Vertriebenenverbände: historisch überlebt oder Gefahr für die Zukunft?
Angesichts der aktuellen Debatte um das „Zentrum der Vertreibung" und der politischen Vorstöße der Vertriebenenverbände im Zusammenhang mit der Debatte um die Benes-Dekrete mussten sich diejenigen, die hofften, dass die Frage der „Vertriebenen" und ihrer Verbände sich als „Fossilien des Kalten Krieges" biologisch lösen würde, eines Schlechteren belehren lassen. Diese Verbände und ihre Volkstumspolitik legen auch im 21. Jahrhundert unter den Bedingungen der europäischen Integration eine ungeahnte Lebendigkeit an den Tag. Zwar fällt es den Vertriebenenverbänden zunehmend schwerer Repräsentanten zu finden, die biographisch noch mit den vorgeblichen „Heimatgebieten" verbunden sind - obwohl ja der Status des „Vertriebenen" vererbt wird -, weniger Probleme haben sie jedoch damit, Personen zu aktivieren, die in den Vertriebenenorganisationen ihre „politische Heimat" finden, wie die gegenwärtige Vorsitzende des „Bundes des Vertriebenen" (BdV) Erika Steinbach (MdB und CDU-Rechtsaußen) und der Sprecher der „Sudetendeutschen Landsmannschaft", Bernd Posselt (CSU) zeigen.

Und denen geht es beileibe nicht um Brauchtumspflege, Trachtennostalgie und Volksmusik der „Heimat der Vorfahren". Ihnen geht es - wie in den vergangenen 50 Jahren - um Machtpolitik und Expansionsbestrebungen. Doch während sich in den 50er und 60er Jahren diese Politik im Windschatten der Adenauerpolitik bewegte, selbst dort, wo es Konflikte und Reibungspunkte gab, und in den 70er Jahren durch die neue Ostpolitik diese an der „Offenhaltung der deutschen Frage" orientierte Politik für die CDU/CSU-Opposition und Neofaschisten attraktiv wurde, erlebten die Verbände nach dem Anschluss der DDR eine neue Blüte - und zwar nicht allein durch den Zuwachs an Mitgliedern, die in den neuen Bundesländern beheimatet sind.

Die Verbände „modernisierten" ihre Politik, ohne die historischen Nachkriegsrealitäten und Grenzen in Europa anzuerkennen. Weiterhin propagierten sie auf ihren Pfingsttreffen oder in Verlautbarungen ein „Recht auf Heimat", was in „moderner" oder offen revanchistischer Form nichts anderes als expansionistische Politik beinhaltete. Die Öffnung der Grenzen und die Entwicklung eines Europas der Regionen könnte ihnen - so glauben sie - einen neuen Zugang zu den „Vertreibungsgebieten" ermöglichen. Ihnen kommt dabei zugute, dass mit dem Zusammenbruch der ehemals sozialistischen Staaten in Osteuropa ein ökonomisches und politisches Vakuum entstanden ist. So hofft man die Themen EU-Osterweiterung und deutsch-tschechisches Abkommen mit der Durchsetzung eigentlich unannehmbarer Forderungen gegenüber Polen und der tschechischen Republik verbinden zu können. Selbst wenn Restitution und „Wiedergutmachung des Vertreibungsunrechts" nicht zu erreichen sein sollten, will man wenigstens durch die Macht des Euros den alten Verhältnissen näher kommen.

Bei aller „Modernisierung" bleibt als Fundament der Ideologie der Politik der Vertriebenen-Verbände die Geschichtsrevision, die Verleugnung der historischen Ursachen der Umsiedlung 1945. Aktuell fordert der Bund der Vertriebenen die Errichtung eines „Dokumentationszentrums zur Vertreibung" in Berlin. Damit erfüllt diese Ideologie auch noch die gesellschaftliche Funktion, in Alternative zum Holocaust-Denkmal allen Deutschen für die NS-Zeit und seine Folgen zu ermöglichen, „sich als Opfer darzustellen und zu fühlen". Dass die Grenzen zum Neofaschismus in dieser Frage fließend sind, machen BdV-Funktionäre wie Eibich und Latussek deutlich.

Die Vertriebenenverbände haben, so das Ergebnis von Salzborn in dem Buch „Grenzenlose Heimat", das sich vor allem mit den Landsmannschaften Ostpreußen und Schlesien sowie der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die zusammen noch fast eine Millionen Mitglieder haben, beschäftigt, nicht nur eine Geschichte und Gegenwart, sondern auch eine Zukunft, auf die Antifaschisten und Friedens­kräfte sehr aufmerksam reagieren sollten.

Samuel Salzborn: Grenzenlose Heimat. Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Vertriebenenverbände.
Berlin: Elephanten-Press, 2000.

Ulrich Schneider


NS-Verbrechen und ihre juristische „Aufarbeitung"
In der auf einer politikwissenschaftlichen Dissertation (Universität Hannover 1999) beruhenden differenzierten Gesamtbetrachtung der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen hat Kerstin Freudiger eine ungleiche Behandlung der verschiedenen Gruppen von NS-Verbrechen und NS-Verbrechern bei „vergleichbarem Sachverhalt" (S. 5) festgestellt. Zu dieser Erkenntnis kommt sie nach gründlichen Analysen von ausgewählten Urteilen. Die Autorin geht den Unterschieden in den Verurteilungen an einigen „strafrechtlichen Denkfiguren" nach. Sie hat ihre Arbeit entsprechend gegliedert in die Hauptkapitel „Verurteilungen wegen Mordes in Täterschaft", „Strafmilderung durch 'Beihilfe' zum Mord", „Strafmilderung oder Straflosigkeit durch ,Totschlag' statt Mord" und „Schuldausschluss wegen fehlendem Unrechtsbewusstseins"'. An den vier strafrechtlichen Kategorien „Mord", „Totschlag", „Täterschaft" und „Beihilfe" und abschließend Schuldausschluss wegen vorgeblich „fehlendem Unrechtsbewusstsein" orientiert werden insgesamt 142 Urteile westdeutscher Gerichte aus den genannten Verbrechenskomplexen und Deliktkategorien exemplarisch analysiert. Für die Urteile vor 1965 griff sie auf die 22bändige von Christiaan Frederic Rüter herausgegebene Schriftenreihe zurück. (Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966. Amsterdam 1968 ff.) Die Urteile aus der Zeit danach stammen aus dem Bestand der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg. Außerdem hat sie Verfahrenseinstellungen in die Betrachtung einbezogen.
 
Durch ihre qualitative und wenn möglich quantitative Vorgehensweise ist es Freudiger gelungen, die Tendenzen der Rechtsprechung bei NS-Verbrechen deutlich herauszuarbeiten. Wenigstens Ansätze einer rechtsstaatlich angemessenen Ahndung konnte die Autorin nur im Bereich der Verbrechen an den europäischen Juden feststellen. Hier erfolgten Verurteilungen wegen Mord oder Beihilfe zum Mord, weil die Verbrechen aus nationalsozialistischem Rassenhass und damit aus „niedrigen Beweggründen" begangen wurden. Es wurde bei den meist der Lager-SS angehörenden Tätern konsequent auf deren Unrechtsbewusstsein geschlossen. Diese Verbrecher gehörten nicht zu den „bürgerlichen Führungsschichten" (S. 417), sondern rekrutierten sich vor allem aus handwerklichen Berufen. Bei dieser deutlich abgrenzbaren Tätergruppe werden antisemitische Einstellungen und „niedrige Beweggründe" als erwiesen angesehen. „Die Gerichte vermuteten offenbar eine Identifikation mit dem NS-Regime vor allem bei den Angeklagten aus jenen gesellschaftlichen Gruppen, die keine klassischen Angehörigen der Funktionseliten waren." (S. 417)

Geradezu rücksichtsvoll gingen die Richter mit den Angeklagten in Leitungsfunktionen um, wie Juristen als Führer der massenhaft mordenden Einsatzgruppen und - kommandos oder in Deportationsdienststellen sowie Ärzten in Konzentrationslagern. Die Verantwortung für die Massenmorde in den Vernichtungslagern wurde auf die Führungsclique „Hitler, Himmler, Göring und Heydrich" verlagert, die „stereotyp" (S. 408) als Haupttäter genannt werden. „Indem die Vernichtung des Judentums zwar nicht geleugnet, die Schuld daran jedoch so konstruiert wurde, dass sie nur den obersten Führer traf, konnte in Vergessenheit geraten, dass sich der millionenfache Mord aus vielen schuldhaften Entscheidungen und Handlungen einzelner zusammensetzte."
(S. 40)

Noch deutlicher wird die Rücksichtnahme bei der Ahndung von Justizverbrechen. Hier kann von einer „offensichtlichen Sanktionsverweigerung" gesprochen werden. Als eine Ursache benennt die Autorin, dass so die Übernahme des NS-Justizpersonals in die westdeutsche Justiz nachträglich legitimiert werden konnte. Mit dieser wichtigen Untersuchung wird eine Voraussetzung dafür gelegt, sich eingehender mit der Frage der personellen Kontinuitäten der Gerichte zu befassen. Dazu gibt Freudiger einige weiterführende Hinweise, z.B. wenn sie die „besonders ausgeprägte Verweigerungshaltung der Justiz im Landgerichtsbezirk München I bei der Verfolgung von NS-Verbrechen" (S. 410) anspricht, die „personellen Kontinuitäten in Niedersachsen" (S. 415) erwähnt oder am Beispiel des Bundesgerichtshofes auf die „Kontinuität zum Justizapparat des NS-Staates" verweist.

Kerstin Freudiger: Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Tübingen: Mohr Siebeck, 2002 (= Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 33).

Kurt Schilde


Blicke gegen das Vergessen
Endlich ist wieder ein Buch auf dem Markt, das über das KZ Natzweiler auf dem Struthof berichtet und das noch dazu glücklicherweise in deutsch und französisch geschrieben ist. Florence Hervé und Hans Adamo beschreiben die Besonderheiten des Ende 1940 errichteten Konzentrationslagers in den Vogesen, für dessen Standort die nahegelegenen Granitsteinbrüche ausschlaggebend waren. Das Lager, für 1.500 Häftlinge geplant, war 1944 mit bis zu 8.000 Gefangenen belegt, und verfügte über etwa 70 Außenkommandos im Elsass, in Lothringen, in Baden und Württemberg. Unter den Gefangenen befanden sich ab Sommer 1943 als besonders gekennzeichnete Gruppe "Nacht und Nebel"-Gefangene" (NN), für die der ausdrückliche Wehrmachtsbefehl galt, "die Vernichtungsspur zu verwischen" und bei Nachfragen etwa des Internationalen Roten Kreuzes oder anderer Dienststellen keinerlei Auskunft zu geben. Im KZ Natzweiler waren auch Frauen inhaftiert; die Autoren geben ihre Zahl mit etwa 300 an. Es waren Widerstandskämpferinnen der Résistance, auch einige mit dem Fallschirm abgesprungene Kundschafterinnen der Special Operations Executive (S.O.E). In einigen der Außenkommandos - so in den Kommandos Ebange bei Thionville, Calw, Geislingen an der Steige, Geisenheim, Mörfelden-Walldorf - waren nur Frauen eingesetzt, überwiegend ungarische Jüdinnen, die in Auschwitz zur Zwangsarbeit selektiert worden waren. Das KZ Natzweiler ist berüchtigt für die medizinischen Versuche, die Prof. Dr. August Hirt von der "Reichsuniversität Straßburg" und sein Personal an den Häftlingen vornahmen. Es ging dabei u.a. um die Erprobung von Kampfgiften, dafür wurde extra eine Gaskammer gebaut. Das "Menschenmaterial" benutzte Hirt auch für die Schaffung einer "jüdisch-bolschewistischen Schädelsammlung". Der geschichtliche Überblick endet mit biographischen Angaben zu "Tätern und Gehilfen".

Für den zweiten Teil haben die Autoren einige Augenzeugenberichte gesammelt, die von "Solidarität und Sabotage" berichten. Im dritten Teil findet der Leser, die Leserin literarische Texte, Gedichte und Zeichnungen, die aus der Begegnung mit der Gedenkstätte Natzweiler entstanden. Schließlich wird noch das "Projekt eines
europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers im Nazi-Konzentrationslagersystem. Im Dienste des Gedenkens und der Wachsamkeit" vorgestellt. Der Titel des Buches "Blicke gegen das Vergessen" ist auch ganz konkret zu verstehen: Vierzig Fotographien in schwarz-weiß von Martin Graf führen den Betrachter vom Bahnhof Rothau, wo die Häftlingstransporte ankamen, zur heutigen Gedenkstätte, über den Friedhof und durch das Museum.

Hans Adamo, Florence Hervé: Natzweiler Struthof. Blicke gegen das Vergessen. Regards au-delà de l'oubli. Essen: Klartext, 2002.

Ursula Krause-Schmitt


Alfred Marchand
Zu den Persönlichkeiten, die die Geschichte des Studienkreises Deutscher Widerstand wesentlich beeinflußten, zählte Alfred Marchand. Mehrere Jahre hat er mit großem Engagement im Vorstand gearbeitet. Sein ausgewogenes Urteil fußte auf reichen Erfahrungen aus dem Kampf gegen den Hitlerfaschismus, dem Exil in Palästina und über vier Jahrzehnten Einsatz gegen Antisemitismus und Neofaschismus. Erst im hohen Alter fand er Zeit und Kraft, umfassender über sein Leben zu berichten. Es ist das Verdienst von Barbara Bromberger, dass sie den 90jährigen dafür gewinnen konnte, ihr aus seinem Leben zu erzählen. Aus diesen Berichten ist das Buch entstanden.

Alfred Marchand ist am 29. April 1907 in einer jüdischen Familie in Erfurt geboren worden. Seine Eltern besaßen ein Schuhgeschäft. Der Sohn sollte dieses später übernehmen. Dafür erwarb er sich berufliche Fähigkeiten als Schuhmacher, Verkäufer und Dekorateur. Die Situation ausgangs der Weimarer Republik gestattete ihm aber nicht, ein geordnetes Berufsleben zu führen. Frühzeitig schloß er sich der Arbeiterbewegung an, zunächst der SPD und dann der KPD. In ihren Reihen nahm er an den Auseinandersetzungen mit den zur Macht strebenden Nazis teil. 1933 gehörte Marchand in Erfurt zu den jungen Antifaschisten, die brutal mißhandelt und danach in
das KZ Lichtenburg verschleppt wurden. Diese Zeit ist im Buch eindrucksvoll dargestellt.

Bis 1936 dauerte die Gefangenschaft im KZ. 1938 gelang es Marchand, nach Palästina zu emigrieren. Hierher waren bereits vorher seine Eltern und Geschwister vor dem NaziTerror geflohen. Fast zwei Jahrzehnte wurden Palästina und Israel zu seiner zweiten Heimat. Im Buch werden wichtige Schlüsselereignisse dieser Jahre genannt, obwohl sich der Leser gerade in diesem Teil eine detailliertere Darstellung gewünscht hätte. Dies betrifft u.a. die Zeit des Zweiten Weltkrieges und auch die Teilnahme am Unabhängigkeitskrieg 1947/48. Im März 1958 kehrte Marchand nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt am Main nieder. Die Ausgangssituation wird anschaulich geschildert und auch seine über zwölfjährige Tätigkeit als Portier im "Kabinenhotel" direkt am Frankfurter Hauptbahnhof. Hier wird ein besonderes Kapitel der Frankfurter Nachkriegsgeschichte lebendig. Wie in seinem ganzen Leben engagierte sich Alfred Marchand auch in Frankfurt in der Politik. Er schloß sich der SPD an, sein Betätigungsfeld sah er vor allem in den Gewerkschaften, bei der Arbeiterwohlfahrt und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Besonders fühlte er sich verpflichtet, der Jugend die Wahrheit über Faschismus und Krieg sowie über den antifaschistischen Widerstand zu vermitteln. In vielen Frankfurter Schulklassen war er ein gern gesehener Gesprächspartner. Von besonderer Bedeutung für den 90jährigen war, dass am 7. März 1998 das Kinder- und Jugendhaus der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt in Preungesheim den Namen "Alfred-Marchand-Haus" bekam. In das Buch ist auch die Rede aufgenommen, die der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Dr. Jürgen G. Richter, aus diesem Anlaß gehalten hat. Sie stellt, wie andere Dokumente und Fotos, eine wichtige Ergänzung des Gesamtbildes dar.

Am 9. November 1999 ist Alfred Marchand im Alter von 92 Jahren gestorben. Seine Freunde schrieben: "Wir trauern um einen engagierten Antifaschisten, er hat bis zuletzt die nach wachsenden Generationen über das nazistische Terrorregime aufgeklärt und konsequent gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Krieg und Neofaschismus gekämpft."

Barbara Bromberger (Hg.): Alfred Marchand. Ich habe nie Langeweile gehabt. Ein Widerstandskämpfer gegen den Faschismus erzählt sein Leben. Frankfurt am Main: VAS, 2001.

Karl Heinz Jahnke


Das KZ im Autobahntunnel
Claude Brignon, Franzose, Häftlingsnummer 37981, Silvo Vlachy, Slowene, Häftlingsnummer 40310, Guiseppe Zorzin, Italiener, Häftlingsnummer 40180 - drei von über 3000 Häftlingen, die, ihrer eigenen Identität beraubt und zu einer anonymen Zahlenreihe degradiert, im Konzentrationslager Leonberg als Arbeitssklaven der Messerschmitt AG das nationalsozialistische Terrorsystem am eigenen Leib erfahren und erleiden mussten.
Mit der Absicht, die längst überfällige Geschichte des Leonberger Konzentrationslagers zu schreiben, mit dem Ziel, "den lange Zeit Unbekannten, die im KZ nur,Nummern' waren, Namen und Gesicht zu geben" und einen Beitrag "zu einer lebendigen Erinnerungskultur vor Ort" zu leisten, nahm im Oktober 1999 die Geschichtswerkstatt "KZ Leonberg" unter Leitung der beiden Historiker Joachim Baur und Birgit Wörner ihre Arbeit auf. Ohne Zweifel: Von der Leonberger KZ-Gedenkstätten-Initiative angeregt und an der
Volkshochschule Leonberg institutionell verankert, hat die in ihrer Altersstruktur und historischen Vorbildung heterogene Arbeitsgruppe mit beachtlichem Ergebnis die bisher nur in Umrissen bekannte Geschichte des KZ Leonberg aufgearbeitet und einen bemerkenswerten Aufsatzband zur südwestdeutschen Lokalgeschichte in der NS Zeit vorgelegt.

Die Autorinnen und Autoren haben über zwei Jahre mit Akribie eine Fülle neuer schriftlicher Quellen erschlossen und stützen sich bei ihren Ausführungen darüber hinaus besonders auf insgesamt 51 Zeitzeugeninterviews. Hinzu kamen elf schriftliche Berichte von früheren Insassen und Gestapo-Häftlingen. Nach einem einführenden Beitrag zur Geschichte von "Zwangsarbeit, KZ-System und Rüstungsproduktion", der die
Entstehungsgeschichte des KZ Leonberg in die allgemeine Geschichte des NS-Systems einordnet (Joachim Baur) und einem Erfahrungsbericht über die Zeitzeugengespräche mit KZ-Überlebenden, der auch die Praxis und die Methode der Oral History problembewusst reflektiert (Birgit Wörner), stehen drei Themenblöcke im Vordergrund. Ingrid Bauz, Volger Kucher, Monica Mather, Renate Stäbler und Eberhard Röhm leuchten den Mikrokosmos des Lagers aus, skizzieren seinen Aufbau und organisatorische Struktur und beschreiben ausführlich den "Häftlingsalltag hinter Stacheldraht". Es schließen sich Aufsätze an, die sich von der eigentlichen Geschichte des KZ lösen und ihren Focus auf weitere Stätten der Zwangsarbeit in Leonberg richten (Eberhard Röhm, Wolfgang Schiele), stand doch in den letzten Kriegsmonaten die gesamte Stadt "im Banne der Rüstung". Schließlich fragen Monica Mather und Renate Stäbler nach den Handlungsspielräumen im NS-System, versuchen der Wahrnehmung des KZ und seiner Häftlinge in der Leonberger Bevölkerung nachzugehen und skizzieren den Lebensweg des ehemaligen Stadtbrandmeisters Walter Schnabel, "der in seiner Jugend den Nazis die Stirn bot". Die trotz aller stilistischen Vielfalt durchgehend gut lesbaren Beiträge werden durch fünf Portraits ehemaliger Häftlingen und zwei Namenslisten, die alle bekannten Gefangenen und Toten des KZ erfassen, sinnvoll ergänzt.

Die drohende militärische Niederlage, handfeste Interessen des Messerschmitt-Konzerns, die Verlagerung der Rüstungsindustrie an Produktionsorte, die vor den Luftangriffen der Alliierten Schutz bieten sollten und die Verkehrsinfrastruktur sorgten dafür, dass die Kleinstadt Leonberg im letzten Kriegsjahr als Standort eines Konzentrationslagers überhaupt in das Blickfeld der NS-Machthaber und Rüstungsproduzenten rückte und sich in das "Netzwerk des Terrors" (Wolfgang Sofsky) einfügte. Seit dem Frühjahr 1944 kam der konzentrierten Produktion von Jagdflugzeugen eine besondere Bedeutung zu. Namentlich vom "Strahljäger Me 262" erhoffte sich die NS-Führung, den Kriegsverlauf doch noch günstig zu beeinflussen. Die beiden rund 300 Meter langen Autobahntunnel am Engelberg wurden kurzerhand zu einer Produktionsstätte umgebaut, in der die Tragflächen des "Strahljägers" hergestellt wurden. Um die Zwangsarbeiter unterzubringen, gingen die NS-Behörden seit Ende März 1944 "zwischen Leonberg und Autobahn" an den Aufbau des Konzentrationslagers, das als Außenlager des KZ Natzweiler im besetzten Elsaß entstand.

Darüber, wer, wann und mit welcher beruflichen Ausbildung als Zwangsarbeiter nach Leonberg kam, entschieden die Produktionsbedürfnisse des Messerschmitt-Konzerns. So forderte das Unternehmen etwa in seinem Antrag auf "Gestellung von KZ Häftlingen für das Presswerk Leonberg" vom SS-Wirtschafts- Verwaltungshauptamt am 15. September 1944 u.a. 250 Schlosser, Monteure, Mechaniker und Werkzeugmacher, 25 Elektriker, 30 Dreher, Fräser und Hobler, 145 Spengler und 150 Hilfsarbeiter an. Die meisten Häftlingstransporte kamen aus dem KZ Dachau und seinen Außenlagern, in denen auch die "Selektionen" für das KZ Leonberg von der SS durchgeführt wurden. Nur ein Bruchteil der Häftlinge waren Deutsche. Das Gros der Inhaftierten kam - so der Aufsatz Eberhard Röhms - aus "aller Mütter Länder". Die Mehrheit der Häftlinge stellten Polen und Sowjetbürger, gefolgt von Italienern und Franzosen.

Im Konzentrationslager standen für die Häftlinge "organisierte Unterernährung", "ständige Erniedrigung und Seelenmord", "willkürlicher Terror der SS", "Kollektivstrafen und körperliche Misshandlungen", Krankheiten, Seuchen und die "Allgegenwart des Todes"(Ingrid Bauz) auf der barbarischen Tagesordnung. Da die ehemaligen KZ-Häftlinge wiederholt selbst zu Wort kommen, gelingt es den Verfassern, sich dem zutiefst inhumanen Lageralltag zu nähern und das kaum nachvollziehbare Grauen dicht zu beschreiben.

Das System der Zwangsarbeit war in Leonberg indes nicht nur hinter dem Stacheldraht des Konzentrationslagers und im Engelbergtunnel allgegenwärtig. Die zahlreichen Betriebsstandorte des Presswerkes Leonberg - die "MechanikWerkstätte", die "Werks-Schreinerei", oder auch der "Fuhrbetrieb mit Gespannen" - wären ohne den Einsatz von Arbeitssklaven genauso wenig betriebwirtschaftlich lebensfähig gewesen wie die lokalen Betriebsstandorte der "Organisation Todt". Wie sehr das kleinstädtische Leben im Schatten der Kriegswirtschaft stand, verdeutlichen die nackten Zahlen im Januar 1945: zu den höchstens 8000 einheimischen Personen kamen in Leonberg nahezu 6000(!) Ortsfremde hinzu (ca. 2800 KZ-Häftlinge, 1400 Zivil- und Zwangsarbeiter aus anderen Lagern und Privatunterkünften, 120 Soldaten der Wehrmacht und Angehörige der Waffen-SS etc.). Die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft entwickelte sich zu einer öffentlichen Angelegenheit: "Nicht alle Häftlinge wurden [...1 im Tunnel eingesetzt. Ein Teil arbeitete auch in sogenannten Außenkommandos, zum Beispiel auf Baustellen, beim Luftschutzstollenbau oder in einer örtlichen Buchbinderei. Sie holten beim Metzger Fleisch ab, zogen anstelle von Pferden schwere Leiterund Güllewagen durch den Ort oder waren beim Bauer im Einsatz. Auch als Waldarbeiter waren sie anzutreffen. Etliche wurden mit Verladearbeiten im Bahnhof beschäftigt [...]. Nicht zuletzt hat man sie auch gerne zu Aufräumarbeiten nach Fliegerangriffen, insbesondere auch zum Beseitigen von Blindgängern, eingesetzt" (Monica Mather, Renate Stäbler) Die Leonberger begegneten den Zwangsarbeitern vereinzelt mit offenen Aversionen, vereinzelt mit Hilfsaktionen, flüchteten aber vor allem in das Schweigen - und das bis weit nach Kriegsende hinaus. Das "Beschweigen der Vergangenheit" steht in der Kleinstadt auch heute noch häufig genug einem offenem Kommunikationsprozess über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft im Wege. Die Arbeitsgruppe schreibt die Geschichte des KZ Leonberg konsequent aus der Perspektive der Opfer. Den zahlreichen Tätern, den KZ-Kommandanten, dem Wachpersonal, den örtlichen NS-Größen und den Unternehmern in den Chefsesseln schenken die Verfasser nur am Rande Aufmerksamkeit. Überdies: Obwohl nahezu alle Beiträge bemüht sind, die an einem lokalen Fallbeispiel gewonnenen Erkenntnisse in die allgemeine Geschichte von Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft in Beziehung zu setzen, ließen sich nicht alle lokale Spezifika bestimmen. Gerade die Position Messerschmitts, das konkrete Wechselverhältnis zwischen den Ansprüchen des Industriekonzerns und städtischen Interessen, oder auch der Einfluss des Unternehmens auf die örtlichen Machtstrukturen, werden nur in groben Strichen angedeutet. Die offenen Fragen und weißen Flecken als eine konzeptionelle Schwäche des Sammelbands zu umschreiben, würde allerdings in die Irre führen. Zum Leidwesen der Herausgeber gibt es laut Auskunft der EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) in München, wo die Messerschmitt-Akten liegen, keine Unterlagen zum Leonberger Tunnel. Der sehr spärlichen Quellenlage ist es ebenfalls zu schulden, dass detailliertere Sozialprofile der Täter und eine genauere Analyse ihrer Motivstrukturen wohl nicht mehr zu leisten sind.

Joachim Baur, Birgit Wörner (H9.): Konzentrationslager und Zwangsarbeit in Leonberg. Leonberg 2001 (Beiträge zur Stadtgeschichte, Bd. 8).

Jörg Lesczenski


"Initiative gegen das Vergessen - Zwangsarbeit in Schweinfurt" stellt ihr Buchprojekt "Wir sind nur eine Nummer" vor
Im November 1999 gründete sich in der Kulturwerkstatt Disharmonie die "Initiative gegen das Vergessen - Zwangsarbeit in Schweinfurt". Die Gruppe will die Öffentlichkeit mit den historischen Fakten über das Leben und die Situation von Zwangsarbeitern in Schweinfurt informieren. Mehrere öffentliche Veranstaltungen, eine Reihe von Zeitungsberichten und ein halbstündiger Bericht im Bayerischen Fernsehen dokumentieren die bisher geleistete Arbeit. Vor gut einem Jahr stieß die Initiative während ihrer Recherchen zufällig auf die Erzählung eines Italieners. Leonardo Calossi veröffentlichte 1987 in Florenz ein Buch, dessen Titel übersetzt lautete: "Anmerkungen zu einer Internierung in Deutschland 1943-1945". Bei der ersten Lektüre stellte sich zur Überraschung der Schweinfurter heraus, dass Calossi nicht nur zu Kriegsende in Schweinfurt bei Kugelfischer, sondern zuvor auch schon im FAG-Auslagerungswerk Landeshut in Schlesien als Zwangsarbeiter beschäftigt war. Der heute 88 Jahre alte Autor genehmigte die Übersetzung, außerdem wurde ein Besuch in Italien arrangiert. Es kam zu einer herzlichen Begegnung mit Calossi in Florenz. Drei Mitglieder der Gruppe nutzten die Gelegenheit, den ehemaligen Zwangsarbeiter zu interviewen.

Die Arbeit nahm schnell an Intensität zu. Immer mehr Literatur tauchte auf. Neben dem eigentlichen Lebensbericht wird das Buch noch weitere Aufsätze enthalten, die beispielsweise über die Hintergründe der Bombenangriffe auf Schweinfurt und der daraus resultierenden Verlagerungen der Industrie oder über die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten aufklären sollen. Immer mehr rückte auch die polnische Stadt Kamienna Gora, ehemals Landeshut, in den Mittelpunkt der Recherchen. Unter anderem dorthin wich FAG mit seiner kriegswichtigen Produktion aus, um den Bombenangriffen zu entgehen. 1943 verlagerte man Maschinen und Zubehör in die kleine schlesische Stadt am Rande des Riesengebirges. Drei Werke wurden eröffnet. Unter der Aufsicht von Schweinfurter Meistern und Ingenieuren wurde die Produktion praktisch aus dem Nichts gestampft. An vielem mangelte es, nur nicht an Arbeitskräften. Calossi war von
1943 an dabei. Er musste die Fabriken mit aufbauen und er demontierte sie wieder, berichtete er. 1945 kam er mit den abmontierten Maschinen nach Schweinfurt und erlebte die letzten Wochen bei Kugelfischer. Er beschreibt seine Odyssee und die seiner Kameraden durch halb Europa, bis er in Landeshut landete. Eindrucksvoll schildert er seinen harten, entbehrungsreichen Alltag. Die Italiener gehörten dabei noch zu den privilegierteren Häftlingen. Immerhin durften sie Post und manchmal auch Pakete von ihren Angehörigen erhalten. 1944 wurde ein Außenkommando des KZ Groß-Rosen in Landeshut eröffnet. 1600 Häftlinge, zumeist Polen, Russen und Juden wurden in diesem Lager zusammengepfercht und zur Arbeit unter anderem bei Kugelfischer gezwungen. Nur zehn Monate existierte dieses KZ-Außenkommando. Trotzdem starben über 300 Menschen an Hunger, Krankheit oder wurden ermordet und erschlagen. Calossi informiert über viele Details: Über schikanöse Meister, aber auch über hilfsbereite Deutsche; über den täglichen Kampf gegen den Hunger und die schwere Arbeit, über das Elend der KZHäftlinge und Zwangsarbeiter, über alltägliche Begebenheiten und menschliche Tragödien. Und das alles ohne anzuklagen, einfühlsam, genau beobachtend, mit einen augenzwinkernden Humor und voller menschlicher Wärme. Zuletzt versuchten einige Mitglieder der Initiative in Polen weitere Informationen über die beschriebenen Verhältnisse zu bekommen. Die Schweinfurter besuchten das Archiv des KZ Groß-Rosen, das die Arbeit der Initiative mit weiterem Material, Zeugenaussagen unterstützte. Es gab ein Treffen mit Historikern des Stadtmuseums, man suchte nach den Überresten der drei Kugelfischerwerke, nach den Unterkünften der Zwangsarbeiter und nach den von Calossi beschriebenen Plätzen und Orten in der Stadt. Besonders beeindruckt war man vom Gelände des ehemaligen KZ in Landeshut gewesen, das fast unverändert erhalten blieb und heute als Industriepark genutzt wird. Auch das von Calossi beschriebene Örtchen Antonienwald, wo die Italiener untergebracht waren, fanden die Schweinfurter. Eine alte Dame führte die Gruppe dort zu einem Massengrab aus der Kriegszeit. Zwölf primitive Holzkreuze am Waldrand erinnern an Opfer der Nazibarbarei.

Mit einer Fülle von neuen Eindrücken und viel neuem Material aus Landeshut arbeitet die Initiative derzeit mit Hochdruck an der Fertigstellung des Buches. Im November 2002 soll es der Öffentlichkeit im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung vorgestellt werden.

Weitere Informationen: http://www.puk.de/zwangsarbeit_schweinfurt


In zweiter Auflage erschienen: Mit den Augen der Überlebenden
In einer stabileren Aufmachung - fester Umschlag, bessere Papierqualität - hat der Schmetterling Verlag die zweite Auflage des Rundgangs durch die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück herausgebracht. Dieser Rundgang führt zu 25 Stationen auf dem Lagergelände, die in einen Faltplan eingezeichnet sind. Zu jeder Station berichten Überlebende über ihre persönlichen Erinnerungen. Zu Wort kommen Frauen aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden, Italien, Spanien, Polen, der Sowjetunion, Dänemark, Belgien, Deutschland, Luxemburg, der Tschechoslowakei, Jüdinnen, die Anfang 1945 von Auschwitz nach Ravensbrück, genauer in das Lager Uckermark, zu diesem Zeitpunkt Vernichtungslager, deportiert wurden, und eine Sintezza. Soweit es möglich war, wird jede Überlebende mit einem Jugendfoto und knappen biografischen Angaben vorgestellt. Bei der Station Männerlager berichtet - neben Hermine Jursa, Marie-Claude Vaillant-Couturier und Helene Overlach - Emanuel Kolarik, ein Überlebender aus Tschechien, über die schwere Arbeit. Zu den persönlichen Zeugnissen gehören auch im Lager heimlich gefertigte Zeichnungen und Gedichte. So findet sich zum Appellstehen auf dem Appellplatz und auf der Lagerstraße ein Gedicht der sowjetischen Kriegsgefangenen Alexandra Sokowa, das diese unerträgliche Situation in die Worte fasst: "Diese Kälte, dieser Hunger, diese Qualen! Dieses ,In die Fresse schlagen' von Ravensbrück! Daran werden wir uns ewig erinnern, wie wir hier stehen mußten." Einige der Stationen wie z.B. das Siemenswerk, das Siemenslager, das Faserstoffwerk und das Lager Uckermark sind
noch immer schwer oder gar nicht zugänglich; auch die Trassenführung der B 96 ist noch immer nicht geklärt. Um so wichtiger ist es, dass der Faltplan auch die neuesten Grabungsfunde auf dem Uckermarkgelände enthält. Im nächsten Jahr, so hat der Herausgeber, die Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis angekündigt, wird der Rundgang auch in Englisch, Französisch und Polnisch vorliegen.

Mit den Augen der Überlebenden. Ein Rundgang durch die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Herausgegeben von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis. Redaktion: Ursula Krause-Schmitt, Christine Krause. Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2002.

Folker Behrens


Vielstimmiges Schweigen
Schon bald nach 1945 gingen Ost- und Westdeutschland auch im Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus ihre eigenen Wege. Im Westen erhob man Juden, Geistliche und Opponenten aus Adel und Bürgertum, im Osten Männer und Frauen aus der Arbeiterbewegung zu Symbolfiguren von Verfolgung durch und Widerstand gegen den Nationalsozialismus, wobei man jeweils diejenigen Nazigegner und -opfer aus dem öffentlichen Gedenken ausschloss, die nicht in das eigene politische Konzept passten. Einig war man sich jedoch hüben wie drüben im Unwillen, diejenigen Personen als NS-Verfolgte anzuerkennen, die damals wie heute am Rande der Gesellschaft standen, die weder dem (westlichen) Bild von bürgerlicher Wohlanständigkeit noch dem (östlichen) vom disziplinierten antifaschistischen Kämpfer entsprachen: die aus "eugenischen" Gründen Zwangssterilisierten, die Opfer der "Euthanasie"-Morde, die als "Berufsverbrecher", "Arbeitsscheue" oder "Asoziale", als "175er", "Zigeuner" oder "Sektenmitglieder" ins KZ Gesteckten - sie alle waren des Opfer-Status' nicht würdig.

In der Bundesrepublik wurden schon früh die diskriminierenden Praktiken der Behörden und Gerichte in den Verfahren zur Anerkennung als Nazi-Opfer (und der damit verbundenen "Wiedergutmachung") öffentlich angeprangert, mit durchaus bemerkenswertem Erfolg für die NS-Geschädigten. Die nicht weniger einseitige Praxis der DDR blieb jedoch bis heute weitgehend unbekannt. Der vorliegende Band ist dazu angetan, diese Lücke ein wenig zu schließen. Am Beispiel von "Euthanasie"Opfern, "Zigeunern", "Asozialen" und politischen Nonkonformisten zeigen sieben der 15 Beiträge, wie der Prozess der Ausgrenzung von NS-Geschädigten aus dem Kreis der anerkannten "Opfer des Faschismus' im Osten Deutschlands seit Sommer 1945 verlief, welche negativen Folgen dies für die Opfer hatte und wie die Täter in Ost und West davon profitierten.

Zwei Beiträge schildern, wie die Publikation "unerwünschter' Memoiren von KZ-Überlebenden verhindert wurde. So berichtet Joachim Meinert aus eigener Erfahrung als Verlagslektor, warum Primo Levis Hauptwerk "Ist das ein Mensch? in der DDR nicht erscheinen konnte. Levi schildert hierin nämlich präzise, illusionslos und von jeglichem Pathos frei das (Über)Leben eines "gewöhnlichen" Häftlings im KZ Auschwitz, die Rolle der Kapos in der "Grauzone" zwischen Täter und Opfer und das Zusammenrücken der "reichsdeutschen" Häftlinge, "Grünen" wie "Politischen", mit der SS, als die Rote Armee immer näher kam und alle Deutschen begannen, sich vor der Rache von Befreiern und Befreiten zu fürchten. Dies widersprach jedoch offen dem an der großen Erzählung vom heroischen antifaschistischen Kampf im KZ und der internationalen Häftlingssolidarität ausgerichteten offiziellen Geschichtsbild, in welches Gründungsmythos und historische Legitimation der DDR eingebettet waren und das daher von deren politischer Klasse mit Zähnen und Klauen verteidigt wurde.

Drei Artikel sind dem schwierigen Umgang der SED mit Rückkehrern aus der Sowjetunion und (mehr oder weniger prominenten) "Abweichlern" wie etwa Lena Fischer gewidmet. Bernd-Rainer Barths Beitrag befasst sich unter Auswertung bisher im Westen weitgehend unbekannter ungarischer Quellen mit der zwielichtigen Persönlichkeit von Noel Field, der Schlüsselfigur der osteuropäischen Schauprozesse der Stalin-Ära, und Martin Straub analysiert überzeugend das literarische Spätwerk Franz Fühmanns auf dem Hintergrund von dessen Lebenserfahrung in zwei deutschen Diktaturen. Die Brücke zur Gegenwart schlägt Regina Scheer, die am Beispiel Brandenburgischer Krieger- und NS-Opfer-Denkmäler deren wechselvolle Geschichte von Umwidmung bis Entsorgung aufzeigt.

"DDR-Antifaschismus" ist ein weites Feld, und zudem eines, auf dem noch heute manche Nerven blank liegen. Niemand wird ernsthaft daran zweifeln, dass sich in der DDR viele Männer und Frauen, vor allem die Überlebenden der Lager, ernsthaft darum bemüht haben, den Schwur von Buchenwald "Nie wieder Faschismus" in die Tat umzusetzen. Vielstimmiges Schweigen zeigt aber auch, dass hinter der Fassade des staatsoffiziellen "Antifaschismus" aus politischen Gründen NS-Gegner mundtot gemacht wurden, dass so manchem NS-
Belasteten gegenüber mehr als ein Auge zugedrückt wurde und dass ein Faschismus-Konzept, das die für den deutschen Nationalsozialismus charakteristische biologistische Komponente ausblendete, nämlich die radikale "Ausmerze" allen "kranken" und "artfremden Blutes" aus dem "deutschen Volkskörper", die große Mehrzahl der deutschen NS-Opfer gar nicht erst ins Blickfeld kommen ließ. Vielstimmiges Schweigen zeigt uns: Es gab doch mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Deutschen in Ost und West, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Annette Leo, Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus. Berlin: Metropol, 2001.

Joachim Neander