Kalendarium Ravensbrück: Handbuch der Beliebigkeiten
Kritische Anmerkungen zu: Grit Philipp: Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945
55 Jahre nach deren Befreiung sind wir noch immer ziemlich schlecht über die nationalsozialistischen Konzentrationslager informiert, trotz der kaum noch überschaubaren Fülle an Literatur, die zum größten Teil aus Berichten von Überlebenden besteht. Nach wie vor mangelt es für die Mehrzahl der großen Lager an wissenschaftlichen Gesamtdarstellungen. Gleichfalls unaufgearbeitet ist die Geschichte zahlreicher Außenlager. Insofern ist jeder Versuch zu begrüßen, die erhaltenen Fragmente einer ehedem hochverschriftlichten Verwaltung zu einer Ereignischronologie zusammenzusetzen und durch weitere Quellenbestände zu ergänzen. Wie hilfreich dies für jegliche weitergehende Forschung sein kann, hat das von Danuta Czech vorgelegte Auschwitz-Kalendarium gezeigt.(1) Andere Gedenkstätten mögen ihre Gründe haben, warum sie ein derartiges Vorhaben bislang nicht angegangen sind; die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück hat es nun mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gewagt.
Zugegeben: die gestellte Aufgabe war nicht einfach. Die äußerst unterschiedlichen Quellen sind lückenhaft und zudem weit verstreut, auch wenn sich vieles bereits in Kopie in der Gedenkstätte befand; ein Bearbeitungszeitraum von weniger als vier Jahren war nicht gerade üppig. Allerdings waren die Rahmenbedingungen im Vorfeld bekannt und taugen nicht als Erklärung dafür, daß das nun von Grit Philipp vorgelegte Ergebnis nicht nur weit hinter dem erklärten Vorbild von Czech zurückbleibt, sondern in dieser Form nicht hätte veröffentlicht werden dürfen.
Ein Kalendarium ist dazu da, um befragt zu werden. Die Antworten müssen verläßlich sein, da ein derartiges Werk automatisch zum Nachschlage- und damit zum Standardwerk wird. Die vorhandenen Quellen müssen erschlossen und auf ihren Aussagewert geprüft werden. Quellenkritik ist oberstes Gebot, und es muß nachvollziehbar bleiben, aus welcher Quelle welche Information stammt. Darüber hinaus gilt es aus der Fülle von höchst unterschiedlichen Ereignissen diejenigen herauszufiltern, die von grundlegender Bedeutung für die Lagergeschichte sind. All dies läßt das in ansprechendem Layout erschienene 350 Seiten starke Ravensbrück-Kalendarium in vielerlei Hinsicht vermissen.

Wiederholungen und Ungereimtheiten
Zunächst erstaunt es, die Chronologie der eintreffenden Häftlingstransporte einmal ins eigentliche Kalendarium eingearbeitet zu finden und ein zweites Mal als knapp 100seitigen tabellarischen Anhang. Beide Aufstellungen überschneiden sich in weiten Teilen, wobei der weitaus größte Teil der Schnittmenge aus der Studie der polnischen Historikerin und Überlebenden des Lagers Wanda Kiedrzynska von 1965(2) übernommen wurde und somit nicht die behauptete erstmalige Veröffentlichung darstellt, allenfalls die in deutscher Sprache. Dort, wo sie sich unterscheiden, erweisen sich nicht wenige der von Philipp vorgenommenen Ergänzungen als fragwürdig, andere als unzutreffend, beispielsweise der Transport mit 230 Französinnen im Januar 1943, der nicht nach Ravensbrück, sondern nach Auschwitz ging.(3) Bedauerlicherweise wurden beide Aufstellungen nicht hinreichend abgeglichen, was die Autorin vor diesem und weiteren Fehlern bewahrt hätte. Andere (bereits bekannte) Transporte wiederum sucht man in beiden Aufstellungen vergeblich, beispielsweise den mit etwa 600 Sinti und Roma, der das "Zigeunerlager" kurz vor der Ermordung der verbliebenen knapp 3.000 Männer, Frauen und Kinder in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau in der Nacht auf den 3. August 1944 verließ.(4)
Berücksichtigt man nur eine Aufstellung der Zugänge und ignoriert den angehängten Bildteil, bleiben etwa 200 Seiten. Und die haben es in sich, und zwar jenseits der zahlreichen kleineren Fehler (unterschiedliche Bezeichnungen für ein Archiv, falsch geschriebene Namen, fehlerhafte Angaben von SS-Rängen sowie fehlerhafte Literaturangaben), die bei großzügiger Auslegung als Schreib- oder Flüchtigkeitsfehler bezeichnet werden können, trotz allem aber ebenso ärgerlich bleiben wie eine Reihe nicht aufgelöster Abkürzungen, das unvollständige Register und die oberflächliche und lediglich vier Seiten umfassende "Auswahlbibliographie".
Bei den nicht die Zugänge betreffenden, etwa 120 Seiten umfassenden, Einträgen gibt Philipp an, sich in erster Linie auf Häftlingsberichte zu stützen. Dabei weist sie in der Einleitung ausdrücklich darauf hin, wie problematisch deren dokumentarischer Charakter, insbesondere hinsichtlich von exakten Datierungen ist. Hinzu kommt, daß die Autorin in einer Fußnote einräumt, daß der von ihr vornehmlich genutzte und von der ehemaligen Gefangenen Erika Buchmann zusammengetragene Bestand bei weitem nicht ausschließlich aus Erinnerungsberichten, sondern unter anderem auch aus Prozeß- und Ermittlungsunterlagen, nachträglich erstellten Listen und Auszügen aus Sekundärliteratur besteht. Trotzdem zitiert sie sämtliche Unterlagen aus diesem Bestand als "Berichte". Außer einer nicht aufgeschlüsselten Berichtsnummer gibt sie nur selten weitere Informationen, was einer Unkenntlichmachung der Quellen gleichkommt und auf eine vollkommen unnötige Verstümmelung des größten Teils der präsentierten Informationen hinausläuft.

Problematisches Konzept
Wie der Titel schon sagt, behandelt das Ravensbrück-Kalendarium ausschließlich das Frauenlager. Diese verengte Perspektive fällt hinter den mittlerweile erreichten Forschungsstand zurück, denn Ravensbrück war nicht nur das zentrale und neben dem in Auschwitz-Birkenau größte Frauenlager des KZ-Systems, sondern entwickelte sich zudem im Laufe der Zeit zu einem regelrechten Lagerkomplex. Dieser umfaßte innerhalb der Lagermauern ab 1940 einen Industriehof mit den Werkstätten der SS-eigenen "Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH" (Texled) und ab April 1941 ein kleines Männerlager. In unmittelbarer Nähe des Lagers kamen ab August 1942 Fertigungshallen des Elektrokonzerns Siemens & Halske und im Dezember 1944 das dazugehörige "Siemenslager" hinzu sowie ab Juni 1942 das in vielfacher Weise mit dem Frauenlager verbundene Jugend-KZ Uckermark für minderjährige weibliche Häftlinge. All diese Lagerbereiche lassen sich ebensowenig von der Geschichte des Frauenlagers trennen, wie die ab 1943 zunehmende Zahl von Außenlagern, die in direkter Nachbarschaft von Rüstungsbetrieben errichtet wurden.
Der von Philipp gewählte Ansatz erweist sich insbesondere dann als willkürlich und problematisch, wenn es um Ereignisse geht, die nicht ausschließlich das Frauenlager betrafen. So nahmen SS-Ärzte im Januar 1945 nicht nur an weiblichen, sondern auch an männlichen Häftlingen der Sinti und Roma Sterilisationen vor. Auch im Männerlager waren die jüngsten Opfer im Alter von zehn bis 15 Jahren.(5) Für den März 1942 ist im Kalendarium von einem Transport mit weiblichen Häftlingen in das KZ Majdanek die Rede, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch gar kein "Frauenfeld" in Majdanek gab. Die Erklärung findet sich in dem als Quelle zitierten Bericht. Er stammt von einem männlichen Häftling, der darin nicht den Abtransport von Frauen schildert, sondern den der knapp 300 männlichen Opfer der Mordaktion "14 f 13" (6)- der Fortführung der "Euthanasie" in den Konzentrationslagern -, von denen es gerüchteweise (und letztlich unzutreffend) im Männerlager hieß, sie kämen nach Lublin/Majdanek.
Vollkommen unterbelichtet bleiben die zwei Betriebe, die in Ravensbrück maßgeblich die Arbeitskraft der weiblichen Häftlinge ausbeuteten: die SS-eigene Texled und die Siemens & Halske AG. Und es ist schon ein Kunststück, noch weniger Informationen über Siemens in Ravensbrück zu präsentieren als der Siemens-Historiker Wilfried Feldenkirchen.(7) Außerdem sind vier der insgesamt neun relevanten Kalendariumseinträge zu Siemens fehlerhaft bzw. vollkommen falsch; gleiches gilt für vier der insgesamt zehn relevanten Angaben zur Texled. In keinem Fall wurden die durchaus vorhandenen Dokumente herangezogen, sondern es wurde ausschließlich auf Sekundärliteratur zurückgegriffen.
Zu den Außenlagern für weibliche und männliche Häftlinge nennt das Kalendarium nicht eine einzige Zahl. Etliche Außenlager werden nicht einmal mit Namen genannt, geschweige denn die Firmen und staatlichen Institutionen, die sich dort der KZ-Häftlinge bedienten. Dem Kalendarium nach hat der Heinkel-Konzern niemals Häftlinge des KZ Ravensbrück beschäftigt. Dabei unterhielt Heinkel u. a. in Barth ab November 1943 eines der größten Außenlager des KZ Ravensbrück mit insgesamt ca. 6 000 männlichen und weiblichen Häftlingen.(8)
Außerdem führt die fast vollständige Ausklammerung der Außenlager zu einer Reihe von folgenschweren Fehlern. So sind sämtliche Angaben zur monatlichen Gesamtzahl der weiblichen Häftlinge für das Jahr 1944 sowie zur monatlich ausgewiesenen Zahl der verstorbenen weiblichen Häftlinge ab 1943 unzutreffend. Alle beziehen sich nicht - wie behauptet - ausschließlich auf das Stammlager, sondern beinhalten auch die Außenlager. Den Gipfel stellt die vollkommen verdrehte Wiedergabe eines nicht zuletzt aufgrund seiner Einzigartigkeit bereits mehrfach publizierten Dokuments dar. Es handelt sich um eine Aufstellung vom Januar 1945 über die Zahl der Häftlinge und SS-Wachmannschaften aller großen Konzentrationslager einschließlich der ihnen unterstellten Außenlager.(9) Im Kalendarium ist sie kaum wiederzuerkennen. Die männlichen Häftlinge im Stamm- und in den Außenlagern des KZ Ravensbrück werden zu weiblichen Häftlingen in den Außenlagern umgewidmet, die Zahlen für das weibliche und männliche SS-Bewachungspersonal ausschließlich dem Stammlager zugeordnet. Zur Orientierung: Anfang Januar 1945 befanden sich fast zwei Drittel der männlichen und etwa die Hälfte der weiblichen Häftlinge des KZ-Komplexes Ravensbrück in den Außenlagern (darunter 18 größere); in etwas geringerem Ausmaß ist dies auch für das SS-Wachpersonal anzunehmen.
Eine Möglichkeit, die ausgeblendeten Bereiche des Lagerkomplexes in ihren Umrissen dennoch in das Kalendarium einzubinden, hätten die jedem Jahr vorangestellten Einführungen geboten. Diese Chance wurde verschenkt. Statt dessen präsentiert Philipp Informationen zum allgemeinen Kriegsgeschehen, insbesondere zum Frontverlauf und für 1943 und 1945 Schilderungen der verheerenden Bombenangriffe auf Köln, Hamburg und Dresden, wobei in den meisten Fällen kein direkter Zusammenhang mit dem KZ Ravensbrück zu erkennen ist. Der Überblick über das Jahr 1944 umfaßt vier Seiten. Nicht ein Satz davon behandelt den Einsatz von KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie. Bei den Bombenangriffen wird jeweils die Zahl der Todesopfer genannt; nach der Gesamtzahl der Todesopfer des KZ Ravensbrück (etwa 20.000 - 30.000 weibliche und mindestens 2.100 männliche Häftlinge) sucht man im Kalendarium hingegen vergeblich.(10)

Nicht eingelöste Ansprüche und ungenutzte Quellen
Besonderen Wert legt Philipp erklärtermaßen auf geschlechtsspezifische Aspekte und die Frage nach den Tätern und Täterinnen und folgt damit aktuellen Forschungsschwerpunkten. Deren erste Ergebnisse, beispielsweise hinsichtlich der SS-Aufseherinnen, läßt sie allerdings vollkommen unberücksichtigt.(11) Auch hier blieben in der Gedenkstätte befindliche Dokumente ungenutzt. Gleiches gilt für das männliche Bewachungspersonal. Laut Kalendarium hat der letzte Kommandant, SS-Hauptsturmführer Fritz Suhren, seinen Dienst in Ravensbrück insgesamt dreimal angetreten: am 1. August, im Oktober und im November 1942. Seiner Personalakte wäre zu entnehmen gewesen, daß seine Versetzung nach Ravensbrück offiziell am 1. September 1942 erfolgte.
Vollkommen unverständlich bleibt die Ignorierung einer der wichtigsten und erschütterndsten Quellen, die für das Frauenlager im KZ Ravensbrück überliefert ist: das bis Ende April 1945 geführte Geburtenbuch, das sich im Original im Archiv der Gedenkstätte befindet. Die erhalten gebliebenen Seiten beginnen am 19. September 1944 und verzeichnen insgesamt 527 Geburten. 48 Frauen erlitten eine Fehl- oder Totgeburt. Bei über der Hälfte der Geburten (266) wurde wenige Tage oder Wochen später das Sterbedatum der Säuglinge nachgetragen. Ein weiterer Blick ins Geburtenbuch und eine wenig aufwendige Literaturrecherche hätten die Autorin auch davor bewahrt, entgegen der von ihr zitierten Quelle zu behaupten, der Transport, mit dem sich die Lagerleitung der bis dahin überlebenden Säuglinge und ihrer Mütter sowie der Schwangeren und Kleinkinder entledigen wollte, habe sein verhängnisvolles Ziel, das KZ Bergen-Belsen, Ende März 1945 nicht erreicht.(12)
Abgesehen von zwei Ausnahmen (dem Institut für Zeitgeschichte in München und der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg), die sich für Philipp anscheinend nicht als sonderlich ergiebig erwiesen haben, wurde offenbar kein weiteres deutsches Archiv (weder das Bundesarchiv, noch eines der anderen Gedenkstättenarchive) aufgesucht oder kontaktiert. Lieber recherchierte die Autorin in ausländischen Archiven in Israel, den USA oder Polen. In erster Linie, um festzustellen, daß sich die meisten Zugangslisten bereits in Kopie in der Gedenkstätte befanden. Das erklärt auch, warum der Großteil der eintreffenden Transporte in beiden Aufstellungen mit mehreren, teilweise bis zu sechs Archivsignaturen belegt wird, wo in den meisten Fällen die entsprechende Seitenzahl bei Kiedrzynska gereicht hätte. Die darüber hinausgehenden Möglichkeiten in den besuchten ausländischen Archiven blieben offensichtlich ungenutzt.

Einladung zur Geschichtsfälschung
Die Gaskammer von Ravensbrück, in der von Ende Januar/Anfang Februar 1945 bis wenige Tage vor der Befreiung Ende April 1945 etwa 5.000 bis 6.000 Häftlinge qualvoll zu Tode gebracht wurden, ist angesichts der eher zunehmenden als abnehmenden Leugnungsversuche durch rechte und rechtsradikale Kreise (nicht nur in Deutschland) ein besonders sensibles Thema. Die Darstellung im Kalendarium läßt die sich daraus ergebende Pflicht zur besonderen Sorgfalt allerdings vermissen. So sucht man auf der Lagerskizze vergeblich nach dem Standort der Gaskammer, obwohl der Plan vorgibt, den Stand von 1945 zu zeigen. Auch kam der für die Selektionen in die Gaskammer maßgeblich mitverantwortliche SS-Arzt Dr. Winkelmann nicht aus Auschwitz, was sein mörderisches Treiben in Ravensbrück in keiner Weise abmildert. Höchst problematisch ist außerdem der Umgang mit einem der wenigen Dokumente, die zum Komplex der Gaskammer erhalten sind. Es handelt sich um eine fingierte Liste vom 6. April 1945, mit der die SS die in der Gaskammer ermordeten Häftlinge nachträglich als in das "Schonungslager Mittwerda i. Schlesien" überstellt angab. Entgegen dem gut lesbaren Dokument und der einschlägigen Fachliteratur13 ist im Kalendarium von "Mittweida" als Zielort die Rede (S. 199, 202 und 204); ein kleiner Unterschied mit großen Interpretationsmöglichkeiten, vor allem für Revisionisten. Denn im Gegensatz zum nicht existierenden Mittwerda war Mittweida ein Außenlager für weibliche Häftlinge des KZ Flossenbürg in Sachsen, das zum fraglichen Zeitpunkt noch bestand.(14) Die Angabe "Mittweida" könnte nun zu Recht von jedem als Argument angeführt werden, daß die Überstellung von Häftlingen in ein existierendes Außenlager nicht als Beweis für deren Ermordung in der Gaskammer von Ravensbrück gelten kann. Im übrigen findet sich diese falsche Version in zwei weiteren Gedenkstättenpublikationen der letzten fünf Jahre.(15)
Eine völlig neue These präsentiert Philipp hinsichtlich der Vorgeschichte bzw. der Anfangsphase des Frauenlagers. Ausgangspunkt ist die Frage, warum die erste in Ravensbrück vergebene Häftlingsnummer die 1.415 war. Über eine im einzelnen nicht nachvollziehbare Rechnung wird dann darauf geschlossen, daß bereits vor November 1938 mehrere Hundert weibliche Häftlinge "in das noch nicht eröffnete [sic!]" KZ Ravensbrück gebracht worden wären. Dabei liegt die Lösung des "Problems" auf der Hand und wurde bereits 1965 von kompetenter Seite, dem Internationalen Suchdienst in Arolsen, veröffentlicht: "Die Häftlinge, die von der Lichtenburg nach Ravensbrück verlegt wurden, behielten ihre Häftlingsnummern aus dem KL Lichtenburg. Für Neuzugänge im KL Ravensbrück wurde die Häftlingsnummernserie aus dem KL Lichtenburg weitergeführt".(16) Im übrigen scheint Philipp ihrer These selbst nicht recht getraut zu haben, denn warum sonst beginnt das Kalendarium "erst" mit dem 15. Mai 1939, die Aufstellung der Zugänge im Anhang "erst" mit dem 21. Mai 1939?

Unterm Strich
Keiner der in der Einleitung und dem Vorwort - teilweise in unnötig hohem Maße - erhobenen Ansprüche ("Handbuch der Grundlagenforschung"; "Baustein für die vergleichende KZ-Forschung"; "Handwerkszeug, um Theorien zum nationalsozialistischen System der Konzentrationslager zu hinterfragen") wird auch nur ansatzweise eingelöst. Im Gegenteil: das Kalendarium läßt grundlegende wissenschaftliche Standards schmerzlich vermissen. Das führt nicht nur in entscheidenden Punkten zu einem verzerrten Bild des KZ Ravensbrück, sondern leistet darüber hinaus Mißverständnissen, Mißdeutungen, der Bildung von Legenden bis hin zur Leugnung der in Ravensbrück begangenen Verbrechen Vorschub. Philipp selbst liefert dafür beredete Beispiele. Nicht einmal der gegenwärtige Kenntnissstand konnte erfaßt und für weitergehende Forschungen gebündelt werden. Insofern ist der Wert des Kalendariums bestenfalls der eines unnötig unvollständigen und unüberprüften Zettelkastens: selber schuld, wer sich darauf verläßt?
Gemeinhin durchläuft ein Manuskript vor seiner Veröffentlichung mehrere unterschiedliche Kontrollinstanzen. Abgesehen von der Betreuung des Kalendarium-Projekts innerhalb der Gedenkstätte stellt sich insbesondere die Frage, warum der renommierte Metropol Verlag ganz offensichtlich auf das dringend notwendige Lektorat verzichtet hat. Vermutlich ist das zu einem Teil auf die prekären Bedingungen zurückzuführen, unter denen sich heutzutage Veröffentlichungen vollziehen und finanzielle Erwägungen dazu führen, letztlich am falschen Ende zu sparen.
Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten wurden im Frühjahr vom Autor dieser Zeilen, aber auch von anderer Seite ausführlich über die hier auszugsweise dargelegten Mängel informiert. Die Gedenkstätte kündigte daraufhin an, dem Kalendarium künftig einen Errata-Zettel beilegen zu lassen, auf dem zwölf Fehler richtiggestellt werden. Abgesehen davon, daß zwei der "Richtigstellungen" falsch sind, ist es damit noch lange nicht getan. Und wenn die Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, Dr. Sigrid Jacobeit, das Kalendarium im Vorwort als "unentbehrlich für künftige Forschungen, die pädagogische Arbeit und die Öffentlichkeitsarbeit" ihrer Einrichtung bezeichnet, stellt sich die Frage, auf was wir uns da noch gefaßt machen dürfen.

Anmerkungen
1 Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbeck 1989.
2 Wanda Kiedrzynska, Ravensbrück. Kobiecy obóz koncentracyjny, Warszawa 21965, S. 317-369.
3 Vgl. Czech, Kalendarium Auschwitz-Birkenau, S. 394.
4 Ebd., S. 756, S. 783 und S. 838 ff.
5 Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage", Hamburg 1996, S. 358 (nicht in der "Auswahlbibiographie").
6 Bernhard Strebel, Das Männerlager im KZ Ravensbrück 1941-1945, in: Dachauer Hefte (1998), S. 141-174, hier S. 161 (zumindest in der "Auswahlbibliographie" erwähnt).
7 Wilfried Feldenkirchen, Siemens 1918-1945, München 1995; in der "Auswahlbibliographie" ebenso nicht genannt wie Carola Sachse, Zwangsarbeit für die Firma Siemens 1940-1945, in: Christl Wickert (Hg.), Frauen gegen die Diktatur - Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland, Berlin 1995, S. 140-153.
8 Helga Radau, Nichts ist vergessen und niemand. Aus der Geschichte des KZ Barth, Kückenshagen 1994 (nicht in der "Auswahlbibliographie").
9 Faksimile-Abdruck in: Johannes Tuchel, Die Inspektion der Konzentrationslager 1938-1945. Das System des Terrors, Berlin 1994, S. 212 f. (zumindest in der "Auswahlbibliographie" erwähnt).
10 Bernhard Strebel, Ravensbrück - das zentrale Frauenkonzentrationslager, in: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann (Hg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, S. 215-258, hier S. 242 ff. (nicht in der "Auswahlbibliographie"); ders., Männerlager, S. 173.
11 Irmtraud Heike, "... da es sich ja lediglich um die Bewachung der Häftlinge handelt..." Lagerverwaltung und Bewachungspersonal, in: Claus Füllberg-Stolberg u. a. (Hg.), Frauen in Konzentrationslagern. Bergen-Belsen; Ravensbrück, Bremen 1994, S. 221-239; Gudrun Schwarz: SS-Aufseherinnen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern (1933-1945), in: Dachauer Hefte 10 (1994), S. 32-49 (beide nicht in der "Auswahlbibliographie").
12 Eberhard Kolb, Bergen-Belsen. Vom "Aufenthaltslager" zum Konzentrationslager 1943-1945, Göttingen 1996, S. 75 (nicht in der "Auswahlbiliographie").
13 Stand 1988: Germaine Tillion, Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, Lüneburg 1998, S. 279-299; Anise-Postel-Vinay, Die Massentötungen durch Gas in Ravensbrück, in: ebenda, S. 357-395, hier S. 369. Beide Autorinnen korrigieren darin die fehlerhafte Angabe "Mitwerda" in: Eugen Kogon, Hermann Langbein, Adalbert Rückerl (Hg.), Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Eine Dokumentation, Frankfurt/M. 1986, S. 263; zuletzt: Strebel, Frauenkonzentrationslager, S. 238 f. (dort auch mein ausdrücklicher Hinweis auf das irreführende "Mittweida" mit Bezug auf einen Aufsatz der Verfasserin des Kalendariums; eine Kopie des Manuskriptes wurde der Gedenkstättenleiterin im Februar 1997 zur Verfügung gestellt).
14 Gudrun Schwarz, Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt/M. 1990, S. 162.
15 Grit Weichelt [heute Philipp], Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück vor der Befreiung, in: Sigrid Jacobeit/Simone Erpel (Hg.), "Ich grüße Euch als freier Mensch". Quellenedition zur Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück im April 1945, Berlin 1995, S. 15 und S. 17; Simone Erpel, Kriegsende und Befreiung, in: Sigrid Jacobeit/Grit Philipp (Hg.), Forschungsschwerpunkt Ravensbrück, Berlin 1997, S. 47.
16 Internationaler Suchdienst, Häftlingsnummernzuteilung in Konzentrationslagern, Arolsen 1965, S. 28 (nicht in der "Auswahlbibliographie").

Grit Philipp: Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945.
Berlin: Metropol, 1999.

Bernhard Strebel


Von der Ausgrabung zur Ausstellung
Barbar Fenner, Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Landsberger Ignaz-Kögler-Gymnasium, hat die in Sonntagsreden der Bildungspolitiker regelmäßig erhobene Forderung, Schule müsse zentraler Lernort für Demokratie sein, beim Wort genommen. Sie und eine freiwillige Arbeitsgruppe von Schülerinnen und Schüler der 9., später 10. Klasse haben in den Jahren 1994/1995 ein Stück fast perfekt verdrängter Landsberger Geschichte mit den eigenen Händen ausgegraben. Und damit wieder für alle sichtbar gemacht: das KZ-Außenlager Kaufering XI.
Es lag innerhalb des Stadtgebiets von Landsberg, gehörte mit zehn weiteren Lagern zum Kompex Kaufering des KZ Dachau und dürfte etwa 3.000 Gefangene gehabt haben, überwiegend Juden aus Ost- und Südosteuropa. Es bestand von Oktober 1944 bis zur befreiung Ende April 1945. Die Häftlinge mußten Zwangsarbeit für Privatfirmen beim Bau von riesigen Bunkern unter Leitung der Organisation Todt, der Bauabteilung des Rüstungsministeriums verrichten.
Das Ergebnis ihrer fast anderthalbjährigen Arbeit präsentierten die Schülerinnen und Schüler in einer Ausstellung, die nun - nach einer Überarbeitung unter museumspädagogischen Aspekten - ihren festen Platz am „authentischen Ort“ gefunden hat: Im „Weingut II“, einem Großbunker auf dem Geländer der Welfenkaserne.
Die ersten sieben Tafel befassen sich mit einigen Schlaglichtern aus der Landsberger Geschichte: Hitlers Zelle während der Festungshaft, Landsberg als nationalsozialistische „Stadt der Jugend“, die Verfolgung politischer Gegner und die Vertreibung der jüdischen Menschen aus der Stadt und dem Landkreis bis zum Novemberpogrom 1938. 32 Tafeln behandeln den KZ-Komplex Kaufering und die zugehörigen Bunkerprojekte. Beeindruckend und von hohem historischen Wert weit über den lokalen Bereich hinaus sind Fotos von den Bauarbeiten an „Weingut II“ aus der Sammlung des damaligen Bauleiters sowie Aufnahmen, die US-amerikanische Soldaten bei der Befreiung der Kauferinger Lager machten. Sie zeigen ungewöhnliche Häftlingsunterkünfte: nicht Baracken, die das Bild vom „KZ“ im allgemeinen Bewußtsein geprägt haben, sondern halb in den Boden eingegrabene, mit Erde bedeckte Unterstände. Auch die Aufnahmen von der Lagerevakuierung, die ein Landsberger Bürger am 24. April 1945 heimlich machte, gehören zu den wenigen Bilddokumenten, die es über Todesmärsche gibt. Drei Tafeln widmen sich der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte: Lager für displaced persons, NS-Prozesse und Landsberg als Hinrichtungsstätte für NS-Täter. Zur Ausstellung gehört auch eine Vitrine, in der bei den Grabungen gefundene Gegenstände, u.a. ein Essenkübel aus dem Lager XI, gezeigt werden.
Ein Ausstellungskatalog dokumentiert diese herausragende Arbeit. Nur wer ähnliches schon einmal versucht hat, kann ahnen, wie viel Arbeit - neben den Verpflichtungen des Alltags - darin steckt, und auch, welche Widerstände es in einer weitgehend konservativen Umgebung zu überwinden galt. Das Ergebnis sollte Anderen Mut machen. Denn wo lässt sich Geschichte anschaulicher erfahren, wo lässt sich produktiver aus ihr lernen, wo lassen sich die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der der Beschäftigung mit ihr konkreter in politisches Handeln umsetzen als am Heimatort?

Barbara Fenner: Wir machen ein KZ sichtbar. Katalog zur Schülerausstellung über das Lager XI des größten Außenkommandos des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau im Bunker der Welfenkaserne Landsberg. Landsberg: Hofstetten, 2000.

Joachim Neander


Ausgegrenzt
Ein noch immer zu wenig erforschtes Thema - wohl auch wegen der etwas schwierigen Beweis- und Darstellungslage trotz vorhandener Quellen - packt der Verfasser hier mutig an. Er weiss aus eigenem Erleben um die Verletzbar- und auch Verletzlichkeit der Betroffenen, die ein Stück gepaart ist mit Scham über das "Sich-haben-missbrauchen-Lassen"zu dem, was geschah mit Geschöpfen Gottes, die sich selbst und aus eigener Kraft nicht wehren konnten. Sie waren ja von der Gesellschaft als “Idioten“ katalogisiert. Die über 300seitige Darstellung ist deutlich mehr als bloss die Geschichte der Evangelischen Stiftung Neuerkerode von den Anfängen vor einem Jahrhundert bis in die Gegenwart. Joachim Klieme, von Haus aus Theologe, kann sozusagen “aus dem Vollen“ schöpfen, denn von 1972 bis 1979 war er Direktor dieser Einrichtung und hat vieles hautnah betrachten und nachlesen können. Er besitzt detailgenaues Einzelwissen wichtiger, entscheidender Internas. Mit der Akribie des um Aufklärung Bemühten gelingt ihm weit mehr als ein Sachbuch, das historische Fakten zusammenträgt. Er zeigt vielfach Menschen in ihrer seelischen Not durch die von ihnen abverlangten, aber nicht gewollten Entscheidungen. Joachim Klieme stellt immer wieder den geschichtlichen Zusammenhang und die verhängnisvolle politische Wechselwirkung her. Es gelingt ihm, unmissverständlich aufzuzeigen, wie „schnell und einfach“ es war, die anvertrauten behinderten Menschen nicht als Bestandteil der Schöpfung zu akzeptieren, sondern sie als deren Panne einzustufen.
Basis allen Handelns staatlicher Organe war das schrecklich fatale GzVeN (Gesetz zur Vermeidung erbkranken Nachwuchses). Mit ihm war es ein Leichtes, die auf Hilfe anderer Angewiesenen auszuschalten, sie zu stigmatisieren und auszugrenzen ("überflüssige Esser"). Einrichtungen wie die Anstalt Neuerkerode waren damit zur Verfügungsmasse degradiert und dienten gegen ihren Willen kriegerischen Planspielen; ihre Insassen wurden schutzlos der Vernichtung preisgegeben. Quellenangaben, Literaturverzeichnis, zahlreiche Fotos und Tabellen vervoll-ständigen die resümierende Erkenntnis, dass "zeitgeschichtliche Spurensuche .. nur als ein nach vorn hin offener Prozess denkbar" ist.

Joachim Klieme: Ausgrenzung aus der „NS-Volksgemeinschaft“. Herausgegeben vom Braunschweiger Geschichtsverein. Braunschweig 1997.

Wolfgang Janz


"... als ob wir Feinde wären"
Ein Lehrer, Gerhard Brändle, und eine Schülerin, Sarah Hary, haben das Schicksal von jüdischen Schülerinnen und Schülern an der Osterfeldschule in Pforzheim erforscht. Ihre wichtigsten Quellen sind Briefe, mündliche Berichte und Fotos, die sie von Überlebenden erhielten. Das Buch setzt ein mit deren Erinnerungen an den Auftritt Hitlers im September 1933 in der Stadt; die nächste Zäsur bildet das Jahr 1936, als jüdische Kinder aus den Volksschulen ausgeschlossen wurden. In Pforzheim wurde damals eine „Jüdische Abteilung“ in der damaligen Hindenburg-Schule, heute wieder Osterfeldschule eingerichtet: diesem Schul-Ghetto ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Exkurse werfen Schlaglichter auf die Zustände an Gymnasien bzw. in der Berufsausbildung und machen auf Forschungslücken aufmerksam.
Mit der Deportation der badischen und pfälzischen Juden am 22. Oktober 1940 kommt ein anderer Ort in den Blick: das sogenannte Internierungslager Gurs in Südfrankreich. Berichtet wird über die elenden Lebensbedingungen und auch über die heimliche Lagerschule und über Menschen, die halfen und Schutz boten. Neun der zehn Kinder aus der Osterfeldschule konnten vor dem Tod in Auschwitz gerettet werden. Der Titel des Buches stammt aus einem Brief von Ursula Nathan. Sie wurde als Kind aus einer „Mischehe“ noch im Februar 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert.
Für die Überlebenden war die Mitarbeit an diesem Buch außerordentlich wichtig: Edith Nathan schreibt: „All diese Erinnerungen an unsere Schicksale mit Ihnen geteilt zu haben, gab mir ein befreiendes Gefühl der Vergangenheit“ und Philipp Loebl sieht sein Motiv, sich immer wieder zu erinnern, in der Gegenwart: „Wie konnte in einem Land mit so weltoffenen und liebenswerten Menschen geschehen, was geschehen ist ... Und doch erscheinen wieder am Horizont Warnzeichen: Republikaner, Ausländerhass und schwelender Antisemitismus.“

Gerhard Brändle, Sarah Hary: „... als ob wir Feinde wären“. Jüdische Kinder und Jugendliche in Pforzheim 1933-1945. Vom Schul-Ghetto am Osterfeld zur Deportation ins Lager Gurs. Hrsg. Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 2000 (Pforzheimer Hefte Band 10).

Ursula Krause-Schmitt


Der 8. März bleibt unverzichtbar
220 Seiten umfasst der von Siegfried Scholze dargestellte „Geschichtliche Abriß und weltweite Tradition des Internationalen Frauentags vom Entstehen bis zur Gegenwart“, und tatsächlich fehlte eine solche Untersuchung bisher. Der Autor bedankt sich ausdrücklich bei der ehemaligen Forschungsgruppe zur Geschichte der Frauenbewegung an der ehemaligen Pädagogischen Hochschule Clara Zetkin in Leipzig, ohne deren langjährige Forschungen das Buch nicht hätte geschrieben werden können.
Hinsichtlich der Anfänge galt es, falsche Überlieferungen zu korrigieren: So war der 8. März nicht schon seit 1910, sondern erst seit 1922 das feststehende Datum (und auch dann noch nicht bei allen politischen Gruppierungen). Auch war nicht Clara Zetkin .- bei all ihren Verdiensten um die Propagierung dieses Tages - die ursprüngliche Initiatorin, sondern die Idee kam von Frauen der Sozialistischen Partei in den USA, die erstmals nationale Frauentage durchgeführt hatten und deren Internationalisierung vorschlugen; der internationale Aspekt fand die lebhafte Unterstützung von August Bebel. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Internationale Frauentag von unterschiedlich orientierten Frauenvereinigungen begangen, so von eher traditionellen Frauenverbänden, Gewerkschaftsfrauen, Frauenarbeitsgemeinschaften in Parteien oder Frauengruppen und -initiativen der autonomen Frauenbewegung; er erreichte als „Kampf-, Feier- und Festtag“ schließlich Frauen in mehr als 125 Ländern dieser Erde. Zunächst ging es beim Internationalen Frauentag vor allem um die Erringung des Frauenwahlrechts und die Beendigung des Ersten Weltkriegs. Das Bestreben nach Beseitigung der vielfältigen Diskriminierung und nach gesellschaftlicher Gleichstellung war damit jedoch noch lange nicht erreicht. Geschildert werden bunter und vielfältiger werdende Aktionen gegen Krieg und Rüstungswahn, für Frauenförderung und Lohngleichheit, gegen den § 218 und gegen Gewalt an Frauen, gegen Rassismus und Sexismus, für Solidarität mit Frauen in aller Welt. Ausführlich und kritisch setzt sich der Autor mit der Durchführung des 8. März in der ehemaligen DDR und in den Ländern des „Ostblocks“ auseinander und macht zu Recht auf Forschungsdefizite zur Geschichte dieses Tages in der alten Bundesrepublik aufmerksam. Mit „Rückschlag und Neubesinnung (1990-2000)“ ist das letzte Kapitel überschrieben: es reflektiert Veränderungen in Ost und West und macht zugleich deutlich, daß „Sinn und Berechtigung dieses Kampftages mit dem Untergang des Staatssozialismus“ nicht verloren gegangen sind.

Siegfried Scholze: Der Internationale Frauentag einst und jetzt. Geschichtlicher Abriß und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart. Berlin: trafo Verlag, 2000.

Ursula Krause-Schmitt


Orte des Erinnerns: Niedersachsen und Sachsen-Anhalt
Das Bekenntnis Martin Niemöllers „Als die Nazis die Kommunisten holten ...“ und Geleitworte der Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt leiten das zu Erkundungen anregende Buch ein. Reinhard Kühnl geht in seiner Einführung „Aus der Geschichte lernen“ der Frage nach, was denn dem Faschismus ein so enormes Gewicht verleihe, dass er uns bis heute nicht loslasse, und bringt mehr als ausreichende Argumente aus den aktuellen öffentlichen Auseinandersetzungen zu den Themen Entschädigung für Zwangsarbeit und Rechtsextremismus. Wer sich also konkret in beiden Bundesländern über Stätten von Widerstand, Zwangsarbeit,Verfolgung und Vernichtung informieren möchte, dem werden auf etwas mehr als 120 grossformatigen Seiten exemplarisch Gedenkorte vorgestellt. Karten, Dokumente und Zeichnungen, Augenzeugenberichte, Bilder und Literaturhinweise, genaue Wegebeschreibungen, Begriffserläuterungen und Kontaktadressen sollen ermutigen, sich vor Ort selbst mit den vorhandenen Stätten der Erinnerung und der Lokalgeschichte während des NS-Regimes zu beschäftigen. Die Ausführungen machen deutlich, dass Grausamkeiten und Massenmorde logische Bestandteile der Terror- und Eroberungspolitik waren. Das letzte Kapitel trägt die Überschrift „Rechtsradikaler und fremdenfeindlicher Terror in Deutschland 1980 bis 2000 - eine unvollständige Chronik“. Unausgesprochen ruft es auf, hellhörig zu werden, wie gefährlich eine radikale Verneinung all dessen sein kann, was eine menschenwürdige Gesellschaft ausmacht: Freiheit und Demokratie, Toleranz und Humanität, Völkerverständigung und Frieden; denn dieses alles ist unabdingbare Voraussetzung zur Schaffung einer Gesellschaft der sozialen Sicherheit. Natürlich birgt der Herausgeber, die IG Metall Niedersachen, eine gewerkschaftliche Sicht der Dinge in sich. Unbestritten bleibt: Das Buch ist ein nützlicher Wegweiser.

Reinhard Jacobs: Terror unterm Hakenkreuz. Orte des Erinnerns in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Hg.: IG Metall Bezirk Hannover. Göttingen: Steidl-Verl., 2000.

Wolfgang Janz


Aus der Sowjetunion verschleppt nach Deutschland
Zu den bemerkenswertesten Büchern des Jahres 2000 zählt für mich der von Herbert Diercks herausgegebene Band über den Leidensweg Jugendlicher aus der Sowjetunion, die meistens 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und später Gefangene des Konzentrationslagers Neuengamme wurden.
Die größte Gruppe der Gefangenen kam aus der Ukraine. Zwischen 1992 und 1998 hat der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. viele der Überlebenden befragt bzw. angeregt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Ausschnitte aus diesen Berichten stehen im Zentrum des Buches. Es handelt sich dabei um Angaben von 66 Männern und drei Frauen, die größtenteils zwischen 16 und 18 Jahre alt waren, als sie zwangsweise nach Deutschland gebracht wurden. Sechs von ihnen waren jünger, der jüngste 14 Jahre alt.
Herbert Diercks hat als Archivar in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ein Großteil dieser Menschen persönlich kennengelernt, sie ermuntert und bei der Anfertigung der Berichte beraten. Von ihm stammen die Einleitung und die übergreifenden Texte zu den einzelnen Abschnitten. Dokumentiert werden die Deportation, der Einsatz als Ostarbeiter, die Einweisung in das KZ, der „Alltag“ im Stammlager und einigen Außenlagern, die Räumung des Lagers Mitte April 1945 und das tragische Ende vom 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht. In weiteren Abschnitten wird über Gründe für die Einlieferung in das KZ, Terror und Hinrichtungen im Lager, über Solidarität und Widerstand berichtet. Sehr nachdenklich stimmen auch die knappen Texte am Ende des Bandes über die Befreiung, die Rückkehr in die Sowjetunion und das Leben danach.
Die Publikation ist für die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Entschädigung der Zwangsarbeiter von besonderer Bedeutung Unmißverständlich wird belegt, daß Bürger der Sowjetunion zu denen gehörten, die am meisten gelitten, die größten Opfer gebracht haben. Sie wurden als Zwangsarbeiter und Gefangene der KZ am schlechtesten behandelt. Nach Ende des Krieges wurden sie Zuhause in Folge der stalinistischen Politik nicht in Ehren empfangen, sondern wieder unterdrückt, gedemütigt und ausgeschlossen. Die wenigen heute noch Lebenden zählen oft zu den ärmsten Menschen, viele sind krank und leiden Not. Deutlich wird, wie dringend notwendig eine baldige Entschädigung der Zwangsarbeiter von deutscher Seite ist, wie peinlich und würdelos erscheint angesichts dieser Schicksale das Verhalten der deutschen Großindustrie.

Herbert Diercks (Hg.): Verschleppt nach Deutschland! Jugendliche Häftlinge des KZ Neuengamme aus der Sowjetunion erinnern sich. Hrsg. im Auftrag des Freundeskreises KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Bremen: Edition Temmen, 2000.

Karl Heinz Jahnke


Ein jüdisches Tagebuch 1933-1940
In der Universitätsbibliothek in Wroclaw befinden sich Tagebücher und Briefe des jüdischen Kaufmanns Walter Tausk, der von 1892 bis 1941 in Breslau gelebt hat. Zurückgeblieben sind Tagebücher, die zwischen 1925 und 1940 geschrieben wurden. Der polnische Historiker Dr. Ryszard Kincel hat diese entdeckt und 1973 in Warschau eine Auswahl der Texte unter dem Titel „Die Pest in der Stadt Breslau“ publiziert. Bereits zwei Jahre danach bot ihm in der DDR der Verlag Rütten & Loening die Möglichkeit, die erhalten gebliebenen Teile der Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1940 zu veröffentlichen. Es erschien das Buch „Breslauer Tagebuch 1933 - 1940“. Aufnahme fanden die vom 1.2.1933 - 21.1.1934, vom 4.9.1935 - 31.8.1936 und vom 11.9.1938 bis 5.3.1940 gemachten Aufzeichnungen. Kincel stellte den Tagebüchern eine Einleitung voraus, in der Auskünfte zur Biographie von Walter Tausk und zur Situation in Breslau in der ersten Hälfte des Dritten Reiches gegeben werden. Das Buch fand in der DDR eine große Resonanz - dafür sprechen die vier Auflagen, die bis 1986 erschienen sind. 1995 publizierte der Reclam Verlag Leipzig eine Lizenzausgabe mit einem Nachwort von Henryk M. Broder.
Es ist zu begrüßen, daß sich fünf Jahre später der Aufbau Verlag entschloß, den Titel in seine Taschenbuchreihe neu aufzunehmen. Zu den vorherigen Ausgaben gibt es einige Veränderungen. Die Anmerkungen wurden von Peter Maser überarbeitet und erweitert. Gleiches gilt für den Illustrationsteil. Dem Buch ist eine weite Verbreitung, vor allem unter jungen Menschen, zu wünschen. Es gehört zu den in ihrer Authentizität und Unverwechselbarkeit stark beeindruckenden Zeugnissen des Lebens jüdischer Menschen in Hitlerdeutschland. Umfassend dargestellt ist die Situation im Jahre 1933 (S. 25 - 120), vor allem der erste von den Nazis organisierte Pogrom gegen die Juden am 1. April 1933. Geschildert werden die Folgen der Nürnberger Rassengesetze, die im Herbst 1935 in Kraft traten (S. 127 ff.). Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Vertreibung der polnischen Juden aus Breslau und das Geschehen um die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 (S. 167 - 211). Im letzten Teil wird auf die neue Stufe der Judenverfolgungen nach Beginn des Zweiten. Weltkrieges eingegangen (S. 228 ff.). Insgesamt tragen die Tagebücher von Walter Tausk dazu bei, den gewöhnlichen Faschismus näher kennenzulernen und zu erfahren, wie der Terror gegen die Juden das Leben der Menschen um Walter Tausk völlig verändert hat. Bemerkenswert ist der Weitblick des Autors hinsichtlich der Beurteilung der Gesamtpolitik des NS-Regimes.

Walter Tausk: Breslauer Tagebuch 1933 - 1940. Hrsg. v. Ryszard Kincel. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2000.

Karl Heinz Jahnke


Briefe von Anna Seghers
Erstmalig wurde eine Auswahl von Briefen von Anna Seghers aus dem Jahre 1947 veröffentlicht. Herausgeberin des Buches ist die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Christel Berger - sie traf die Briefauswahl, verfaßte ausführliche Anmerkungen, eine Zeittafel und das Nachwort. Aufgenommen wurden 138 Briefe, 63 stammen von Anna Seghers, die übrigen sind an sie gerichtet. Die Adressaten ihrer Briefe sind langjährige Freunde, darunter bekannte Schriftsteller und Künstler wie Johannes R. Becher, Bruno Frei, Stephan Hermlin, Gisl und Egon Erwin Kisch, Nico Rost, Jeanne und Kurt Stern, Helene Weigel, F.C.Weiskopf, Lisa Tetzner-Kläber sowie andere, ihr bisher unbekannte Menschen, die sie um Rat und Hilfe ersucht hatten. Am 22. April 1947 war Anna Seghers aus dem mexikanischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hatte sich nach reiflicher Prüfung entschieden, nach Berlin, in die sowjetisch besetzte Zone zu gehen. Hierher kam sie mit großen Hoffnungen, sie wollte mithelfen, die faschistische Vergangenheit vollständig auszulöschen. Das, was sie in Deutschland vorfand, täglich erlebte, erschütterte sie tief, sie hatte Mühe, nicht zu resignieren. Einige Zeilen aus verschiedenen Briefen sollen Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt geben. „Die meisten Menschen sind so stumpf, so verdummt, wie man sich das vorgestellt hat, manchmal eher schlimmer“ (S. 72); „Wir haben hier im Volk ‚der kalten Herzen’... Sehnsucht nach Eurer Wärme, Eurer Leidenschaft, Eurer Liebe und Eurer Menschlichkeit“ (S. 79); „Es ist unglaublich, was der Faschismus aus diesem Land gemacht hat. Nicht bloß moralisch. Das war zu erwarten. Auch dieser merkwürdige intellektuelle Bruch“ (S. 197). Immer wieder stößt der Leser auf die Trauer über den Verlust nächster Angehöriger (ihre Mutter wurde 1942 in einem Vernichtungslager ermordet) und enger Freunde wie des Sinologen Dr. Philipp Schaeffer, der 1943 als Angehöriger der „Roten Kapelle“ hingerichtet worden ist. Zuversicht ist erkennbar, wenn Anna Seghers über Begegnungen mit Antifaschisten berichtet „Ich find die unversehrte Kraft in den alten Freunden wieder, die Konzentrationslagern und allen Verfolgungen entkommen sind. Den festen Willen alles zu tun, daß dieses unglückselige Land nicht noch einmal ein Schlachtfeld in Europa wird“ (S. 45). Sehr wach ist Anna Seghers, wenn sie darüber schreibt, daß der Hitlerismus noch längst nicht besiegt ist. Im November 1947 äußert sie sich in einem Brief an die Teilnehmer der Konferenz in London „Wie kann die deutsche Frage gelöst werden?“: „Hitler ist tot, aber der Hitlerismus noch längst nicht. Die Kriegsverbrecher müssen ausgemerzt werden, nicht nur die paar, die man in Nürnberg verurteilt. Die Psychologie der Kriegsverbrecher darf keinen Nährboden finden ... Die Jugend muß das wirkliche Heldentum begreifen, das Heldentum des Widerstands im eigenen Volk und im fremden Volk, damit sie den faulen Zauber des Naziheldentums verachten lernt. Denn diese Jugend scheint mir, im Gegensatz zu dem, was man oft darüber hört, mehr Anlaß zu Vertrauen und Zuversicht zu geben als viele ihrer Väter. Sie ist wißbegierig und aufnahmefähig. Wir müssen scharf darauf achten, daß ihr die Faschisten nicht wieder ‚Ersatz’ liefern, nicht allerhand dreiste Lügen, nicht Surrogate für ihre ausgehungerten Körper und Gehirne. Sonst wird sie abermals für ein Schlachtfeld erzogen.“ (S. 152 f.). Gedanken, die wohl bis heute in der Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus nicht an Aktualität verloren haben. Anna Seghers sieht sich in der Verantwortung für die Jugend.

Anna Seghers: Hier im Volk der kalten Herzen. Briefwechsel 1947. Hrsg. v. Christel Berger. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2000.

Karl Heinz Jahnke


Westfälische Finanzbehörden und der Terror gegen die Juden
1999 wurde in Münster in der Villa ten Hompel (Kaiser-Wilhelm-Ring 28) eine „Stätte des Erinnerns, der Forschung und der historisch-politischen Bildung“ eingeweiht. Zur Eröffnung wurde die Ausstellung „Verfolgung und Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen Finanzbehörden“ gezeigt, Die geistigen Väter des Projekts, die Historiker Alfons Kenkmann (Münster) und Bernd-A. Rusinek (Düsseldorf/Siegen), zeichnen auch für den zur Ausstellung erschienenen Katalog verantwortlich. In acht Aufsätzen von Historikern, Juristen und Erziehungswissenschaftlern wird eindrucksvoll die folgende Aussage der Herausgeber belegt: „Sie (die Finanzverwaltung) verhalf dem ‚Dritten Reich’ zu gewaltigen Summen. Sie erhob Sondersteuern und Abgaben und trieb sie ein, sie bewachte die Grenzen, sie beteiligte sich an der Enteignung, sie zog Erkundigungen ein und beutete aus, was den Juden sowie den ‚Zigeunern’ abgenommen wurde. Die Beamten der Finanzverwaltung waren sich nicht zu schade, die beweglichen Gegenstände und Immobilien jener zu verwerten, die in den Tod deportiert worden waren. Der physischen Liquidierung ging die ökonomische häufig voraus.“ (S. 11) Im einzelnen werden untersucht: Die Rolle der Reichsfinanzverwaltung bei der Ausraubung der Juden in Westfalen (Gerd Blumberg), der Anteil der Finanzbehörden bei der „Arisierung“ in der Stadt Münster (Susanne Freund) und das Schicksal einer Familie, des Arztes Dr. Moritz Oppenheim aus der Kleinstadt Petershagen (Ilse Birkwald). Einen aufschlußreichen Vergleich bietet die Arbeit von Ulrich Friedrich Opfermann über die Verfolgung und Enteignung der Sinti und Roma in der Kreisstadt Berleburg. Der niederländische Historiker Gerard Aalders gibt Einblick in den großangelegten Raub des Eigentums niederländischer Juden. Ein weniger bekanntes Kapitel beleuchtet Ralf Blank, die im November 1941 einsetzenden „M-Aktionen“. Vorrangig am Beispiel des Rhein-Ruhrgebiets zeigt er, wie ausgebombte deutsche Familien von den NS-Behörden Möbel und andere Haushaltsgegenstände aus in Frankreich, den Niederlanden und Belgien geraubtem Eigentum erhielten. Vom Frühjahr 1942 bis Juli 1944 kamen allein 2680 Güterwaggons mit beschlagnahmten Wohnungseinrichtungen in die Gaue Essen, Westfalen-Nord und Westfalen-Süd. Rusinek und Kenkmann bieten in ihren abschließenden Beiträgen interessante übergreifende Gedanken über die Rolle der staatlichen Verwaltung, der „Bürokratie“ und der Beamten im System des NS-Terrors gegenüber den Juden. Buch und Ausstellung vermitteln Anregungen für ähnliche Projekte in anderen Regionen.

Alfons Kenkmann. Bernd-A. Rusinek (Hg.): Verfolgung und Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen Finanzbehörden. Münster: Oberfinanzdirektion Münster, 1999.

Karl Heinz Jahnke


Im letzten Augenblick
Truus Menger ist 16 Jahre alt, als sie sich 1940 in Haarlem dem bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht anschliesst. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Freddie, mit Hannie Schaft und anderen lebt sie die nächsten fünf Jahre im Untergrund, von den Nazis als Terroristin gesucht. Sie transportiert Zeitungen, bringt jüdische Kinder in Verstecke, verübt Sabotageakte auf Eisenbahnstrecken und erschiesst SS-Männer und Verräter. Über diese Zeit und die lebensgefährlichen Aktionen hat sie dieses Buch geschrieben, das nun in dritter Auflage wieder zu kaufen ist. Sie berichtet unheroisch über das scheinbar Unmögliche und verschweigt auch nicht ihre Angst, die Kraft zu verlieren, je länger der Krieg dauert. Sie schreibt über ihre Trauer um Kinder, deren Rettung mißlang, um ihre eigene verlorene Jugend und über ihre Wut auf einige Funktionäre der nationalen Befreiungsarmee, denen ihre und andere Widerstandsgruppen unterstellt werden, über sinnlose und der eigenen Moral entgegenstehende Befehle. Es ist ein zutiefst berührender Bericht, der zeigt, was Einzelne im Kampf gegen einen übermächtigen Feind leisten können.

Truus Menger: Im letzten Augenblick. Selbstverlag. 3. Auflage, 2000
Zu beziehen über: Stichting Nationale Hannie Schaft-Herdenking p/a Skager Rak 29, NL - 1501 AX Zaandam. www.hannieschaft.nl.

Ursula Krause-Schmitt


Gegen Hitler
Ein Buch über Widerstand und Verfolgung in Mecklenburg. Ist das nicht etwas für die Leute, die in der Region wohnen? Oder für die, die wie der Rezensent eine Zuneigung zu der etwas verschlafenen Region entwickelt haben. Ja und Nein. Im Zentrum des Buches stehen 17 Kurzbiografien von Menschen verschiedener Religion, Nationalität und gesellschaftlicher Stellung, die mit dem Nazi-Regime in Konflikt gerieten, ermordet wurden oder an den Folgen der Diskriminierung starben. Gemeinsam ist ihnen ihre Heimat in Mecklenburg, das zu den rückständigsten Gebieten des Deutschen Reiches gehörte. Die Personen, die Karl Heinz Jahnke uns näher bekannt macht, reichen von dem linken Sozialdemokraten Otto Volckmann, der 1936 in Spanien im Kampf gegen Franco starb, über den Rostocker Professor Ganter, der weiterhin Juden behandelt, 1937 Berufsverbot bekam und 1940 vereinsamt weit vor seiner Zeit starb bis zu der sowjetischen Zwangsarbeiterin Vera Snisarenko, die für die Flugzeugproduktion arbeiten sollte, diese sabotiert, schließlich an Tbc erkrankte und zur Ermordung deportiert wurde. Abgesehen von Graf von der Schulenburg sind die vorgestellten Personen eher dem unbekannten, zum Teil auch dem "unpolitischen" Widerstand, der einfach aus menschlichem Anstand geleistet wurde, zuzurechnen. Das Buch ist sehr sorgfältig hergestellt und umfasst eine Fülle von erklärenden Hinweisen, Nachweisen sowie Literaturverweisen. Soweit möglich, wurden Briefe der Betreffenden dokumentiert. Fast immer konnten Fotografien ausgewählt werden, die einen Eindruck von der Person und ihrem Leben ermöglichen sollen. Die Gestaltung des Buches ist sehr schlicht, überlegt und ansprechend. Ein Buch nur für Mecklenburger? Nein: Dieses Buch zeigt im "Kleinen", zu welch unglaublicher Barbarei das NS-Regime fähig war und wie stark es sich bis zuletzt auf Denunzianten und zustimmende Gaffer stützen konnte. Etwa das Foto der Lehrerin Marianne Grunthal, die am 2. Mai 1945 (!) auf dem Bahnhofsvorplatz von Schwerin erhängt wurde, und ihre kurze Biografie werden den Leser nicht unberührt lassen. Jahnke kennt den gesamten Widerstand in Deutschland und speziell die Geschichte seiner Region wie nur wenige und er bringt sein umfassendes Wissen in diese Kurzbiografien ein. Er zeigt in der kleinen Welt, dem "Mikrokosmos" Mecklenburgs anhand der Biografien, was Faschismus im Konkreten bedeutet hat. Die "große" Welt erscheint in ihrer vollen Brutalität in dieser "kleinen" Welt, der es wohl nie vergönnt war, eine Idylle zu sein. Und auch in dieser rückständigen Gegend gab es viele Menschen, die aus unterschiedlichsten Motiven Widerstand leisteten. Dieses kleine, zum Glück preiswerte Buch, ist in Wahrheit ein großes Buch.

Karl Heinz Jahnke: Gegen Hitler. Gegner und Verfolgte des NS-Regimes in Mecklenburg 1933-1945. Rostock: Edition Neue Hochschulschriften, 2000.

Dietrich Marquardt


Die "offene Stadt" Shanghai als letzter Fluchtort
Wer sich mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland beschäftigt hat, konnte sich bisher - in deutscher Sprache - nur äusserst bruchstückhaft über den Exilort Shanghai informieren. Nun ist es damit endlich vorbei: Anlässlich des 50. Jahrestages der Rückkehr von 300 Flüchtlingen nach Berlin 1997 haben der Verein Aktives Museum und das Jüdische Museum in Berlin mit einer Ausstellung und einem Symposium das Thema in Erinnerung gerufen. Das Ergebnis der Erinnerungsarbeit kann sich sehen lassen: Rund zwanzig Beiträge - davon drei in Englisch - geben einen umfassenden Überblick über den Forschungsstand.
Zwar liegt David Kranzlers Standardwerk "Japanese, Nazis and Jews" aus dem Jahre 1976 immer noch nicht in deutscher Übersetzung vor, aber sein Overview erleichtert den Zugang. Viele Facetten jüdischen Lebens in der Stadt am Wang Poo werden angesprochen, so Rolle der bagdadischen jüdischen Handelsfamilien, die eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben spielten. Für sie waren die ab 1938 kommenden Flüchtlinge aus Europa eine Bereicherung. Allerdings schwand die Freundlichkeit mit der ansteigenden Zahl der Flüchtlinge, von denen viele aus Deutschland kamen. Deren strukturelle Zusammensetzung untersuchte Christiane Hoss - von ihr stammt ein weiterer Beitrag zur Frage der Ausbürgerungen - und sie fand beispielsweise heraus: "Es gibt Familien, die bei der Flucht aus dem Reich auseinander getrieben wurden, andere konnten zusammen bleiben, wieder andere haben sich in Shanghai wiedergefunden." Als Ergänzung hat Martin Schönfeld - wie Hoss im Aktiven Museum engagiert - eine kleine Studie zu den Berliner Shanghailändern durchgeführt, die Auskunft über die Herkunftsorte und Ausbildungs- und Berufsstruktur gibt.
Seit 1937 litt die internationale Stadt Shanghai unter der japanischen Besatzung und damit hatte sich das vorher ohnehin schon komplizierte Verwaltungsgefüge - einheimische Bürokratie, internationale Niederlassung und französische Konzession - um eine neue Verwaltungsorientierung weiter verkompliziert. Schließlich wurde im Stadtteil Hongkou noch eine häufig Ghetto genannte Sonderzone eingerichtet, in der die jüdischen Flüchtlinge aus Europa konzentriert wurden.
Der Impuls zur öffentlichen Erinnerung an die offene Stadt am chinesischen Meer, die für viele aus dem Herrschaftsbereich des nationalsozialistischen Deutschland Geflohene die einzige und letzte Fluchtmöglichkeit war, geht stark von den Betroffenen aus. Zu ihnen gehört die Mitherausgeberin Sonja Mühlberger, die ihre Kindheit in Shanghai beschreibt. Sie reiste im März 1939 mit ihren Eltern dorthin, nachdem der Vater nach dem Novemberpogrom 1938 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt worden war.
Auf das Verhältnis zwischen alteingesessenen und vertriebenen jüdischen Deutschen wirkte die Auslandsorganisation der NSDAP ein, es gab eine Gruppe der Hitler-Jugend ebenso, wie eine Dienststelle der Geheimen Staatspolizei.
In einem sehr innovativen Beitrag haben Helga Embacher und Margit Reiter sich mit der Frage der Geschlechterbeziehungen auseinandergesetzt und bestätigen die These, dass Frauen häufig die treibende Kraft für die Ausreise waren, sich in der Emigration besser zurechtfanden als Männer und sich flexibler verhielten. Abgerundet wird der rundum gelungene Überblicksband durch Beiträge zum kulturellen Leben im Shanghaier Exil und einem Beitrag des Mitherausgebers Michael Kohlstruck über Klaus Mehnert und die Zeitschrift "The XXth Century". Hinzuweisen ist weiter auf die Themen japanischer Antisemitismus sowie NS-Rassenpolitik. Schließlich hat der andere Mitherausgeber Georg Armbrüster in seinem Beitrag das Ende des Exils in Shanghai untersucht. Die Rückwanderung konnte erst 1946 beginnen. Die meisten Flüchtlinge wollten in die USA, aber viele insbesondere der Unentschlossenen und Älteren entschieden sich nach langwierigen Verzögerungen für die Rückkehr in ihre einstige Heimat. Der Autor schätzt, dass 50 % der Shanghai-Emigranten sich aber doch dauerhaft in den USA angesiedelt hat.
Von besonderem Interesse ist die dem Buch beigelegte CD ROM mit historischen Dokumenten und einer Liste von knapp 14.800 Personeneinträgen, die auf einer im Sommer 1944 von der japanischen Fremdenpolizei zusammengestellt wurde.

Georg Armbrüster, Michael Kohlstruck, Sonja Mühlberger (Hrsg.): Exil Schanghai 1938-1947. Jüdisches Leben in der Emigration. Mit Erstveröffentlichung von 14.800 Eintragungen der Ausländerliste der japanischen Fremdenpolizei auf CD-ROM. Teetz: Hentrich & Hentrich, 2000.

Kurt Schilde