen. der vor dem Nationalsozialismus in die Sowjetunion geflohen war und sich 1946 in der DDR 1945 in der SBZ, H.K.M.) niederließ.
Hilfesuchend wandte sich die Berliner Akademie der Künste an den Hamburger Senat und bat ihn um finanzielle Unterstützung bei der Herausgabe dieses Werkes. Nachdem ein erster Aufruf ergebnislos verlaufen war, erklärte sich Hamburg, beim zweiten Versuch bereit, die Finanzierung des Buches zu übernehmen.
Die Veröffentlichung von Brigitte Nestler. die bereits unter ihrem früheren Namen Brigitte Melzwig ein bibliografisches Standardwerk zur sozialistischen Literatur 1918-1945 verfasste, basiert schwerpunktmäßig auf den Beständen des Willi Bredel-Archivs der Akademie der Künste Berlin, der Datensammlung der ehemaligen Abteilung Geschichte der sozialistischen Literatur der Akademie der Künste in Leipzig und dem Gemeinschaftsunternehmen "Schriftstellerbiografien" der Akademie der Künste der DDR und der Deutschen Bücherei. Darüber hinaus wertete die Verfasserin zahlreiche Kataloge und Bestände deutscher und ausländischer Bibliotheken sowie wissenschaftliche Arbeiten aus.
Die Bibliografie gliedert sich in drei große Teile: Literatur von Willi Bredel, Literatur über Willi Bredel und das Register, bestehend aus einem Titel- und einem Personenregister. Brigitte Nestlers große Leistung besteht darin, dass sie erstmals die Erstdrucke aller von Willi Bredel verfassten Texte vollständig verzeichnet sowie eine kritische Auswahl der Nachdrucke zusammengefasst hat. Eine derartige bibliografische Aufarbeitung des Gesamtwerkes fehlte bisher und somit war die Forschung oftmals recht mühselig. Auf eine Edition des Gesamtwerks Bredels, die leider auch zu DDR-Zeiten nicht auf den Weg gebracht wurde, werden wir sicherlich bei der derzeitigen politischen und literarischen Großwetterlage noch eine ganze Zeit warten müssen.
Die "Literatur von Willi Bredel" besteht aus einer Bibliografie der Texte, einer Bibliografie der Buchveröffentlichungen und einem Verzeichnis der Übersetzungen. Die Texte sind unabhängig von ihrer Publikationsform chronologisch nach dem Datum der Erstveröffentlichung geordnet. Dieses Ordnungsprinzip ermöglicht es, Bredels schriftstellerische Entwicklung sowie den Einfluss historischer Ereignisse, u.a. Exil, Spanischer Bürgerkrieg und seine Aktivitäten im Nationalkomitee Freies Deutschland, auf sein literarisches Werk genau zu verfolgen. Die Textbibliografie beginnt mit der "Freien Proletarischen Jugend", die allerdings nicht, wie Brigitte Nestler vermerkt, illegal erschien, sondern legale Zeitschrift einer gleichnamigen Jugendorganisation war (S. 17). Sie enthält auch die bisher umfangreichste Aufstellung von Willi Bredels zahlreichen Filmund Theaterrezensionen aus der Weimarer Republik (S. 17-31).
Bredels zahlreiche Erzählungen und Publikationen in den Jahren 1943 und 1944 machen deutlich, wie unermüdlich er sich darum bemühte, mit seinen Mitteln die faschistische Ideologie in den Köpfen seiner deutschen Landsleute zu bekämpfen und ihnen eine neue geistige Perspektive zu vermitteln (S. 108-126).
Die Buchausgaben von Willi Bredels Texten fasst die Autorin in einer gesonderten Chronologie zusammen, um so dem Forschungsinteresse an verlegerischen, buchgeschichtlichen und bibliothekarischen Aspekten zu dienen. Alle neuen Ausgaben, Auflagen und auch die unveränderten Nachauflagen können jetzt leicht erschlossen werden.
Das Verzeichnis der Übersetzungen hält für den Leser viel Unbekanntes und Überraschendes bereit: So erschien beispielsweise in Japan die "Maschinenfabrik N & K" bereits 1931, 1952 "Ernst Thälmann" und 1978 "Die Frühlingssonate" (S. 346). Das zweite große Kapitel "Literatur über Willi Bredel" besteht aus den Abschnitten "Bibliografische Veröffentlichungen", "Über Leben und Werk ... .. Briefe an Willi Bredel" und "Willi Bredel und sein Werk in der Kunst". Das dritte Kapitel, Nachträge ab 1989 (S. 605-6 10), wird überwiegend von Autoren der Bredel-Gesellschaft bestritten und spiegelt somit unser Engagement für die Rezeption von Bredels Werken und die Beschäftigung mit seiner eindrucksvollen Lebensgeschichte wieder.
Hoffentlich gibt Brigitte Nestlers hervorragende Bibliografie insbesondere jungen Geschichts- und Germanistikstudenten Anstöße, sich mit Bredel und seinem Werk zu beschäftigen.

Brigitte Nestler: Bibliographie Willi Bredel. Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Peter Lang, 1999 (Hamburger Beiträge der Germanistik. Bd. 27).

Hans-Kai Möller


Von Litfaßsäulen und der Kraft "entschlossenen Widerstandes"
Die gravierendste Fehlanzeige vorneweg: Auch das renommierte und ansonsten verdienstvolle "Lexikon des Deutschen Widerstandes" von Wolfgang Benz und Walter Pehle (1994) kennt sie nicht, die Frauen der Berliner Rosenstraße (wohl aber "Die Frauen des 20. Juli", S. 156) - von Friedemann Bedürftigs (Jugend) "Lexikon 111. Reich" (1994) und vielem anderem mehr ganz zu schweigen. Warum taugt dies zum Vorwurf und zum neuerlichen Indikator der von Ralph Giordano so benannten "zweiten Schuld"?
Nun: jm März 1943 geschah in Berlin etwas Unglaubliches" - so Michael Wildt (in der ZEIT vom 18.7.1997) anläßlich der ersten Rezension des hier näher zu würdigenden Grundlagenbuches über den Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße. Am 27. Februar 1943 hatte unter dem Tamnamen "Fabrikaktion" die großangelegte Deportation der letzten Berliner Juden begonnen. Die SS trieb alle Juden, die noch in Fabriken Zwangsarbeit leisteten, in Sammellagem zusammen; sogenannte "Mischlinge", die rnit"arischen" Partnern verheiratet waren oder "arische" Elternteile hatten, kamen in die Rosenstraße 2-4 ' dem ehemaligen jüdischen Wohlfahrtsamt im Scheunenviertel.
Doch es geschah in Nazi-Deutschland Einmaliges: Zwölf Tage und zwölf Nächte lang protestierten, demonstrierten zeitweilig bis zu 6.000 Frauen vor dem Gestapo-Deportationszentrum, wichen auch nicht vor aufgebauten Maschinengewehren, bis die Gestapo alle 2.500 Internierten freiließ. Selbst 25 Juden, die bereits nach Auschwitz deportiert waren, kamen wieder zurück'.
"Die Litfaßsäule, die damals hier stand, wurde für eine Woche mein strategisch wertvoller Stammplatz", erinnert sich Ruth Gross. Sie ar "ein besonders günstiger Platz für mich, weil ich bei den Versuchen der Polizei, die Frauen zu vertreiben, nur langsam um die Litfaßsäule herumzugehen brauchte, um nicht
beachtet zu werden." "Etwas unliebsame Szenen" - notierte Goebbels unter dem 6. März 1943 in seinem Tagebuch, skandalöser-weise auf lange Zeit der einzige Publikationsvermerk ... "So unglaublich das Faktum selber, so unglaublich auch seine Ignorierung", schreibt Vera Gaserow 1995 in der ZEIT (Nr. 42 vom 13.10.1995): "Der antifaschistischen DDR war der nichtkommunistische Widerstand suspekt, der Bundesrepublik paßte der spontane Frauenprotest nicht in ein Geschichtsbild, das Widerstand gegen Hitler nur als Sache der Männer des 20.Juli zur Kenntnis nehmen wollte. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinde begegnete man der Protestaktion mit gemischten Gefühlen, weil sie nur denen das Leben
rettete, die das Glück hatten, einen arischen' Ehepartner zu haben. Und nicht zuletzt stellte der Frauenprotest die unbequeme Frage: Was hätte etwas Zivilcourage nicht noch alles verhindern können?"
Erst 1985 recherchierte der 32-jährige HarvardAbsolvent Nathan Stolzfus bei ZeitzeugInnen "der Rosenstraße" ("Als ich 1985 in Berlin eintraf . .., beschäftigte sich außer mir niemand mit diesem Projekt", S. 387), aber er stieß auf eine durch Geschichtswerkstätten und oral history neu sensibilisierte Gegenöffentlichkeit. StudentInnen der Berliner FH für Sozialarbeit erforschten, durch Stolzfus angeregt, zwei Semester lang die Ereignisse vom März 1943.
Das Haus Nr. 2-4 steht nicht mehr. Darum stellten die StudentInnen 1992 erneut eine Litfaßsäule vor Ort auf und beklebten sie mit ihren gesammelten Informationen und organisierten eine Begleitausstellung im Kulturhaus Mitte mitsamt Berichten von Überlebenden. Diese Litfaßsäule stand nur vier Wochen. Zum 50. Jahrestag der "Rebellion" jedoch, wie die Studierenden das Ereignis nannten, wurde sie am 27. Februar 1993 erneut aufgestellt, und die Grundrisse des verschwundenen Gebäudes in der jetzigen Sackgasse wurden markiert.
Eine neue Auflage erfuhr im gleichen Jahr aus gleichem Anlaß in der Edition Hentrich ein als Jugendbuch konzipierter Tatsachenroman des Politologen und Friedensforschers Gernot Jochheim "Frauenprotest in der Rosenstraße".
Im Oktober 1995 schließlich wurde am historischen Ort in der heute von häßlichen Plattenbauten aus DDR-Zeiten gesäumten, nur fünfzig Meter kurzen Straße ein Denkmal eingeweiht, daß die damals 79-jährige Bildhauerin jüdischer Herkunft Ingeborg Hunzinger erstellte. In drei hohe purpurfarbene Quader aus Vulkangestein sind Figuren gehauen und die Wörter gemeißelt: "Die Kraft des zivilen Ungehorsams und die Kraft der Liebe bezwingen die Gewalt der Diktatur". (vgl. auch informationen Nr. 48, November 1998) Und dann endlich, 1996, erschien das monumentale, schon lebenswerklich zu nennende Opus von Nathan Stolzfus, mittlerweile Dozent für Moderne Europäische Geschichte an der Florida State University: "Resistance of the Heart.
Intermarriage and the Rosenstrasse Protest in Nazi Germany" bei W.W. Norton & Cornpany in London. Und schlussendlich auch die deutsche Ausgabe 1999 Wie ein Schlussstein passt hierzu. dass am -. März 1999 die Berliner Jopographie des Terrors" erneut eine Litfasssäule in der Rosenstraße placierte und die oben erwähnte Ruth Grosh die zitierte Gedenkrede hielt.
Die zentrale Hintergrundthese zur Stolzfusschen minutiösen Bestandsaufnahme lautet kurz zusarnmengefasst: Das NS-Regime beruhte zu einem großen Teil auf der Konsensbereitschaft der Bevölkerung. Und deshalb vermittelt dieser Protest "eine sehr zwiespältige Botschaft: Er zeigt, dass einige Deutsche in der Tat dem Holocaust Widerstand entgegengesetzt haben, er wirft aber gleichzeitig die Frage auf, warum, wenn offensichtlich die Möglichkeit dazu bestand, es nicht mehr Menschen waren, die so handelten." (S. 387) Diese Frage wird verstärkt durch eine Feststellung von Hannah Arendt aus ihrem EichmannBericht zur "Banalität des Bösen": "Gerade bei den Leuten in der Gestapo und der SS paarte sich Rücksichtslosigkeit keineswegs mit Härte; auch die Rücksichtslosesten unter ihnen zeigten eine erstaunliche Neigung umzufallen, sobald sie mit entschlossenem Widerstand konfrontiert waren worunter sie gewaltfreien, offenen Widerstand verstand. Und sie fährt (wenn auch aus anderem Anlaß) fort: "Es wäre von größtem praktischen Nutzen für Deutschland, nicht nur für sein Prestige im Ausland, sondem für eine Wiedererlangung des inneren Gleichgewichts, wenn es mehr derartige Geschichten zu erzählen gäbe. Denn die Lehre solcher Geschichten ist einfach, ein jeder kann sie verstehen. Sie lautet, politisch gesprochen, dass unter der Bedingung des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht."
Stolzfus erzählt in "Widerstand des Herzens" solche Geschichten von größtem praktischen Nutzen gültig. Deshalb meine emphatische Leseempfehlung für sein bedeutendes Buch (und der kleine Wunsch, daß es bald eine billigere Taschenbuchausgabe finden möge).
Aber er gibt uns allen die Kopfnuß mit: "Nur einem einzigen Protest gegen die Deportation von Juden gab das Regime nach - aber es hat auch nur diesen einen Protest gegeben. Hätten weitere Kundgebungen dieser Art den Abtransport und die Vernichtung der Juden Deutschlands aufhalten oder gar beenden können?" (S. 345) Eine weitere Frage des Autors dürfte gerade im Kontext des "Studienkreises
Deutscher Widerstand" auf Interesse stoßen. "Ohne Zweifel sind sie ("die Deutschen, die für ihre jüdischen Angehörigen gekämpft haben", heißt es weiter oben) ,Retter'. Sind sie aber auch Widerstandskämpfer'? Wenn sie das wären, würden sie uns dazu zwingen, unsere Vorstellung vom Widerstand oder der Möglichkeit eines Widerstands in Nazideutschland zu korrigieren." (S. 354)
Die Standarddefinition von "Widerstand" - Stolzfus folgt der von Peter Hoffmann (1984) - kennt nur den zentral organisierten, ideologisch motivierten Versuch, das Regime in seiner Gesamtheit zu stürzen. In Konsequenz kommt Stolzfus zu der bestürzenden Conclusio: "Vielleicht gab es überhaupt keine Deutschen, die das Regime an der Ausübung seiner Macht hinderten. Wenn es sie doch gab, dann schränkte keine andere Gruppe das Regime in einem größeren oder einem bedeutenderem Maße in seiner Handlungsfreiheit ein als die Deutschen, die in Mischehe lebten. Durch ihren bürgerlichen Ungehorsam ... hielten sie das Regime davon ab, in diesem Einzelfall seine radikalsten Ziele in die Tat umzusetzen, sie blockierten seine Kampagne zur jassischen Säuberung' des deutschen Volkes und retteten so Tausende von Menschenleben. Und dies war eine großartige bewunderungswürdige Leistung.---
(S. Von -Frauen, die ihr Leben riskierten---, fährt Stolzfus später fort ..und deren eigenes Leben daher von größter Bedeutung war" (S. 371) - Die geschlechtsspezifische Debatte im engeren freilich führt der verdienstvolle Autor nicht.
Milgram hatte seinerzeit bei seinen legendären Experimenten zur Gehorsamsbereitschaft keinen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen gefunden. Aber das ist ein weites Feld und wäre ein neues (wichtiges) Buch.

Nathan Stolzfus: Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße - 1943. München, Wien: Carl Hanser, 1999.

Peter Krahulec


Vom Radau zum Pogrom
Dirk Walter legt mit der Arbeit "Antisemitische Kriminalität und Gewalt" seine Dissertation in leicht veränderter Form vor. Der Charakter der Dissertation bleibt erhalten und läßt sich leicht erkennen: Die Einleitung läßt bereits Intention und Duktus erkennen, das Schlußkapitel resümiert noch einmal vorher gewonnene Ergebnisse; beide Kapitel sind wie übrigens das ganze Werk gut les- und begreifbar. Ein sehr umfangreicher wissenschaftlicher Apparat mit Anmerkungen und Literaturverzeichnis ist angefügt.
Ausgangs- und Zielpunkt der Untersuchung ist der Versuch, Umfang und Ausdehnung des Antisemitismus in der Weimarer Republik aufzuzeigen und zu bestimmen, ob dieser Antisemitismus auf rechtsradikale Gruppen beschränkt war oder in der Gesellschaft Basis und Relevanz gefunden hatte. Nach Material- und Aktenlage werden besonders Preußen und Bayern berücksichtigt. Unerschlossene Akten wurden in Moskau eingesehen und aufgearbeitet, vor allem Material des "Centralvereins deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens".
Nach einem Überblick über die Entwicklung des Antisemitismus im wilhelminischen Kaiserreich sucht Walter strafrechtlich relevante antisemitische Ausschreitungen darzulegen und zu bewerten. Er geht dabei davon aus, daß sich der frühere "Vernunft-Antisemitismus" immer mehr zum "Radau-Antisemitismus" wandelte, um schließlich in Pogromen zu münden. Dabei ist fraglich, ob sich eine derartige Systematisierung des Antisemitismus, etwa auch die Unterscheidung in "legalen" und "illegalen" Antisemitismus, halten läßt und ob sie einen politischhistorischen Sinn macht. Bekanntlich lehnte Hitler den antisemitischen Radau als Gefühlssache ab und bekannte sich als "Vemunft-Antisemit".
Im Einzelnen führt Walter eine Fülle von Übergriffen und Angriffen gegen Juden vor. Für ihn ist auffallend, daß sich während der Weimarer Republik der Antisemitismus immer stärker auf die Straße verlagerte. Juden wurden öffentlich verleumdet, bedrängt und bedroht. Diese öffentlichen Angriffe nahmen mit dem Auftreten der SA entscheidend zu. Die SA erscheint also von allem Anfang an als eine antisemitische Terrorgruppe, das dürfte übrigens eine Ausdifferenzierung des Antisemitismus obsolet machen. Der Straßenterror wurde von Synagogen- und Friedhofsschändungen in zunehmendem Maße begleitet. Ebenso häuften sich Plünderungen jüdischer Geschäfte.
Von der Justiz wurden, wie Walter nachweist, solche verbrecherischen Aktionen oft als "unpolitisch" eingestuft, was durchaus aktuelle Assoziationen weckt.
Walters Arbeit ist materialreich und insofern nützlich für historisch und politisch Interessierte. Allerdings bleibt doch die Frage, ob wirklich grundlegend neue Ergebnisse und Erkenntnisse vorgebracht werden. Fragen läßt auch Walters Resümee offen, der Antisemitismus der Weimarer Zeit sei aus der Bevölkerung hervorgekommen, nicht aber von Seiten des Staates.

Dirk Walter: Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik. Bonn: Verl. J.H.W. Dietz Nachf., 1999.

Horst Stuckmann


Erziehung nach Auschwitz - eine Aufgabe für Kindergarten und Grundschule
Steigen die rechtsextremen Gewalttaten wieder an, geht ein Aufschrei durch die Republik. Politiker aller Parteien fordern strengere Maßnahmen und Verschärfung der Gesetze.
Doch diese temporären Maßnahmen sind nur Tropfen auf dem heißen Stein und werden wohl kaum das rechtsextremistische Gedankengut in der Gesellschaft verändern.
Der vorliegende Materialband einer ersten internationalen Tagung, die im Juni 1997 in Hamburg stattfand, regt zu einer Diskussion an, mit der man sich m.E. noch nicht ausreichend genug auseinandergesetzt hat. Soll man mit Kindergarten- und Grundschulkinder über den "Holocaust" reden? Und ab welchen Alter scheint das pädagogisch sinnvoll und möglich? Mit diesen Fragen setzen sich internationale Pädagog/innen und Wissenschaftler/innen auseinander.
So berichtete die Psychoanalytikerin Judith S. Kestenberg über ihre Erfahrungen mit dem Bilderbuch "Als Eure Großeltern jung waren. Mit Kindern über den Holocaust sprechen", das sie zusammen mit Vivienne Koorland für Kinder ab drei Jahren geschrieben hat. Sie plädiert deutlich für einen frühen Zeitpunkt: "Wenn wir Kriege verhindern wollen, wenn wir vermeiden wollen, fremde Menschen zu verachten und anzugreifen, dann müssen wir den Kindern die Wahrheit sagen - so früh wie möglich. Die beste Zeit, die Geschichte unseres Landes zu erzählen, ist, wenn Kinder beginnen, Fragen zu stellen und schon genug Worte haben, um zu erklären, was sie denken." (S. 72) Die Praxisbeispiele geben Mut, das Thema in Grundschulen zu behandeln, und setzen sich kritisch mit dem Für und Wider auseinander, so z.B. Unterrichtsstunden zu Anne Frank oder Jüdische Kinder in Theresienstadt in der 3. bzw. 4. Grundschulklasse, aber auch das von Piet Mooren vorgestellte Projekt "Oorlog onderweg", das die Spuren des Holocaust in der eigenen Umgebung, im konkreten Fall im niederländischen Tilburg, aufgreift und den Kindern einen neuen anderen Blick auf ihr Umfeld ermöglicht. "Wenn man auf die Lokalgeschichte von Städten, Dörfern, Stadtteilen und Straßen zurückgreift, literarische Quellen (auch Jugendliteratur), Tagebücher und (Auto-)Biographien nutzt, kann man als Lehrer den anonymen Opfern, aber auch den kleinen Tätern und den weniger bekannten Zuschauern, Hände, Füße, einen Namen, ein Gesicht und ein Umfeld geben", fasst Ido Abram (S. 285) die Vorteile des lokalen Bezugs zusammen.
Ein lesenswerter Materialband, der mit seinen unterschiedlichen und widersprüchlichen Beiträgen Eltern und Lehrer/innen auffordert, sich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen.

Jürgen Moysich, Matthias Heyl (Hrsg.): Der Holocaust. Ein Thema für Kindergarten und Grundschule? Hamburg: Krämer Verlag, 1998.

Brigitte Meier-Hussing


In vorauseilendem Gehorsam: Zwangssterilisationen
Die Autorin ist Assistenzärztin in der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster, in die während der NS Zeit auch Offenbacher Patientlnnen ' zwischenverlegt" wurden, um dann in Hadamar ermordet zu werden. Ihrer Dissertation, die sich mit Zwangssterilisationen von Menschen in der Stadt und im Kreis Offenbach befaßt, liegen die noch vorhandenen Akten des Erbgesundheitsgerichts (EG) zugrunde, die zum Zeitpunkt der Untersuchung im Stadtarchiv Offenbach lagerten. Über den regionalgeschichtlichen Aspekt hinaus vermittelt die Autorin grundsätzliches Wissen zum Thema Zwangssterilisationen in der NS-Zeit, so daß auch die Leserinnen und Leser, die "neu" in das Thema einsteigen, in die Entstehungsgeschichte des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN) und in die"rassehygienischen" Vorstellungen des NS-Staates eingeführt werden.
Die Grundinformationen zum Thema werden exemplarisch am Beispiel der Region Offenbach erarbeitet, um dann, in einem zweiten Schritt, auf die Opfer von Zwangssterilisationen einzugehen. Die statistischen Auswertungen der Akten belegen, daß die der Zwangssterilisation zugeführten Menschen überwiegend aus den Arbeitervierteln Offenbachs stammten oder sozial schwachen Schichten zuzurechnen waren.
Es wird der Ablauf der Zwangssterilisationsverfahren beschrieben, der im faschistischen Staat durch das erste Rassegesetz, das GzVeN, möglich wurde. Die Selektionskriterien, die beteiligten Institutionen und Berufsstände, die dem NS-Staat zuarbeiteten, damit dieser seinen völkischen Wahn von der "reinen Rasse" umsetzen konnte, all diese zum Verständnis wichtigen Kriterien werden an anonymisierten Fallbeispielen der EG-Akten erläutert. An dieser Stelle ist erkennbar, daß die Entscheidungen des EG und des Erbgesundheitsobergerichts auf Sozialkriterien beruhten. Und bei Beschwerden und Widerstand gegen diese Willkürurteile waren es die Opfer, die nachweisen mußten, daß sie nicht erbkrank waren. Hennig bezeichnet diese Widerspruchsverfahren als juristische Farce, die den Opfern selten Erfolg brachten und höchstens eine Verzögerung des Zwangseingriffs bewirkten.
Die beschriebenen Beispiele zeigen überdeutlich, daß die von Sozialrassismus und eugenischem Denken geprägten beteiligten Ärzte und Richter, hier besonders die Offenbacher Amtsärzte, in vorauseilendem Gehorsam den staatlichen Stellen zuarbeiteten. 90% der Zwangssterilisationsverfahren leiteten Amtsärzte des städtischen Gesundheitsamts ein. Welcher Willkür diese Verfahren unterlagen, beschreibt Hennig am Beispiel der Intelligenzprüfungsbögen. In diesen Verfahren war die häufigste Diagnose "angeborener Schwachsinn", und die Opfer mußten sich zwangsweise diesem "Test" unterziehen. Fiel das Ergebnis zu gut aus, deutete man kurzerhand die "Diagnose" in "moralischen Schwachsinn" um. Diese fragwürdigen Begriffe, diese willkürlichen Umdeutungen belegen, daß die Opfer dieser Verfahren der Selektion nicht entgehen konnten.
Obwohl die Untersuchung thematisch die Zeit zwischen 1934, dem Inkrafttreten des GzVeN, und 1944 umfaßt, geht die Autorin auch auf die Sterilisationspraxis nach Kriegsende ein. Hier wird deutlich, daß die einzelnen Bundesländer und auch die Bundesregierungen nur sehr halbherzig Position zum rassistischen GzVeN bezogen; es verwundert darum auch nicht, daß heute noch Zwangssterilisierte und "Euthanasie"-Geschädigte zu den "vergessenen" Opfern zählen. Hervorheben möchte ich, daß auch die bisherige Entschädigungspraxis der Bundesregierungen und die bis heute verweigerte Entschädigung der Opfer nach dem Bundesentschädigungsgesetz angesprochen wird. Dieses Problem ist in den mir bekannten Untersuchungen zum Thema Zwangssterilisationen sehr, sehr selten thematisiert worden.

Jessika Hennig: Zwangssterilisationen in Offenbach am Main 1934-1944. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag, Frankfurt 2000.

Margret Hamm