Nordfriesland Tageblatt, 17. Oktober 2012

Von Bernd Philipsen

 


Flensburg. "Es lebe die Freiheit!" Das waren die letzten Worte des 25-jährigen Münchner Studenten Hans Scholl unmittelbar vor seiner Hinrichtung 1943. Sekunden später wurde der Mitgründer der von jungen Männern und Frauen getragenen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" von Nazi-Schergen geköpft.

Scholls beschwörender Ausruf, der einem Vermächtnis für die Zukunft gleichkommt, steht über einer Ausstellung, die den Widerstand junger Menschen gegen das Terrorregime des Nationalsozialismus beleuchtet. Diese Dokumentation ist Kernpunkt der vom lokalen Initiativkreis "Erinnern, um zu lernen - gedenken, um zu verändern" organisierten Veranstaltungsreihe zu diesem Themenkomplex und ist bis zum 3. November im Foyer der Zentralen Hochschulbibliothek auf dem Campus zu sehen. Die Wanderausstellung "Es lebe die Freiheit!" wurde erarbeitet vom Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933 - 1945 in Frankfurt am Main.

Flensburg ist eine der ersten Stationen dieser Ausstellung, an deren Konzeption der Politikwissenschaftler Thomas Altmeyer maßgeblich beteiligt war. Wie er anlässlich der Ausstellungseröffnung erläuterte, hätten bereits zu Beginn der NS-Herrschaft junge Menschen versucht, sich der Allmacht von Partei und Staat zu verweigert und Widerstand zu leisten, obwohl die NS-Ideologie rasch Eingang gefunden habe in Schulen und Universitäten. Gegen die Gleichschaltung der Jugendkultur im Sinne der Nationalsozialisten hätten in erster Linie Jugendorganisationen der Arbeiterbewegung opponiert. Aber auch aus dem katholischen und dem bündischen Milieu habe sich nennenswerter Widerstand artikuliert. Während des Krieges entwickelten sich, so Altmeyer weiter, auch neue Formen von Opposition und Widerstand. Zudem hätten sich so genannte "wilde Gruppen" gebildet wie etwa die "Edelweißpiraten" und die Swingjugend.

Die informative Ausstellung, die aus mit Texten, Fotos und Zeitdokumenten versehenen Tafeln besteht und durch Bücher aus dem Bestand der Hochschulbibliothek ergänzt wurde, stellt laut Altmeyer exemplarisch dar, wie junge, widerständige Menschen auf unterschiedliche Weise versuchten, gegen den Strom zu schwimmen und sich der von den braunen Machthabern propagierten NS-Volksgemeinschaft zu entziehen. "Sie wollten sich einfach nicht von der Hitler-Jugend oder dem Bund Deutscher Mädel, dem weiblichen Zweig der HJ, vereinnahmen lassen und gingen ihren eigenen Weg."

Über 30 junge Gegnerinnen und Gegner des NS-Regimes stellt die Ausstellung in Wort und Bild vor. Die meisten von ihnen agierten in Gruppen oder Netzwerken; sie alle - auch verschiedene Einzelgänger und Außenseiter - waren der Staatsmacht ein Dorn im Auge. So auch die Sozialistin und Widerständlerin Irmgard Heydorn, die ihre Rückschau auf die Zeit der Verfolgung mit einer Botschaft für die Gegenwart und Zukunft verbunden hat: "Heute ist es viel leichter, Nein zu sagen, Courage zu zeigen. Mehr Mut zu Kritik und Opposition im Alltag - das täte uns gut."

Zum Rahmenprogramm gehören die Vorführung des Spielfilms "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (17. Oktober, 19 Uhr), ein Vortrag von Ralf Wüstenberg über "Dietrich Bonhoeffers Weg in den politischen Widerstand" (18. Oktober, 18 Uhr), die Vorführung des Spielfilms "Edelweißpiraten" (24. Oktober, 19 Uhr), eine Lesung mit Lars Lust über "The Flat Foot Floogee - Hamburger Swingheinis im Dritten Reich" (28. Oktober, 17 Uhr) und ein Vortrag von Ulrich Sander über "Jugendwiderstand im Krieg und seine Bedeutung für uns heute am Beispiel der Helmuth Hübener Gruppe" (31. Oktober, 19 Uhr); diese Veranstaltungen finden in der Campelle auf dem Campus statt.

 

Artikel online abrufbar unter: http://www.shz.de/nachrichten/lokales/schleibote/artikeldetails/artikel/die-gegen-den-strom-schwammen.html?print=1&cHash=e35a2e6e1fb90357298431d7d42f1135