Die Hamburger Ausstellungsmacher haben zwar versucht, sich jeder politischen Aktualisierung des Gezeigten zu enthalten, dennoch war es ihr Anspruch, die verbliebenen und in der Öffentlichkeit virulenten Reste der Legende von der sauberen Wehrmacht zu zerstören und durch ein anderes Bild zu ersetzen. Von konservativer Seite wurde dagegen gerade gegen dieses neue Bild der Wehrmacht gestritten.

1. Geschichtspolitischer Kontext

Um die Bedeutung der Ausstellung und die äußerst heftigen Kontroversen, die mit ihr verbunden waren, zu verstehen, ist es nötig, sie in den geschichtspolitischen Kontext der neunziger Jahre zu stellen. Aus dieser Perspektive ergibt sich die scheinbar paradoxe Situation, dass, je größer der historische Abstand zu Faschismus und Holocaust wird, sich die Debatte darum intensivierte. Nimmt man nur die zweite Hälfte der neunziger Jahre, dann haben wir hier die Debatten um das Buch von Daniel Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker", die Wehrmachtsausstellung, das Holocaustmahnmal in Berlin, die Raubgolddiskussion, die Frage der Zwangsarbeiterentschädigung und schließlich die Walser-Bubis-Debatte.

Für die öffentliche Diskussion am wichtigsten waren sicherlich die Goldhagen-Debatte und die Wehrmachtsausstellung. Beide Diskussionen verliefen äußerst emotionalisiert und führten zu heftigen Reaktionen auf konservativer Seite (so bis heute bei der Wehrmachtsausstellung), aber auch bei eher liberalen Historikern (so bei Goldhagen).

Der Grund für die breite Resonanz beider Debatten lag in der ähnlichen inhaltlichen Ausrichtung von Goldhagen und der Wehrmachtsausstellung. Thematisiert wurde hier wie da die breite Beteiligung der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen des Faschismus. Birgit Rommelspacher spricht in diesem Zusammenhang von der Ausweitung des "Normalitätsfeldes" 1, die durch Goldhagen und die Ausstellung vorgenommen wurde. Gemeint ist damit, dass die Verbrechen und Massenmorde hier nicht mehr einer engen und festumrissenen Gruppe von Tätern, etwa der SS, zugeordnet werden, sondern die Beteiligung Tausender, ja Millionen, thematisiert wird. Erschwert wird damit die einfache Distanzierung der damaligen Bevölkerung. Wenn die Beteiligung an den Verbrechen so verbreitet war, dass sie einem "Normalitätsfeld" zugerechnet werden muss, dann stellt sich die Frage, "wie hätte ich mich verhalten", auch für die vielleicht nur zufällig nicht Beteiligten neu. Die Verdachtsmomente und der Rechtfertigungsdruck für die damalige Bevölkerung wird also größer. Hier liegt der entscheidende Grund für die sehr starke Emotionalität der Abwehr, bei der Ausstellung mehr noch als bei Goldhagen.

Diese Emotionalität der Abwehr lässt sich an der Geschichte der Wehrmachtsausstellung gut verdeutlichen, weshalb hier einige Aspekte diese Entwicklung kurz skizziert werden. Seit dem Sommer 1995 ist die alte Wehrmachtsausstellung in verschiedenen Städten in Deutschland und Österreich zu sehen gewesen und löste dabei mancherlei Diskussionen vor Ort aus, ohne dass diese jedoch zu einer allgemeinen öffentlichen Debatte geführt hätte. Eineinhalb Jahre brauchte die konservative Rechte, um auf die Herausforderung der Ausstellung zu reagieren und ihre Sicht der Vergangenheit dagegen zu stellen. Anlässlich der Präsentation in München gelang es der Rechten, eine lagerübergreifende Front der Gegner zu initiieren, die, angeführt von Peter Gauweilers CSU, bis zur neofaschistischen NPD reichte und in München zur größten Demonstration des Neofaschismus seit Anfang der siebziger Jahre führte. Ausgangspunkt der Münchner Auseinandersetzung war ein Artikel des Journalisten Florian Stumfall im CSU-Organ Bayernkurier, in dem er der Ausstellung einen "moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk" vorwarf, mittels dessen "Millionen von Deutschen die Ehre" abgesprochen werden solle. 2

Ausgehend von München sah sich nun auch der Rest der konservativen Presse, allen voran die FAZ, bemüßigt, eine Kampagne gegen die Ausstellung zu starten, die zunächst bemerkenswert wenig inhaltliche Argumente zu bieten hatte. So bestreitet Günther Gillessen in der FAZ, dass es überhaupt die Legende einer sauberen Wehrmacht, gegen die sich die Ausstellung richtet, gegeben habe. Seine eigene Argumentation dient jedoch gerade dazu, dieses Bild aufrechtzuerhalten und unbestreitbare Verbrechen als Ausnahmen und Randerscheinungen abzutun. 3 Bedauert wird von Gillessen, dass die Ausstellung eben nicht den distanzierten, kühlen Blick ermöglicht, der mit dem Postulat der Historisierung verbunden ist. Statt dessen appelliere sie an die "Empfänglichkeit für kollektivierte Schuld" und resignierend schließt er: "das nationale Schuldgefühl läuft Amok."

Die Dürftigkeit der Argumentation auf Seiten der Ausstellungsgegner zeigte sich auch darin, dass es ihnen zunächst nicht gelungen war, ausgewiesene Spezialisten zum Thema für sich zu gewinnen, die die gezeigte Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen des Regimes leugneten. So kam es, dass angesichts der recht eindeutigen Beweislage für die Mitwirkung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg nur die Diffamierung der Ausstellungsmacher blieb. Die kurze Mitgliedschaft vom Leiter der Ausstellung, Hannes Heer, in der DKP Ende der 60er Jahre wurde auf konservativer Seite hervorgehoben. Die hohe Kunst, historische Aufklärung auf persönliche Verdrängung zurückzuführen, wurde jedoch in der FAZ von Ulrich Raulff im Interview mit Jan Philipp Reemtsma vorgeführt. 4 Zunächst wird die Ausstellung von Raulff als "pädagogisches Unternehmen" mit "terroristische(m) Beigeschmack" gekennzeichnet, um dann Reemtsmas Engagement für die Ausstellung als Kompensation für die Verstrickung seiner Familie in das NS-Regime zu deuten.

Die Art des konservativen Umgangs mit der Ausstellung zeigte jedoch die inhaltliche Stärke der Schau, die es schaffte, ein breites Publikum anzusprechen, weshalb vor allem der Vorwurf der Undifferenziertheit und Pauschalverurteilung gemacht wurde. Der Effekt der hier vorgestellten Kritik war eine eindeutige Aufmerksamkeitssteigerung für die Ausstellung, die in München und Frankfurt jeweils fast 100.000 Menschen anzog.

Was ich hier kurz skizziert habe, ist etwa der Stand bis zum Sommer 1999. Das heißt, die Ausstellung lief mehr oder weniger erfolgreich durch deutsche Städte, wurde in hohem Maße von Schulklassen besucht, löste vor Ort noch mancherlei Diskussionen aus, war jedoch aus der überregionalen Presse weitgehend verschwunden.

2. Kritik und Rückzug der ersten Ausstellung

Vor allem zwei wissenschaftliche Aufsätze zur Ausstellung im Herbst 1999 brachten den Stein ins Rollen, der zur erneuten breiten Diskussion und schließlich zum vorläufigen Rückzug der Ausstellung führte. Ich möchte vor allem auf den Aufsatz von Bogdan Musial eingehen, der entscheidend für diesen vorläufigen Rückzug der Ausstellung war. 5

Meiner Ansicht nach sind die beiden Aufsätze von Musial und Ungvâry sehr unterschiedlich zu bewerten, obwohl sie sich mit der Kritik an weitgehend denselben Bildern der Ausstellung befassen. Die von Ungvâry gezogenen Schlussfolgerungen sind jedoch sehr viel weitreichender. Ungvärys Aufsatz erschien in der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht", Musials in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte". Beide Zeitschriften haben einen eher konservativen Herausgeberkreis. So werden die Vierteljahreshefte vom Münchner Institut für Zeitgeschichte unter seinem Leiter Horst Möller herausgegeben. Möller spielte auch in der öffentliche Debatte eine wichtige Rolle, auf die ich noch eingehen werde.

Interessant und wichtig ist, dass beide Autoren ausschließlich auf in der Ausstellung präsentierte Fotos eingehen und ihre Kritik an diesen festmachen. Musial sagt in seinem Aufsatz, dass er sich nicht mit den Verbrechen der Wehrmacht befasse, die er nicht bestreitet. Sein Thema sind die Fotos, die nach Ansicht der Ausstellungsmacher Verbrechen der Wehrmacht zeigen, seiner Ansicht nach jedoch Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD dokumentieren. Insgesamt glaubt er, dies für neun Fotos der Ausstellung belegen zu können.

Der deutsche Überfall vom 22. Juni 1941 erfolgte in einem solchen Tempo, dass die sowjetische Seite keine Zeit hatte, die grenznahen Gefängnisse zu evakuieren. So gab es von der sowjetischen Führung einen Befehl, so genannte "konterrevolutionäre Elemente" zu liquidieren, was auch in größerem Ausmaß geschah. Musial weist nun nach, dass einige Fotos der Ausstellung diese Morde des NKWD dokumentieren, und dass die auf ihnen abgelichteten Wehrmachtssoldaten nicht die Täter seien.

Ich möchte von den bei Musial angeführten Beispielen nur eines herausgreifen, um hier seine Argumentation, aber auch die Kritik an seinem Vorgehen zu verdeutlichen. Es handelt sich dabei um Fotos die im (alten) Ausstellungskatalog unter der Rubrik "Genickschüsse" aufgeführt werden, genauer um die Bilder 20-22 auf Seite 204 und 29-31 auf Seite 205. Im Ausstellungskatalog werden die ersten Bilder mit der Angabe "Unbekannter Ort, gefunden im Juli 1944 bei einem gefallenen deutschen Soldaten in Brest, Weißrußland" und die zweiten mit der Angabe: "Gebiet Kiew, Ukraine. Januar 1944 bei dem gefallenen deutschen Unteroffizier Richard Worbs (...) in der Nähe des Dorfes Winograd gefunden" angegeben. Musial kann nun nachweisen, dass alle diese Fotos in der Zitadelle von Zloczôw entstanden sind. Seiner Ansicht nach zeigen sie die Exhumierung von Leichen, die der sowjetische NKWD ermordet hatte. Unter anderem wurden Juden gezwungen, diese Exhumierung vorzunehmen. Als Belege führt Musial Vergleichsfotos aus dem Zitadellenmuseum von Zloczôw (heute Solotschiw), Aussagen von polnischen und jüdischen Zeugen und die Ermittlungen der Bezirkskommission zur Untersuchung der Verbrechen am polnischen Volk in Lodz an. Musial verweist darauf, dass die erwähnten Fotos schon mehrfach verwendet und in einen jeweils anderen Zusammenhang gestellt wurden. So werden sie in einem Buch von Ernst Klee und Willi Dressen mit dem Titel "Schöne Zeiten" mit folgender Bildunterschrift wiedergegeben: "Litauen. Sommer 1941. Männliche und weibliche Juden müssen in einem Baumstück ein Massengrab ausheben. Im Vordergrund erschossene Juden". 6 Selbst die Ausstellungsmacher beschriften dieselben Fotos unterschiedlich. So wird im Katalog das Bild Nr. 22, S. 204 mit "Unbekannter Ort, UdSSR. Tote Kriegsgefangene" angegeben, wogegen dasselbe Bild im Begleitband von Heer/Naumann auf Seite 501 mit der Unterschrift: "Amateurfoto eines deutschen Soldaten, aufgenommen im Juli 1944 westlich von Brest bei Biala Podlaska" gezeigt wird, 7 Biala Podlaska liegt jedoch in Polen und gehörte nie zur UdSSR.

Diese offensichtlichen Fehler werden nicht bestritten, und das Hamburger Institut für Sozialforschung veröffentlichte auch eine Errataliste, in der solche Berichtigungen vorgenommen werden. Entscheidender ist jedoch die Frage, was auf den Bildern zu sehen ist, und ob sie tatsächlich in keinem Zusammenhang mit Wehrmachtsverbrechen stehen. Musial wies die Ausstellungsmacher im Herbst 1997 darauf hin, dass die Bilder seiner Ansicht nach die Exhumierung von NKWD-Opfern darstellten. Die Haltung, die Fotos trotzdem nicht zu entfernen, begründete Bernd Boll vom Hamburger Institut folgendermaßen: "Ich habe den Sachverhalt sofort recherchiert und herausgefunden, dass sich unter den Leichen auf den Fotos mit großer Wahrscheinlichkeit auch die mit Billigung, wenn nicht gar indirekter (Absperrung) Unterstützung der Wehrmachtseinheiten von ukrainischen Nationalisten erschlagenen Juden befinden. (...) Es besteht somit kein Grund, die Bilder aus der Ausstellung zu entfernen." 8

Musial kritisiert hier, dass den Besuchern die Komplexität des Geschehens vorenthalten würde, da ja durch den Ausstellungszusammenhang sämtliche Leichen als Opfer der Wehrmacht angesehen würden. Diese Kritik ist berechtigt. Darüber hinaus jedoch sieht Musial keinen Anlass, von unterschiedlichen Opfergruppen auf den Bildern auszugehen. Für ihn handelt es sich ausschließlich um Opfer des NKWD. Tatsächlich seien die zur Exhumierung der Leichen herangezogenen Juden ermordet worden, jedoch nicht von der Wehrmacht, sondern von ukrainischen Nationalisten. Erst die Wehrmacht habe das Massaker beendet. Die Leichen der Juden seien in dem ausgehobenen Massengrab verscharrt und erst zu Beginn der neunziger Jahre exhumiert worden, könnten also auf den Fotos nicht zu sehen sein.

Dieser Interpretation, die diese Bilder als tatsächlich für die Ausstellung untauglich erweisen würde, widersprach der Historiker Christian Streit in einem Leserbrief in der Zeitung "Die Zeit". 9 Gegen Musials Behauptung, die Bilder zeigten nur Opfer des sowjetischen NKWD, führte Streit einen Eintrag des Kriegstagebuchs der 295. Infanteriedivision an, die sich zu dieser Zeit vor Ort befand. Hier heißt es: "In Zloczow ... Massenmordungen der Juden und Russen durch Ukrainer. Judenerschießungen auf offener Straße. Auf der Zitadelle liegen etwa 900 Leichen von durch Russen ermordeten Ukrainern und von durch Ukrainer ermordeten Russen und Juden." Streit fragt bezogen auf Musial hierzu weiter: "Heißt das, daß die Wehrmacht für das Morden keinerlei Verantwortung trifft? Die Stadt war seit dem 1. Juli 1941 in deutscher Hand, mindestens drei deutsche Divisionen hatten dem Morden der Ukrainer zugesehen, erst die 295. Infanteriedivision griff ein."

Musial ging in seiner späteren Erwiderung auf Streit auf diesen Punkt nicht mehr ein, womit seine Grundaussage, die Bilder zeigten keinerlei Wehrmachtsverbrechen, stark in Frage gestellt war.

Zwei Dinge sind in bezug auf diese Kritik wichtig: Einerseits tangiert sie nicht die Grundaussage der Ausstellung, nämlich die Verstrickung und aktive Teilnahme der Wehrmacht an den Verbrechen des Faschismus im Osten. Weder die hierfür grundlegenden verbrecherischen Befehle noch der darauf fußende Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurden wirklich in Frage gestellt. Andererseits verdeutlicht die Kritik die tatsächlich vorhandene Problematik, Fotos quasi als Beweise für die Verbrechen der Wehrmacht zu verwenden. Auch wenn die Ausstellungsmacher anführten, die Fotos hätten gar keinen Beweiszweck, sondern dienten nur der Illustration des Geschehens, so ist doch unverkennbar, dass die große emotionale Wirkung der Ausstellung auf den Fotos beruht. Diese Art der Rezeption durch die Besucher muss auch den Ausstellungsmachern aufgefallen sein. Die jeweils organisierten Begleitprogramme und Diskussionen zur Ausstellung sind eine Möglichkeit, diesem Problem zu begegnen, bieten sie doch die Chance, über die Emotionalisierung hinaus den Vernichtungskrieg in einen Zusammenhang zu stellen.

Hier liegt vielleicht eines der größten Probleme der alten wie auch der neuen Ausstellung, die es eben weitgehend versäumt, den Vernichtungskrieg im Osten in das Herrschaftssystem des deutschen Faschismus einzuordnen. Warum der Krieg im Osten geführt wurde, welche Interessen sich damit verbanden, in welchen längerfristigen imperialistischen Traditionen der Faschismus und auch die Ostexpansion standen, all das sucht man vergebens in der Ausstellung. Nicht einmal der "Generalplan Ost", der die ökonomischen und bevölkerungspolitischen Zielstellungen thematisiert, wird erwähnt. Ich würde dies als eine tendenzielle Entpolitisierung der Ausstellung werten, die es eben vermeidet mögliche Kontinuitäten zu verdeutlichen. Ein Grund hierfür ist sicherlich der auch am Hamburger Institut teilweise vertretene Totalitarismusansatz, der die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts vor allem auf der Folie totalitärer Diktaturen liest und diese den westlich liberalen Demokratien gegenüberstellt. In dieser Sichtweise fallen natürlich Kon tinuitätsprozesse, die etwa auf die kapitalistische Wirtschaftsordnung vor und nach 1945 zurückzuführen wären, unter den Tisch. Ganz in diesem Sinne deuteten die konservativen Kritiker der Ausstellung die Ausführungen von Musial. Für Horst Möller vernachlässige die Ausstellung die entscheidende Frage nach den Gründen der extremen Barbarisierung des Krieges im 20. Jahrhundert, nämlich, "welchen entscheidenden Anteil die fanatischen Ideologien von Nationalsozialismus und Bolschewismus und die Dialektik beider an dieser Entfesselung, Entgrenzung und scheinbaren Legitimierung brutaler Gewalt hatten." 10 Das ist die ganz klassische Totalitarismusthese, die die Verbrechen ohne Unterschied beiden Systemen zurechnet, womit beispielsweise der Holocaust als Spezifik des deutschen Faschismus einfach verschwindet. Dass die Ausstellung sehr wohl die Frage nach den Gründen für die extreme Barbarisierung stellt, sie nur mit dem Verweis auf die rassistische und antisemitische Kontaminierung der Wehrmacht anders beantwortet, verschweigt Möller.

Die Zielrichtung der Kritiker wurde von Norbert Frei in der FAZ benannt. 11 Bisher sei es weitgehender Konsens der Wissenschaft, selbst bei den Kritikern der Ausstellung gewesen, "dass es ein rassistischer Vernichtungskrieg war, den die Deutschen seit 1939 im Osten führten, und dass die Wehrmacht darin eine aktive Rolle spielte:' Dieser Konsens werde jetzt - und er verweist dabei auf Horst Möller - in Frage gestellt.

Die von Musial geäußerte Kritik führte zusammen mit der neu einsetzenden öffentlichen Debatte zum vorläufigen Rückzug der Ausstellung.

3. Überprüfung und Neukonzeption der Ausstellung

Die vom Hamburger Institut eingesetzte Historikerkommission zur Überprüfung der alten Ausstellung kam nach knapp einem Jahr zu dem Ergebnis, dass abgesehen von handwerklichen Fehlern (bezogen auf die Fotos) und manchen unzulässigen Vereinfachungen die zentrale These der Ausstellung, die Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg, richtig sei.

Mit diesem weitgehenden Freispruch startete die Ausstellung Ende 2001 erneut und erhält bis heute eine ungebrochene Resonanz. Ist auch die zentrale Aussage im Verständnis der Ausstellungsmacher gleich geblieben, so handelt es sich doch um eine komplette Neugestaltung. Das alte Team um den Leiter der Ausstellung Hannes Heer wurde von Reemtsma entlassen und die Historikerin Ulrike Jureit zur neuen Sprecherin ernannt. Die offensichtlichste Konsequenz aus der Kritik besteht im weitgehenden Verzicht auf eine unkommentierte Bebilderung. Fotos werden nur noch sparsam eingesetzt, vielfach handelt es sich um Portraits von Wehrmachtsverantwortlichen. Die Textlastigkeit der Schau ist sehr viel größer und verlangt vom Besucher eine große Bereitschaft zur intensiven Lektüre. Der Aufbau der Ausstellung ist nicht länger an geographischen Schauplätzen orientiert: Eingeleitet wird sie mit einer Darstellung des Kriegsvölkerrechts der damaligen Zeit, um so den rechtlichen Rahmen, in dem sich die Wehrmacht bewegte, abzustecken. Die gezeigten "verbrecherischen Befehle" verdeutlichen dann das bewusste und vorab geplante Überschreiten dieses Rahmens. Als exemplarische Themen zeigt die neue Ausstellung die Beteiligung der Wehrmacht am Völkermord an den Juden, die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen, den Ernährungskrieg, die Deportation und die damit verbundene Zwangsarbeit, den so genannten Partisanenkrieg und schließlich Repressalien und Geiselerschießungen. In einem separaten Teil werden die Handlungsspielräume von Wehrmachtsangehörigen anhand unterschiedlicher Beispiele verdeutlicht. Die Nachkriegszeit und der (fehlende) Umgang mit den Verbrechen der Wehrmacht, einschließlich der Auseinandersetzung um die erste Ausstellung beschließen die Schau. 12

Die neue Ausstellung ist sehr viel größer als die alte, die angeführten Belege für die Verbrechen der Wehrmacht sind zahlreicher und detailliert nachgewiesen. Der Einbezug von Themen wie Zwangsarbeit, Deportationen und Handlungsspielräume ist sicherlich zu begrüßen. Die vielfältigen technischen Möglichkeiten (Hörinseln, Computer mit Feldpostbriefen) bieten die Chance einer vertiefenden Einarbeitung. Dennoch lässt sich den Ausführungen des Historikers Werner Röhr zustimmen, der schreibt: "Obwohl die neue Ausstellung die alte an Materialfülle, an Differenzierung, an professioneller Gestaltung weit übertrifft, obwohl sie deren Grundaussage beibehält und diese umfangreicher und genauer untermauert, kommt sie an deren Wirkung nicht entfernt heran." 13 Der Grund hierfür liegt eben in der Wucht der Bilder, die die alte Ausstellung bestimmten. Verschwunden sind in Katalog und Ausstellung die Fotos der einfachen Täter vor Ort; man sieht die Opfer - die Täter zumeist nur, insoweit sie Truppenführer und Befehlshaber sind, einfache Soldaten sind kaum zu sehen. Damit fehlt der die Öffentlichkeit wohl schockierendste Teil, und es lässt sich fragen, ob es sich hier nicht um eine gravierende Veränderung zur alten Ausstellung handelt. Hannes Heer, Leiter der alten Ausstellung, sieht hier eine deutliche Verschiebung der ursprünglichen Thesen der Ausstellung: Vor allem die breite und weitgehend widerstandslose Beteiligung der Truppe an den Verbrechen gegen Juden und die sowjetische Bevölkerung und deren Begründung durch einen antisemitischen und antislawischen Rassismus werden in der neuen Ausstellung nicht mehr thematisiert. 14 In der Tat vertritt die neue Ausstellung keine These mehr zu der Frage, wie weit die rassistische und antisemitische Ideologisierung der Wehrmacht in die Truppe eingedrungen ist. Lässt sich dies quantitativ auch nicht verifizieren, so gaben die privaten Fotos einfacher Landser, die in der ersten Ausstellung eine solche schockierende Wirkung hatten, doch einen Einblick in die möglichen Abgründe einer weitgehenden Ideologisierung.

Obwohl die These der Beteiligung der Wehrmacht an Vernichtungskrieg und Judenmord durch die neue Ausstellung weitaus detaillierter belegt wird, scheint sie für die Kritiker passabler zu sein. Die Wehrmacht als Institution wird jetzt nur noch mit den Befehlshabern identifiziert - sie haben sich in vielen Fällen unbestreitbar schuldig gemacht. Die alte Ausstellung zeigte, wie diese Mitwirkung an den Verbrechen von vielen "willigen Vollstreckern" umgesetzt wurde, hier lag ihr Skandal. Hinter diese Provokation zurückgegangen zu sein ist ein fatales Friedensangebot an die Kritiker.


Anmerkungen:
1 Birgit Rommelspacher: Anklage und Entlastung. Sozialpsychologische Aspekte der Goldhagen-Debatte, in: Jürgen Elsässer/ Andrei 5. Markovits (Hg.): "Die Fratze der eigenen Geschichte:' Von der GoldhagenDebatte zum Jugolsawienkrieg, Berlin 1999, 5.37.
2 Vgl. Florian Stummfall, in: Bayernkurier, 22.2.1997.
3 Vgl. Günter Gillessen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6.4.1997.
4 Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.4.1997.
5 Vgl. Bogdan Musial: Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", in: VQ, Jg. 47 (1999). Ein weiterer wichtiger Beitrag, der im Rahmen dieser Kritik an der Ausstellung erschien, ist: Krisztián Ungváry: Echte Bilder - problematische Aussagen. Eine quantitative und qualitative Analyse des Bildmaterials der Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944", in: GWU, Jg. 50 (1999); darüber hinaus erschien
in der gleichen Ausgabe der GWU der Beitrag von Dieter Schmidt-Neuhaus: Die Tarnopol-Stellwand der Wanderausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Eine Fallstudie zur Verwendung von Bildquellen.
6 Ernst Klee/Willi Dressen/Volker Rieß (Hg.): "Schöne Zeiten". Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Frankfurt a.M. 1988, S. 60 (hier zitiert nach Musial: Bilder, 5. 570).
7 Hannes Heer/Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1995, S. 501. 8 Zitiert nach Musial: Bilder, S. 576.
9 Christian Streit: Prüfung tut not, Leserbrief in: Die Zeit, 18.11.1999, S. 80.
10 Horst Möller: Eine Blamage, wahrlich keine Pionierleistung, in: Frankfurter Allgemeine, 3.1.00.
11 Vgl. Norbert Frei: Faktor 100, in: Frankfurter Allgemeine, 2.11.99.
12 Vgl. hierzu den neuen Ausstellungskatalog: "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" hrsg. von Hamburger Institut für Sozialgeschichte, Hamburg 2002.
13 Werner Röhr: Die neue Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", in Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung, Heft 18, Berlin 2002, S. 78.
14 Vgl. Hannes Heer: Vom Ende einer Ausstellung. Über Strategien der Entlastung und das Verschwinden der Täter, in: Weiter erinnern? Neu erinnern? Überlegungen zur Gegenwart und Zukunft des Umgangs mit der NS-Zeit, hrsg. vom Arbeitskreis Erinnerungskultur Marburg, Münster (im Erscheinen).

aus: informationen Nr. 56, November 2002, S. 17-20.