Main-Spitze, 23-03-2010 (http://www.main-spitze.de/region/trebur/8653234.htm)

Erinnern an das Verbrechen

23.03.2010 - NIERSTEIN

Von Renate Danker

KORNSAND Zum 65. Jahrestag versammeln sich über 100 Menschen am Gedenkstein / Thomas Altmeyer hält Rede

/KORNSAND. Am 65. Jahrestag der Kornsand-Verbrechen versammelten sich über 100 Menschen am Gedenkstein, um an das Unfassbare zu erinnern, das sich am 21. März in unmittelbarer Nähe zugetragen hatte. Darunter waren Menschen aus den betroffenen Gemeinden Oppenheim, Nierstein und Trebur, aber auch aus dem Kreis Gerau und darüber hinaus. Offiziell vertreten wurde die Stadt Oppenheim durch Bürgermeister Marcus Held, der am Ende der Gedenkstunde zusammen mit dem Ersten Beigeordneten Hartwig Lorenz aus Nierstein und dem Treburer Bürgermeister Jürgen Arnold einen Kranz niederlegte. Angehörige der Opfer waren diesmal nicht zu der Gedenkstunde gekommen.

Eingeladen hatte wie schon seit Mitte der achtziger Jahre der "Arbeitskreis Kornsand", deren Sprecher der ehemalige Geinsheimer Pfarrer Walter Ulrich ist. Er übernahm die Begrüßung und verhehlte dabei auch nicht seine Freude über die vielen jugendlichen Teilnehmer. Wie es seit Beginn der regelmäßigen Gedenkstunden guter Brauch ist, wird zu den runden und halbrunden Jahrestagen immer ein besonderer Redner eingeladen. Diesmal hatte man Thomas Altmeyer vom "Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 - 1945" dazu gewinnen können.

Altmeyer bezeichnete die Tat als "Endphasenverbrechen". So werden nationalsozialistische Verbrechen genannt, die in den letzten Tagen und Wochen des Zweiten Weltkieges begangen wurden und mit dem Überschreiten der Reichsgrenzen durch die Alliierten begannen. Typische Tätergruppen waren Angehörige von NS-Organisationen wie Gestapo, SS, aber auch Wehrmacht, typische Opfergruppen Zivilisten, die der Wehrkraftzersetzung beschuldigt wurden. Vorausgegangen war der Befehl des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, umstürzlerische Betätigungen deutscher Linker und ausländischer Arbeiter vorzubeugen und diese zu vernichten.

Altmeyer zitierte die Inschrift des Gedenksteins und erinnerte namentlich an das Leben der sechs hingerichteten Opfer: Georg Eberhardt, Cerry Eller, Johann Eller, Nikolaus Lerch, Jakob Schuch (alle aus Nierstein) und Rudolf Gruber aus Oppenheim. Die meisten der Männer bis auf Gruber seien aus dem sozialdemokratischen oder kommunistischen Umfeld gekommen. Cerry Eller, jüdischer Abstammung, sei schon früher einmal verhaftet und eingesperrt gewesen. In den letzten Kriegstagen seien die sechs Personen wegen "Aufwiegelei" verhaftet und nach Darmstadt gebracht worden. Weil man sie dort wieder entließ, traten sie den Heimweg an. Die Fähre diente aber nur noch militärischen Zwecken, deshalb wollten die sechs mit einem Nachen über den Rhein setzen, wozu es aber nicht kam, weil der aus Nierstein stammende Offizier Heinrich Funk sie mit vorgehaltener Pistole zwang, aus dem Nachen auszusteigen und sie erneut verhaftete.

"Die Hinrichtung war beschlossene Sache", fasste Altmeyer zusammen. Nach einer kurzen Verhandlung mussten die sechs sich ihre Gräber schaufeln, ehe sie von Leutnant Hans Kaiser mit Genickschuss getötet wurden.