Der Antifaschist und Widerstandskämpfer Peter Gingold nahm an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 2004 teil. Nicht auf Einladung des Bundeskanzlers, der sich von ehemaligen Wehrmachtssoldaten begleiten ließ, sondern auf Einladung des französischen Staatspräsidenten. Denn Peter Gingold kämpfte aktiv in der Résistance für die Befreiung vom Faschismus. Im Rahmen der Feierlichkeiten kam es zur Begegnung zwischen ihm und den ehemaligen Wehrmachtsangehörigen. Peter Gingold stellte sich als deutscher Widerstandskämpfer in der Résistance vor. "Da haben Sie gegen Deutschland gekämpft", wurde ihm sofort attestiert. "Keinesfalls", betonte Gingold, "Wir haben dazu beigetragen, Frankreich vom Faschismus zu befreien und wir haben damit für die Befreiung Deutschlands gekämpft." Die Antwort kam prompt: "Wir wollten doch gar nicht befreit werden."

Wir wurden 12 Jahre belogen,
um unsere Jugend betrogen,
geknechtet, verhaftet, geschunden!
Wir saßen in Kerker u. Lager -
bei Steckrüben wurden wir mager -
und ihr habt Hitler die Kränze gewunden!
Wir gaben Gesundheit und Leben
und haben das Beste gegeben
für Freiheit und Recht und Ideen!
Wir schienen euch allen verloren -
ein Teil ist noch da! - Neugeboren! -
und sieht unser Land jetzt in Zuckung und
Wehen!

Die Tode unzählig wir starben,
voll Wunden, Krankheit u. Narben
und haben wie Tiere gelitten!
Wir haben geschwitzt und gefroren,
doch die Hoffnung niemals verloren!
Und gegen Hitler 12 Jahre gestritten!
Wir "lebten wie Fürsten" sagt Einer,
der sicher Pg war, sooon Kleiner.
Uns hat man alles genommen!
Wir sollen es wiederbekommen -
laut Zeitungen und großen Reden!
Ich hab weder Wohnung noch Kleider,
doch die Hitler-Wegbereiter!

 

Dieser Wortwechsel sagt vieles über die Befndlichkeit der Deutschen nicht nur am 8. Mai 1945, sondern auch 60 Jahre danach. Ist die derzeitige Fokussierung auf die Opferrolle der Deutschen ein neues Phänomen in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen barbarischen Folgen? Die Leugnung der Verbrechen, das Freisprechen von Schuld, die Verunglimpfung der Opfer, die Verleumdung und Ausgrenzung der Widerständigen, die ungebrochenen Karrieren von Tätern, die Gebiets- und Besitzforderungen von Vertriebenenverbänden, die Verweigerung von Entschädigungszahlungen für die Opfer
der NS-Verfolgung, für Raub und Zwangsarbeit, die teilweise hoch emotionalen Abwehrreaktionen auf das Gedenken an die verbrecherischen Taten und deren Opfer in Deutschland, die ständigen Versuche der Relativierung der Verbrechen und die Betonung der eigenen Opferrolle ziehen sich wie ein roter Faden durch die deutsche Nachkriegsgeschichte. Die Versuche, die Identitätsfindung der deutschen Nachkriegsgesellschaft über die Begrifflichkeit der "Stunde Null" zu definieren, verleugnen von Grund auf die Verstrickung der großen Mehrheitsgesellschaft in die Verbrechen des NS-Staates. Der Historiker Götz Aly weist in seinem neuesten Buch "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" sehr deutlich darauf hin, wie sich die deutsche Bevölkerung von den Nationalsozialisten korrumpieren ließ, in dem sie materiell vom Raubzug zunächst an der jüdischen Bevölkerung im eigenen Land und dann durch ganz Europa profitierte. Die Nazis erzwangen sich nicht nur die Loyalität, sie erkauften sie sich mit materiellen Wohltaten und Steuergeschenken, mit ungeahnten Karrierechancen für die Jungen, mit bis dahin unvorstellbaren Forschungsmöglichkeiten für Wissenschaftler, mit unglaublichen Gewinnchancen für die Großindustriellen und mit dem zügellosen Ausleben der Kriegsgelüste der Wehrmachtsgeneralität und letztendlich mit einer Rassenideologie, die es Menschen ermöglichte, sich über andere zu erheben. Und die Mehrheit der Deutschen ließ sich kaufen.

Diejenigen, die den aufrechten Gang gingen, die Widerstand leisteten, die versuchten, sich dem verbrecherischen System entgegenzustellen, befanden sich in der Minderheit. Und so nimmt es auch nicht Wunder, wenn Peter Gingold, der den 8. Mai 1945 als Widerstandskämpfer in Italien erlebte, vom überwältigenden Gefühl spricht, das er empfand, als er gemeinsam mit den Turinern die Befreiung vom Faschismus feierte, da er sich unter lauter Menschen befand, die sich selbst als Befreite und Befreier empfanden. In Deutschland wäre dies nicht möglich gewesen.

Albert Simmedinger, der als Kommunist im illegalen Widerstand gegen die Nazis arbeitete, dafür 10 Jahre Haft im Zuchthaus und im Konzentrationslager Sachsenhausen verbringen musste und im April 1945 mit viel Glück den Todesmarsch überlebte, gibt in dem oben zitierten Gedicht, dass er im Oktober 1945 verfasst hat, sehr deutlich seine Wahrnehmung des Nachkriegsdeutschlands wieder.

Die Deutschen haben sich nicht selbst befreit, sie sind befreit worden, und viele haben diese Befreiung zunächst einmal lediglich als Befreiung vom täglichen Elend des Krieges empfunden. Und diejenigen, die Widerstand geleistet hatten, die den aufrechten Gang gegangen waren, sie wurden sehr schnell wieder ausgegrenzt von der Mehrheitsgesellschaft, denn sie waren wie ein Spiegel, der deutlich machte, dass man sich hätte anders entscheiden können, der zurückwies auf die Mitläufer, auf die Profiteure, auf die Täter des verbrecherischen Systems. So stellte es sich zumindest in den westlichen Besatzungszonen und der entstehenden Bundesrepublik dar. Und in der sowjetischen Besatzungszone? Dort ging man zwar konsequenter
gegen Täter des NS-Systems vor, aber gleichzeitig erkaufte man sich in der entstehenden DDR mit einem verordneten Antifaschismus, der den Blick nicht auf die Verwicklungen der Mehrheitsgesellschaft in das NS-System warf und somit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung auswich, die Loyalität der Menschen mit dem neuen sozialistischen System.

Die heute versuchte Identitätsfindung eines "neuen Deutschland" geht einen ganz fatalen Weg. Im Vordergrund steht dabei die Forderung nach "Normalität" im Umgang mit der Geschichte der NSZeit. Dazu gehören die Betonung der Opferrolle der Deutschen und der Versuch der Gleichsetzung mit den Opfern der
Naziverbrechen, die Relativierung der Verbrechen durch Übertragung der Begrifflichkeiten auf heutige Konfliktfelder in der Welt, die Hervorhebung, dass besonders die Deutschen gelernt hätten, mit ihrer Geschichte verantwortlich umzugehen und der Anspruch, man brauche sich das neue Selbstbewusstsein nicht ständig mit der "Moralkeule" Auschwitz kaputtschlagen zu lassen. Dazu werden Begriffe wie Patriotismus, Stolz, Vaterland und Leitkultur in die Debatte geworfen, deren Besetzung man nicht den Rechtsradikalen überlassen
dürfe. Diese Identitätsfindung ist gefährlich rückwärtsgewandt.

Mit den Beiträgen in den informationen zum 60. Jahrestag des 8. Mai 1945 wollen wir Anstöße zu einer aufrechten Form der Identitätsfindung geben. "Was halten Sie vom Film ,Der Untergang'?", wurde Peter Gingold auf einer Veranstaltung gefragt. Seine Antwort: "Der 8. Mai 1945 war der Tag der Befreiung. Der Tag des Untergangs war der 30. Januar 1933."
Heiko Lüßmann