Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 01.03.2013

Von Hans Riebsamen



Mit dem Ort Marzabotto bei Bologna verbindet sich für die Italiener das schlimmste Kriegsverbrechen der deutschen Besatzungstruppen während des Zweiten Weltkriegs. An die tausend Zivilisten sind zwischen dem 29.September und dem 1.Oktober 1944 in der Apenninen-Gemeinde von Männern der Division „Reichsführer SS“ und der Wehrmacht in einer Strafaktion gegen Partisanen ermordet worden. Heute gibt es in Marzabotto einen Park und eine Gedenkstätte, die an das Verbrechen erinnern. In ein Gästebuch können sich die vielen Besucher eintragen.

Deutsche Namen hat Christoph Jetter, ein früherer Darmstädter Gewerkschaftssekretär, fast noch nie entdeckt, obwohl viele Tausende von Touristen aus Deutschland jedes Jahr in der Region Urlaub machen. Denn der Name Marzabotto sagt den meisten Deutschen nichts. Sie wissen in der Regel auch nicht, dass Italien am Ende des Zweiten Weltkriegs Schauplatz von Massakern, Deportationen und erbitterten Partisanenkämpfen gewesen ist.
Gelbe und rote Punkte auf der Landkarte

Das möchte Jetter ändern. Zusammen mit seinem Gewerkschaftskollegen Hermann Unterhinninghofen und zwei weiteren Mitstreitern hat er für den im Frankfurter Westend ansässigen Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 bis 1945 das Internet-Portal „Gedenkorte Europa 1939-1945“ eingerichtet. Ziel des 1967 in Frankfurt von Martin Niemöller, Wolfgang Abendroth und anderen gegründeten Studienkreises ist die Erforschung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und die Erinnerung daran.

Ruft man unter www.gedenkorte-europa.eu das neue Portal auf, sieht man eine Landkarte Europas mit großen gelben und roten Punkten auf dem Staatsgebiet von Italien und Frankreich. Klickt man beispielsweise den roten Punkt über Norditalien an, erscheinen weitere Punkte auf einer Detailkarte der Emilia-Romagna. Die Besucher können sich herunterklicken bis auf Marzabotto und die genauen Orte des damaligen Massakers. Dazu erhalten sie Angaben über die Vorkommnisse in jenem Herbst des Jahres 1944, in dem so viele Einwohner der Gemeinde ihr Leben lassen mussten.

Geschichte, die nicht im Reiseführer steht

Fünf Jahre lang haben Jetter und Unterhinninghofen in Italien und Frankreich recherchiert, über Lager, Massaker, Deportationen, aber auch über Schauplätze des Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Ihr Portal führt nicht nur die bekannten Orte von Kriegsverbrechen wie Marzabotto und die Ardeatinischen Höhlen in Italien oder Oradour-sur-Glane in Frankreich auf, sondern auch um die 700 weitgehend unbekannte Schauplätze wie den Weiler Falzano di Cortona in der Toskana und das Dorf Maillé südlich von Tours. In Falzano sprengten deutsche Einheiten als Vergeltung für Partisanenangriffe zwei Häuser samt Bewohnern in die Luft, in Maillé erschossen deutsche Soldaten 150Bewohner und zerstörten das ganze Dorf.

„Dieser Teil von Geschichte kommt in den Reiseführern über Italien und Frankreich nicht vor“, sagt Jetter. Mit dem Internetportal wollen er und Unterhinninghofen die „blinden Flecke“ zum Verschwinden bringen und deutschen Reisenden in den beiden Ländern ein wenig die Augen öffnen für eine Verfolgungsgeschichte, derer sich die Einheimischen, aber nur wenige ihrer Gäste bewusst sind. Wer in die Toskana fährt oder sich in der Bretagne ein Ferienhaus mietet, kann sich nun auf einfache Weise und unentgeltlich über Erinnerungsorte in seiner Urlaubsregion per Handy oder Laptop informieren. Die beiden Autoren haben die Erfahrung gemacht, dass die Einheimischen gerne Auskunft über die damaligen Geschehnisse geben und dankbar sind, wenn sich die Nachkommen der deutschen Besatzer kundig machen.
Heldenhafter Widerstand in Europa

Der Studienkreis hat darauf verzichtet, die Informationen als Buch zu veröffentlichen, weil Urlauber vermutlich nicht einen Band mit Orten der Erinnerung in die Ferien mitnehmen würden. Das Internetportal hingegen können sie an dem jeweiligen Ort mit ein paar Klicks öffnen. Außerdem lassen sich die elektronisch gespeicherten Informationen problemlos ergänzen. Dies ist allein schon deshalb nötig, weil noch einige französische Regionen wie die Normandie fehlen und auch Süditalien noch längst nicht komplett ist. Ganz zu schweigen von anderen Ländern wie Polen, den baltischen Staaten, Norwegen, Dänemark oder Griechenland.

Sie aufzunehmen, ist das langfristige Ziel des Studienkreises. Er hofft, bald mit dem Einstellen von griechischen und baltischen Erinnerungsorten in das Internetportal beginnen zu können. Doch Europa ist groß, und das deutsche Herrschaftsgebiet während des Zweiten Weltkriegs hat einen Gutteil des Kontinents umfasst. Auch außerhalb von Italien und Frankreich hat es Kriegsverbrechen und heldenhaften Widerstand gegeben. Sachkundige Mitstreiter, die bei der Erweiterung der Datenbank helfen können, sind willkommen.

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/internetportal-des-deutschen-widerstands-digitale-erinnerung-an-orte-des-schreckens-12100026.html